• Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

  • Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

  • Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

Bandscheibenvorfall im 4. Monat

Julia Gartenbach erzählt ihre Geschichte.

Julia Gartenbach ist Mutter und Rollstuhlfahrerin. Doch in ihrem Fall kam zuerst die Schwangerschaft und dann der Rollstuhl. Im 4. Monat erleidet sie einen Bandscheibenvorfall, der aufs Rückenmark drückt. Heute benutzt sie meist den Rollstuhl, kann aber dank hartem Training wieder kurze Strecken gehen. Das Wichtigste: Sohn Pino ist dreieinhalb und ein kerngesunder, lebhafter Junge.

Die damals 29-jährige Frau mit den strahlend blauen Augen erfuhr im Januar 2014, dass sie schwanger war. Da war sie noch Fussgängerin, arbeitete als Physiotherapeutin und lebte in Grenchen (SO) zusammen mit ihrem Partner David. Mit der freudigen Nachricht kamen auch die Rückenschmerzen. Die Ärzte, die sie konsultierte, schoben die Schmerzen auf die Schwangerschaft und deren Einfluss auf den Körper. Die Schmerzen waren zeitweise so stark, dass sie immer mal wieder zu Hause bleiben oder sich während des Arbeitstages mehrmals hin legen musste. Im März war sie deswegen fast jede Woche beim Gynäkologen. Irgendwann konnte sie kaum mehr laufen und wurde per 1. April krankgeschrieben.

Plötzlich gelähmt

Dann kam der 7. April, der schwarze Tag, nach dem nichts war wie zuvor. Julia stand früh auf, ging ins Bad und musste sich wegen der Schmerzen auch gleich wieder hinsetzen. Und da passiert es: «Ich habe so eine Art ‚Plopp‘ gespürt an der Wirbelsäule und hatte sofort das Gefühl, als ob unten und oben nicht mehr zusammen passen würden. Ich habe mich dann sofort hingelegt, meine Beine wurden kalt und kribbelten. Bewegen konnte ich mich schon da kaum mehr.» Was jetzt? Julia war alleine zuhause, die Tür zugeschlossen, das Telefon schien unerreichbar. Ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr und sie wusste sofort, da ist etwas ganz schön im Argen. Wenn sie heute daran zurückdenkt sei aber das Gefühl, hilflos auf dem Boden zu liegen, das Schlimmste gewesen und ein tiefes Trauma, das noch nicht verarbeitet ist.

OP erst nach 37 Stunden

Irgendwie konnte sie sich zum Telefon hinziehen, welches ausnahmsweise auf dem Couchtisch lag. Sie rief zuerst ihren Partner an. Dieser verständigte sofort eine Ambulanz, welche sie nach Solothurn in die Notaufnahme brachte. Und obwohl sie sich nach einer Stunde in der Notaufnahme noch immer nicht bewegen konnte, sahen die Ärzte den Grund für die Rückenschmerzen und die Lähmungserscheinungen in der Schwangerschaft. Die Nacht verbrachte Julia mit unerträglichen Schmerzen in der Gynäkologie Abteilung des Spitals. Am nächsten Tag wurde nach Reflextests ein MRI angeordnet, worauf endlich eine Diagnose feststand: Julia hatte einen Bandscheibenvorfall zur Mitte, also zum Rückenmark hin, erlitten. Nach 37 Stunden starken Schmerzen wurde Julia im Inselspital Bern operiert. Weil sie sehr spät nach dem Bandscheibenvorfall operiert wurde, war die Verletzung des Rückenmarks bereits so stark, dass ihre Füsse und Beine gelähmt waren.

Schwangerschaft, Reha und Hochzeit

Mitte April, knapp zwei Wochen nach der Operation, wurde Julia nach Nottwil verlegt. Die Zeit in der Reha war schwierig, mit dem wachsenden Bauch wurden auch die Therapien beschwerlicher. Man diagnostizierte ihr inkomplette Paraplegie, ein Leben im Rollstuhl. Sie machte kaum Fortschritte in den Therapien und konnte aufgrund der anderen Umstände nicht so trainieren, wie vorgesehen. Julia betont, dass Ihre Schwangerschaft sehr gut betreut und überwacht wurde: «Man hat jedes noch so kleine Ziehen ernst genommen.»

Zwischendurch konnte sie für zwei Wochen nach Hause, um sich von den vielen Therapien zu erholen und um zu organisieren. Das war dringend nötig. Denn nachdem Julia und David ihre Hochzeit gefeiert hatten, mussten sie sich nicht nur nach einer rollstuhlgängigen Wohnung umschauen, sondern auch alles für den Nachwuchs besorgen. «Es war eine unbeschreibliche physische und psychische Belastung. Ich habe einfach funktioniert, auch als das Baby dann da war.» Sie habe versucht, nicht viel über das nachzudenken, was ihr passiert sei.

Und dann kam Pino…

Julia blieb in Nottwil bis zur Geburt von Sohn Pino. Er kam am 3. September 2014 in Sursee per Kaiserschnitt zur Welt. Julia verzichtete wegen Pino auf viele Medikamente, hatte aber zwei Vollnarkosen. Darum war der kleine Pino nicht nur für seine Eltern, sondern auch medizinisch gesehen, ein kleines Wunder.  

Umgezogen wurde eine Woche vor Pinos Geburt. Die frischgebackene Mutter kam von der Reha direkt ins Wochenbett in eine Wohnung voller Kisten. Ihre Eltern seien gekommen, um beim Einräumen und Möbelaufbau zu helfen. «Ich sass da mit Pino an der Brust und habe nur delegieren können.» Das sagt sie heute mit einem Lachen.

… und erneut steht alles Kopf

Julia sah sich innerhalb weniger Monate mit zwei neuen Lebenssituationen konfrontiert. Das Leben im Rollstuhl und das Leben im Rollstuhl mit Baby. Sie hatte weder Zeit, sich mit dem einen, noch dem anderen richtig auseinander zu setzen, sich vorzubereiten. Im Schweizer Paraplegiker-Zentrum hatte man ihr den Kontakt zu zwei Rollstuhlfahrerinnen und Müttern organisiert, welche ihr Tipps zu Hilfsmitteln und im Umgang mit einem Baby gaben. Auch ihre Hebamme habe sie unterstützt. Aber Julia meint, sie hätte einfach ausprobiert. Am Anfang sei sie vor allem mit dem Swiss-Trac und mit dem Baby im Tragetuch, später im Velositz, unterwegs gewesen. Sie konnte damals noch nicht Auto fahren und war auf die Fahrdienste ihres Mannes angewiesen.

Nach dem Wochenbett, ging der strenge Therapiealltag wieder los: «Ich hatte ständig Termine in der Physio- und Ergotherapie. Auch mit Pino musste ich regelmässig zur Kontrolle und in die Osteopathie. Wenn wir dann mal frei hatten, sind wir einfach zuhause geblieben.»

Dank dem gesprochenen Assistenzbeitrag wird sie im Haushalt entlastet. Unterstützung bekommt sie aber vor allem von Freundinnen und Nachbarn. Denn Vieles wäre für die junge Mutter alleine nicht machbar.

Wieder laufen lernen

Nach knapp viereinhalb Monaten stand die zweite Reha in Nottwil an. Julia erhielt viel Unterstützung und man ging sehr auf sie als Mutter eines Säuglings ein. Man organisierte und finanzierte ihr ein Einzelzimmer und für Pino einen Vollzeit-Kitaplatz. Julias Tage waren so durchorganisiert, dass sie oft nicht die Kraft fand, Pino über Mittag zu stillen. «In diesen zweieinhalb Monaten habe ich mich gefühlt wie eine alleinerziehende Mutter. Am Morgen hat ihn meist jemand abgeholt, damit ich Zeit hatte, mich fertig zu machen. Dann hatte ich Termin an Termin und am Abend bin ich mit dem Swiss-Trac in die Kita gefahren, um ihn zu mir ins Zimmer zu holen. Du kannst dir ja vorstellen, dass die Nächte mit Baby nicht wirklich erholsam waren.» Julia machte während dieser Zeit grosse Fortschritte im Lauftraining. Ende der Reha konnte sie mit Hilfe von Orthesen und Unterarmstützen wieder ein paar Schritte gehen. Mit Pilatesstunden und mindestens zwei Stunden Kraft- und Ausdauertraining pro Tag, kann sie heute mit Orthesen und einer Art Walking-Stöcke wieder kurze Strecken laufen.

Zeit mit der Familie

Mit ihrem Sohn verbringt sie gerne Zeit draussen: «Als Pino noch klein war bin ich nur auf den Spielplatz gegangen, wenn noch andere Mütter aus dem Haus dort waren. Sie haben mir mit ihm geholfen und eingegriffen, wenn ich nicht konnte.» Als Pino zu laufen begann, habe sie ihm halt eine Leine angelegt. Sie lacht und meint: «Was sollte ich denn sonst machen? Aber da hat er sowieso nicht lange mitgemacht.» Julia will kein Risiko eingehen. Alleine ins Schwimmbad geht sie nicht und wenn sie mit ihrem Sohn spazieren gehe, dann nur auf verkehrsberuhigten Strassen. Heute gehen die beiden oft mit dem Velo raus. Julia hat ein Elektrodreirad mit einem speziellen Sitz für sie und einem für Pino. Ihr Mann David geht sehr früh arbeiten und ist am frühen Nachmittag wieder zuhause. Dann gehen sie zusammen auf den Spielplatz oder einkaufen. Julia geniesst ihre beiden Jungs: «Die Zeit mit der Familie ist mir das Wichtigste.»

 

 

Die Plattform Paramama.ch für Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere und Mütter im Rollstuhl. Möchten Sie sich gerne mit anderen Frauen austauschen? Melden Sie sich bei uns: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder 041 939 54 15.

Kommentare (1)

This comment was minimized by the moderator on the site
Wie Julia als junge Frau und Mutter sich ins Leben zurückgekämpft hat, verdient grossen Respekt und Hochachtung. Dieses Portrait hat mich tief bewegt. Schwangerschaft, Hochzeit, Reha, Umzug, Pinos Geburt; das waren allergrösste Herausforderungen....
Wie Julia als junge Frau und Mutter sich ins Leben zurückgekämpft hat, verdient grossen Respekt und Hochachtung. Dieses Portrait hat mich tief bewegt. Schwangerschaft, Hochzeit, Reha, Umzug, Pinos Geburt; das waren allergrösste Herausforderungen. Ich stelle mir vor, wie Julia ihren kleinen Pino mit dem Swiss-Trac allabendlich aus der Kita zurück in ihr Reha-Zimmer geholt hat. Wie anstrengend und kräfteraubend die täglichen Therapien sind, wissen die meisten von uns aus eigener Erfahrung. Anschliessend folgten die wenig erholsamen Nächte mit dem Baby. Nicht nur die Geburt des gesunden Pinos ist ein Wunder. Auch die übermenschlichen Kräfte, die diese Paramama freisetzen konnte, sind einfach wunderbar. Julia betont aber auch, wie unverzichtbar die Unterstützung durch Familie, Freundinnen und die Assistenzperson ist.
Für die Aufarbeitung ihres Traumas der Hilflosigkeit wünsche ich ihr viel Geduld, viel Liebe und Verständnis aus ihrem Umfeld.
Cucusita, paraoma
Weiterlesen
cucusita
Noch keine Kommentare vorhanden.
Sei der Erste, der dies kommentiert!
Forum
Neueste Antworten
42 Tulipe
Ab in den Schwarzwald
Liebe cucusita, danke! Im Moment bin ich ganz schön k.o. vom Packen, und es gibt noch so viel zu tun... Urlaub heisst auch immer ein bisschen,...
10 odyssita 21.08.2019
Ilco Stomatag am 7.September 2019 im Technopark Zürich
Hallo Kars10hain Danke für diesen wertvollen Hinweis. Ich hoffe, dass möglichst viele Betroffene sich anmelden werden. Das tönt vielversprechend,...
1 cucusita 21.08.2019
Problem Parkplatz...
Lieber Francesco, das freut mich, dass es bei Dir langsam bergauf geht! Wir sind uns wirklich einig dass es wichtig ist, dass es genug dieser...
9 odyssita 21.08.2019
192 cucusita
Gechmackseinbusse nach Querschnittlähmung
Liebe cucusita, dann drücke ich sehr die Daumen, dass Deine Ärztin ein offenes Ohr und gute Ideen für Dich hat! Mein Sonntag war indoor - meine...
20 odyssita 20.08.2019
17 Tulipe
TABU im SRF1
Liebe Tulipe Herzlichen Dank für den Hinweis auf diese wichtige, sehr eindrückliche Sendung. Reto Kaiser als comedian bewies viel Mut und...
1 cucusita 19.08.2019
IPad oder iPhone bedienen ohne Hände?
Hallo Britta, auch ich kann Dir leider keinen Rat geben, da meine Handfunktion (bis auf leichte Koordinationsstörungen) noch recht gut ist. Ich...
2 odyssita 17.08.2019
Frag den Experten
Neueste Antworten
Kribbeln vom Rücken bis in den Fuss
Hallo lieber Hanspoeda  Danke für diene promet Antwort, und Erfahrung, Ok scheint wirklich eine sache der Posiotion zu sein, leider kan ich...
9 Francescolife 09.08.2019
Ansteckungsrisiko Harnwegsinfektion
Hallo, wenn ich das hier so lese komme ich nicht umhin, ganz kurz meine Erfahrungen bez. Harnwegsinfekt zu schildern: Ich habe durch meinen...
3 Salieri 26.07.2019
Diagnose bereits sicher?
Ich bedanke mich von ganzem Herzen, liebe Dr. ANKS, dass Sie sich extra die Zeit genommen haben, mir so ausführlich und kompetent zu antworten .Das...
2 Britta1964 22.07.2019

Blog
Neueste Blog-Artikel
Cindy 20.08.2019 In Wissenschaft
Meditation – nur etwas für Mönche?
Ganz im Gegenteil. Hier sind fünf Wege, wie Meditation – über das Spirituelle hinaus – die Gesundheit verbessern kann.
0
fritz 11.08.2019 In Wissenschaft
Zum Wohl der Blase
Gegen Infekte gibt es gute Alternativen zu Antibiotika. Sie bilden keine Resistenzen.
Auf geht’s zum Strand!
Die passenden Rollstühle für einen richtigen Strandurlaub
Wiki
Am meisten gelesen
Neuropathischer Schmerz
Schmerz ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, die wir vielfach in unserem Leben machen, manchmal sogar täglich. Man schlägt sich den Ellenbogen an, die Weisheitszähne drücken oder der Kopf brummt, wenn das Wetter umschlägt. Es gibt...
Gefahren bei eingeschränkter Sensibilität
Was wir unter Sensibilität verstehen Unter Sensibilität verstehen wir den fünften Sinn, das Fühlen. Anders als bei den anderen vier Sinnen hat die Sensibilität kein eigenes Sinnesorgan, wie zum Beispiel der Sehsinn das Auge. Das sensible System...
Abhusten und Sekretmobilisation
Das Abhusten von Sekret ist sehr wichtig, damit ein freies Atmen möglich bleibt. Husten ist ein Schutzreflex zur Reinigung der Atemwege, da so der Schleim gelockert und aus den Atemwegen herausgefördert werden kann. Zum Husten werden die Bauch-...

Über diese Community
Neueste Themen
06.08.2019 In Aktuelle Hinweise
Migros-Magazin porträtiert Künstlerin im Rollstuhl
Gestern war im Migros-Magazin ein Artikel über Nina Mühlenegger. Die 35-jährige ist Rollstuhlfahrerin, lebt in Zürich und möchte mit ihrer Kunst die Gesellschaft für die Anliegen und...
0
28.07.2019 In Aktuelle Hinweise
Junioren-WM der Leichtathleten mit Behinderungen in Nottwil
Vom 1. bis 4. August 2019 findet in Nottwil die Junioren-WM der Leichtathleten mit Behinderungen statt. Mehr Informationen inkl. Vorstellung der Schweizer Teilnehmer/innen gibt es unter...
0
18.07.2019 In Aktuelle Hinweise
Niederlage für Paraplegiker vor Europäischem Gerichtshof
Marc Glaisen aus Genf, Paraplegiker und Rollstuhlfahrer, wollte im Jahr 2008 ins Kino. Doch der Zugang wurde ihm verwehrt – aus Sicherheitsbedenken. Glaisen zog vor Gericht, weil er sich...

Kontakt

Schweizer Paraplegiker-Forschung
Guido A. Zäch Strasse 4
6207 Nottwil
Schweiz

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
T 0800 727 236 (aus der Schweiz, kostenlos)
T +41 41 939 65 55 (aus anderen Ländern, kostenpflichtig)

Sei ein Teil der Community – melde dich jetzt an!