In Märchen finden wir die Rollenbilder, die Gesellschaften bestimmten Menschen zuordnen. So auch uns in unseren Rollstühlen.
- 4 Minuten Lesezeit
- 30. September 2026
- fritz
Märchen zeigen anschaulich, welche Bilder in uns schlummern: das bildhübsche Schneewittchen, die böse Stiefmutter und die sieben Zwerge, die sich selbstlos um die verwunschene Schöne kümmern. Die Zwerge stehen stellvertretend für Menschen, die körperlich oder geistig eingeschränkt sind.
Dazu zählen auch die sogenannten Dummlinge aus den Märchen der Brüder Grimm. Sie gelten als einfältig, erweisen sich aber als so listig, dass sie ihren spottenden Mitmenschen aus der Patsche helfen. Ebenso begegnen uns in Märchen Blinde und Krüppel – Menschen, «die gekrümmt und lahm sind». Nicht zu vergessen ist das verstossene hässliche Entlein, das sich schliesslich in einen schönen und stolzen Schwan verwandelt.
Besonders schön verknüpft das Rumpelstilzchen verschiedene Eigenschaften. Es lärmt – rumpelt – und hopst auf Stelzen. Zugleich kann es Stroh zu Gold spinnen. Das entstellte Wesen verfügt über magische Kräfte. Das macht Angst.

Das Schneewittchen ist so schön, dass die böse Stiefmutter es aus Eifersucht verstösst. Zuflucht findet es bei den sieben Zwergen. (Bildquelle: https://www.researchgate.net/)
Immer stellt sich die Frage: Wie benehmen wir uns?
Märchen geben wieder, was wir verinnerlicht haben. Als Menschen im Rollstuhl sind wir dem doppelt ausgesetzt: Unsere Mitmenschen projizieren ihre Bilder auf uns, und wir müssen uns fragen, ob wir ihnen entsprechen wollen und können. Das kann zur Gratwanderung werden.
Ein Beispiel: Die meisten Menschen gehen spontan davon aus, dass wir hilfsbedürftig sind. Deshalb kränken wir sie, wenn wir zu resolut und eigenständig auftreten. Das kann uns egal sein. Doch es wird heikel, wenn wir ihre Hilfe später doch in Anspruch nehmen.
Spielen wir das hässliche Entlein, weichen uns die einen aus, während andere uns zu sehr bedrängen, weil wir in ihren Augen arm und benachteiligt sind.
Vermitteln wir, dass wir wie das Rumpelstilzchen magische Kräfte besitzen, so verunsichern wir viele. Zugleich riskieren wir, dass wir die geweckten Erwartungen nicht erfüllen können.
Sind wir hübsch wie das Schneewittchen, so ergeht es uns wie allen Schönen: Wir wecken Neid und ziehen Schwindler an, die um uns buhlen.

Als Menschen im Rollstuhl müssen wir uns immer fragen, wie wir auftreten: Provozieren wir? Geben wir uns hilflos? Tun wir so, als wäre nichts? (Bildquelle: mit KI generiert)
Wir fallen ständig auf und müssen damit leben
Fluch und Segen von Auffälligkeiten liegen nah beieinander. Wir wissen nie genau, welche Rolle uns unser aktuelles Umfeld zuschreibt. Das verunsichert uns. Wir schämen uns und fühlen uns wie die Krüppel und Dummlinge im Märchen.
Hinzu kommt, was fast immer unausgesprochen in der Luft liegt: Was hat der- oder diejenige auszubaden, was ist da schiefgelaufen? Diese Schuldfrage verfolgt die Menschen, denen wir begegnen, und dringt bis in unsere Seelen.
In unseren Rollstühlen fallen wir mehr auf, als uns lieb ist. Wir können versuchen, das zu überspielen, doch verbergen lässt sich unsere körperliche Andersartigkeit nicht.
Im modernen Märchen sind wir divers und inkludiert
So arbeiten wir heute an einem modernen Märchen. Darin sind zwar nicht alle gleich, aber niemand ist besser als die anderen. In der Welt dieses Märchens werden alle glücklich. Diese Welt ist nicht von Mehrheiten bestimmt und schreibt niemandem Rollen oder fragwürdige Eigenschaften zu. Sie akzeptiert, dass wir unterschiedlich sind, ohne dies als gut oder böse zu werten, wie es in alten Volksmärchen oft geschieht.
Dieses neue Märchen ist die Vision einer diversen Gesellschaft, die alle einschliesst, statt einzelne Gruppen nur zu dulden und mehr oder weniger erfolgreich zu integrieren. Die Gesellschaften der westlichen Industrieländer bemühen sich, dieser Vision näherzukommen.

In der inklusiven und diversen Gesellschaft sind nicht alle gleich, aber gleichgestellt. Ausgestossene hässliche Entlein gibt es nicht. (Bildquelle: mit KI generiert)
Der Weg zu diversen Gesellschaften, die trotz der vielen Unterschiede alle «inkludieren», ist holprig. Noch manches Hindernis ist zu überwinden. Der Ableismus, also der Zweifel an den Fähigkeiten von Menschen mit sichtbarer Behinderung, besteht nach wie vor, wie auch die blinde Erzählerin Lavinia Knop-Walling in ihrem YouTube-Video «Ableismus in Märchen» feststellt.
Hergebrachte Wertungen und Zuordnungen sitzen tief und können jederzeit wieder aufleben. Dann kehren wir zurück in die Welt der überlieferten Märchen.
Integriert oder inkludiert – was ist besser?
Wer als mehr oder weniger unfähig bzw. «invalid» eingestuft wird, gilt als Sonderling, ist aber meistens integriert. Im Alltag kann das bequem sein, denn der Sonderling bekommt, je nach Umständen, mehr Zuwendung als der «Inkludierte», der bloss einer von vielen gleichgestellten diversen Menschen ist.
Der Sonderling kann aus seiner Not auch eine Tugend machen und sich bewusst als «Freak» bezeichnen und entsprechend leben. Wer nicht der Norm entspricht, hat den anderen mitunter etwas voraus.
Dieser Gedanke hat etwas für sich, verträgt sich aber nur bedingt mit dem Gedanken der Inklusion. Diesen Zielkonflikt müssen wir noch lösen – wir Betroffene und die Gesellschaften, denen wir angehören. Nur so erschaffen wir die zeitgemässe inklusive Märchenwelt.
Auf unserer Plattform community.paraplegie.ch tauschen wir uns darüber aus. Kolleg:innen von uns sind die Reporter:innen ohne Barrieren.