Dating ist nicht einfach – noch weniger für Menschen im Rollstuhl, die gegen Vorurteile, Unsicherheiten und Unverschämtheiten kämpfen müssen. Wir haben Erfahrungen und Tipps fürs Dating im Rollstuhl zusammengestellt.
- 7 Minuten Lesezeit
- 15. Dezember 2025
- Elina
Menschen mit einer Behinderung zu daten ist für viele noch immer ein Tabu. Zweifel und Missverständnisse über Behinderungen stehen Beziehungen zwischen Menschen mit und ohne Rollstuhl im Weg – obwohl solche Beziehungen natürlich ebenso romantisch sein und gut funktionieren können. Wir fassen Dating-Erfahrungen von Personen im Rollstuhl zusammen und geben Tipps, wie ihr häufige Herausforderungen angehen könnt.
Disclaimer: Die Autorin dieses Beitrags ist nicht im Rollstuhl, interessiert sich aber sehr für das Thema. Alle Geschichten und Tipps wurden aus Erfahrungsberichten von Personen mit einer Behinderung entnommen.
Erfahrungen mit Dating bei Querschnittlähmung
Noah erläutert Einschränkungen beim Dating im Rollstuhl
Noah ist trans und bisexuell. Seit einem Autounfall im Alter von 17 Jahren lebt er mit einer Querschnittlähmung und möchte wieder ins Dating-Leben zurückfinden. Doch der Rollstuhl behindert ihn in verschiedenen Situationen. So ist es ihm beispielsweise nicht möglich, die Hand seines Dates zu halten, da er seine Hände für den Rollstuhl braucht. Ausserdem erzählt er, dass es anstrengend ist, immer wieder aufs Neue seine sexuellen Funktionen erklären zu müssen. Das schränkt die Spontanität stark ein, egal wie offen das Gegenüber ist.

Noah würde beim Spazierengehen gerne die Hand seines Dates halten, aber er braucht seine Hände für den Rollstuhl. (Bild: https://www.backuptrust.org.uk)
Die Organisation für Menschen mit Querschnittlähmung «Back up» hat ihm Tony als Mentor zur Seite gestellt. Als schwuler Mann im Rollstuhl versteht Tony Noahs Bedürfnisse gut. Gemeinsam haben sie an Noahs Selbstbewusstsein gearbeitet. Tony hat ihm auch erklärt, dass er niemandem eine Erklärung schuldet. Für Noah ist die Community, die er sich mittlerweile aufgebaut hat, sehr wichtig, um im Dating-Leben zurechtzukommen und um Erfahrungen auszutauschen.
Drei Menschen mit Behinderung erzählen ihre skurrilen Dating-Erfahrungen
Drei Personen mit Behinderung aus Grossbritannien teilten ihre Online- und persönlichen Dating-Erfahrungen mit der britischen Tageszeitung «The Guardian»: «Disabled dating on Tinder: ‹People ask if I can have sex›».
Wie andere Menschen versuchten sie ihr Glück auf Online-Dating-Plattformen. Dabei hatten sie ähnliche Zweifel: Lädt man ein Profilfoto hoch, auf dem die Behinderung erkennbar ist? Wann ist der beste Zeitpunkt, um dem potenziellen Date die Behinderung zu offenbaren?
Das Schlimme ist, dass eine Behinderung fast nie gut ankommt, egal, wann man sie preisgibt. Selten bekommt man Bonuspunkte für Ehrlichkeit, wenn man die Karten sofort auf den Tisch legt. Die meisten Nicht-Behinderten verlieren ihr Interesse oder befürchten, wie im Artikel beschrieben, dass eine behinderte Person keinen Sex haben kann.
Wenn man die Behinderung nicht gleich erwähnt, verläuft der Online-Teil vielleicht gut. Doch beim ersten Treffen wird es meist schwierig. Michelle Middleton aus Liverpool hat eine zerebrale Lähmung und hinkt. In dem Artikel teilt die damals 26-Jährige ihre schlimme Erfahrung mit einem Typen während ihrem ersten (und letzten) Treffen. Er kommentierte ihre Behinderung so: «Ach komm, du hattest gesagt, du hinkst ein wenig, aber das ist definitiv mehr als ein wenig hinken. Das lässt sich nicht schönreden!» Michelle war so geschockt, dass sie sofort den Raum verliess.

Michelle Middletons Profilbild auf Tinder. (Bild: https://www.theguardian.com)
Der Rollstuhl hilft Ali, die oberflächlichen Männer auszusieben
Ali Ingersoll ist über 40, geschieden und Tetraplegikerin. Nach sieben Jahren intensiver medizinischer Betreuung möchte sie ihr Körpergefühl und ihre Sexyness wiederfinden und probiert es mit Online-Dating. Ali geht diese Reise mit Humor und Offenheit an und schreibt in ihrem Blog über ihre Erfahrungen.
So erzählt sie, dass ihr Rollstuhl wie ein Filter wirkt. Alle, die davon abgeschreckt sind, würden ohnehin nicht hinter ihre Fassade blicken. So spart sie Zeit, die sie lieber mit aufrichtigen Männern verbringt.
Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich und die neue Situation akzeptieren konnte. Doch jetzt hat sie das Selbstbewusstsein, um die Situation zu kontrollieren. Sie weiss genau, was sie will und was sie verdient hat. Und so hat sie nach einigen «Fröschen» (Alis Wortwahl) einen wundervollen Mann kennengelernt, der sie mit all ihren Stärken und Schwächen liebt und an ihrer Seite bleibt.

Für Ali Ingersoll dient der Rollstuhl wie ein Filter gegen oberflächliche Männer. (Bild: https://aliingersoll.com/)
Es braucht (sexuelle) Aufklärung über Behinderungen
Es überrascht nicht, dass sich viele Nicht-Behinderte gegenüber Menschen mit Behinderung beim Date so enttäuschend verhalten. Für eine Studie in Grossbritannien im Jahr 2015 wurden 500 Personen ohne Behinderung befragt. Nur etwa fünf Prozent von ihnen waren jemals mit einer behinderten Person ausgegangen, die sie online kennengelernt hatten. Und acht von zehn Personen hatten noch nie eine Person mit Behinderung zu einem sozialen Event mitgenommen.
Wer nie Kontakt zu Menschen im Rollstuhl hatte, sieht sich vor und während einem Dating mit vielen Fragen konfrontiert und hat Angst, etwas falsch zu machen. Womöglich haben viele nicht die nötige Zeit oder Stärke, um eine Beziehung zu einem Menschen im Rollstuhl einzugehen. Zudem kursieren Mythen wie «es ist kein Sex möglich» oder «der/die Partner/in ist für die Pflege verantwortlich».
Der berühmte Film «Ziemlich beste Freunde» handelt von Philippe, einem Tetraplegiker, und seinem Betreuer Driss. Der Film zeigt auf humorvolle Weise, dass das Leben trotz grosser Einschränkungen lebenswert ist. Er gibt auch einen kleinen Einblick in die Sexualität mit einer Tetraplegie. Vielleicht erinnert ihr euch an die Szene, in der Driss einem Callgirl sagt, sie solle nur Philippes Ohren streicheln, da er sonst nichts spürt.

«Nein nein, nicht weiter. Kümmere dich um die Ohren», sagt Driss, der Betreuer des Tetraplegikers Philippe, zu einem Callgirl im Film «Ziemlich beste Freunde». (Bild: https://www.youtube.com)
Diese Art von Aufklärung über Behinderungen kann hilfreich sein, viele Menschen lernen daraus. Doch leider gibt es nur wenige gute Filme oder Bücher über Menschen mit Behinderung. So bleiben viele Fragen und Unsicherheiten, was die Situation für beide Seiten erschwert.
Herausforderungen und Tipps für das Dating im Rollstuhl
Beim Dating gibt es kein Richtig oder Falsch, da wir individuelle Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Herangehensweisen sind. Es gibt jedoch einige Dinge, an denen wir uns orientieren können, um erfolgreicher – oder zumindest entspannter – zu daten. Die folgenden Dating-Tipps basieren auf Erfahrungsberichten von Menschen im Rollstuhl.
Herausforderung 1: Behinderung offen ansprechen
Früh im «Dating-Prozess» tauchen Fragen auf wie «Zeige ich den Rollstuhl in meinem Profil?» – und falls ich das nicht will, «Wann spreche ich den Elefanten im Raum an?». Wird das Thema zu früh angesprochen, besteht die Gefahr, dass die andere Person schnell den Kontakt abbricht – aus Überforderung, Vorurteilen oder anderen Gründen. Wird die Behinderung zu spät angesprochen, kann sich das Gegenüber hintergangen fühlen.
Tipp: Es ist eine Gratwanderung – am besten ist es, auf sein Bauchgefühl zu hören, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wichtig ist, dass wir selbst bestimmen, was wir teilen und wie viel wir dem Gegenüber preisgeben.
Ali Ingersoll rät in ihren Online-Dating-Tipps dazu, die eigene Behinderung offen zu kommunizieren. Menschen, die damit nicht umgehen können, fallen ihrer Meinung nach von selbst heraus.
Herausforderung 2: Mit sich selbst zufrieden sein
Das ist leichter gesagt als getan, findet Andrea Lausell in dem Artikel «Mein Körper galt immer als attraktiv – bis ich im Rollstuhl sass».
Tipp: Beim Dating steht die Persönlichkeit im Mittelpunkt. Dazu gehört gemäss Andrea Lausell auch der Rollstuhl – doch Charakter, Humor und Interessen waren schon vor dem Rollstuhl Teil der Person und haben sich nicht verändert. Und ausserdem kann man auch im Rollstuhl sexy aussehen.
Herausforderung 3: Barrierefreier Treffpunkt
Eine Verabredung im Restaurant wird zum Problem, wenn es nicht barrierefrei ist.
Tipp: Im Voraus abklären, ob der Treffpunkt rollstuhlgerecht ist. Das macht das Date vielleicht weniger spontan, aber dafür kommt es nicht zu unangenehmen Situationen. In einer angespannten Situation wie beim Dating braucht es keine zusätzliche Unsicherheit, betonen Rhonel Cinous und Ryan DeRoche in ihrem Podcast.

Im «The Ramp.It.Up! Podcast» diskutieren die beiden Tetraplegiker Rhonel Cinous und Ryan DeRoche (auf Englisch) über Dating nach einer Rückenmarksverletzung aus männlicher Perspektive. Hier könnt ihr euch die Folge «Guide to Dating After SCI for Men» anhören.
Herausforderung 4: Geduld beim Dating
Es klappt einfach nicht mit einem Date mit dem oder der «Richtigen»? Und mit jedem Mal sinkt das Selbstbewusstsein?
Tipp: Auch wenn es viele nicht mehr hören können – Dating verläuft selten schnell und erfordert Ausdauer. Dabei sind Rückschläge völlig normal, erläutern Rhonel Cinous und Ryan DeRoche in ihrem Podcast. Der Austausch mit Gleichgesinnten über die eigenen Dating-Erfahrungen kann helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Manchmal hilft es auch, sich von ihnen Tipps zu holen.
Oft wird auch von mangelndem Selbstbewusstsein berichtet und von der Einstellung, sich mit dem erstbesten Match zufriedengeben zu müssen. Doch das stimmt nicht – jeder Mensch hat verdient, sein «Perfect Match» zu finden. Und Andrea Lausell empfiehlt, das eigene Glück generell nicht von anderen Menschen abhängig zu machen.

Für ein erfolgreiches Date sind viele Herausforderungen zu überwinden – umso mehr, wenn man im Rollstuhl ist. (Bild: https://www.freepik.com)
Online-Dating ist nicht leicht und geht mit Zweifeln und Ängsten einher. Ist dazu ein Rollstuhl im Spiel, wird es noch schwieriger. Es braucht Mut und Selbstvertrauen, um sich selbst zu akzeptieren und den eigenen Wert zu erkennen. Wir sind alle Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Persönlichkeiten – ob mit oder ohne Rollstuhl.
Welche Erfahrungen habt ihr beim Dating gemacht? Erzählt uns davon.