Die Gipfelstürmer sind wieder für die Community unterwegs – in neuer, verjüngter Besetzung

Erinnert Ihr Euch noch an die «Operation Gipfelstürmer»? Im Jahr 2015 testeten unser ehemaliger «Dr. Online» Hans Georg Koch, unsere Community-Mitarbeiterin Andrea Glässel sowie der Hobbyfotograf und inkomplette Tetraplegiker René Wildi mit je einer «Testperson» im Rollstuhl acht Schweizer Berge auf ihre Barrierefreiheit. Die Berichte sind hier verfügbar.

Sechs Jahre später hat dieses spannende Projekt Emiglio Pargätzi, 18-jähriger Bündner auf Reha im SPZ, dazu inspiriert, die Tradition fortzusetzen und einen weiteren Gipfelsturm zu unternehmen. Mit dabei waren Emiglios Freund Micha Lehmann hinter der Kamera und Johannes Kinast für die Community.

Unser Ziel war der höchste Berg im Kanton Luzern: das Brienzer Rothorn. Wir haben die Luftseilbahn Brienzer Rothorn ab Sörenberg genommen, nicht die Zahnradbahn ab Brienz (Brienz Rothorn Bahn). Dies aus zwei Gründen: Zum einen können in der Zahnradbahn Rollstühle nur zugeklappt transportiert werden; zum anderen bringt einen nur die Luftseilbahn nahe an den Gipfel – und da wollten wir als «Gipfelstürmer» ja hin. 😊

Die Anfahrt über den Bahnhof Schüpfheim

Unser Ausflug begann in Luzern, wo wir in den Zug nach Schüpfheim stiegen. Der Ort liegt mitten in der wunderschönen UNESCO Biosphäre Entlebuch.

rollstuhlfahrer beim ausstieg am bahnhof schüpfheim

Der Bahnhof in Schüpfheim ist gut gebaut: Die Perrons sind für Niederflurzüge ebenerdig zu befahren. Es empfiehlt sich, das Rollstuhlabteil zu benutzen, da nicht jeder Zug bei jeder Türe eine Rampe hat, die bis ans Perron geht.

Am Bahnhof gibt es keinen Lift, dafür eine Rampe Richtung Ausgang. Sie ist relativ steil und erfordert eventuell Schubhilfe.

eingang zum rollstuhl wc am bahnhof schüpfheim

Am Bahnhof in Schüpfheim gibt es hinter dem Kiosk ein Rollstuhl-WC, das sich mit dem Eurokey öffnen lässt. Die Türe ist schmal, aber breit genug für die meisten Handrollstühle oder schmale Elektrorollstühle.

rollstuhl wc am bahnhof schüpfheim

Das WC ist sauber und bietet genügend Platz. Zu beachten ist jedoch, dass man von Luzern und von Bern aus nur fünf Minuten Umsteigezeit auf den Bus hat und dieser nur stündlich fährt – ein WC-Besuch ist daher nicht zu empfehlen.

rollstuhlfahrer beim buseinstieg am bahnhof schüpfheim

Von Schüpfheim ging es weiter mit dem Bus nach Sörenberg zur Talstation der Luftseilbahn Brienzer Rothorn. Die Fahrt ist landschaftlich reizvoll, es geht entlang der wilden Waldemme über schmale Steinbrücken, auf der linken Seite thronen die schroffen Riffe der Schwändiliflue.

Da die Strecke kurvenreich ist, sollte man sich im Bus gut festhalten und den Rollstuhl im Zweifel am Boden fixieren. Der Bus bietet Platz für zwei Rollstühle, von denen nur einer breiter sein darf und der andere die Masse eines schmalen Handrollstuhls nicht überschreiten sollte.

Die Talstation in Sörenberg und die Luftseilbahn Brienzer Rothorn

talstation sörenberg der luftseilbahn brienzer rothorn

Der Bus hält direkt an der schön gelegenen Talstation in Sörenberg. Für Rollstuhlfahrer geht der Weg jedoch nicht durch den Haupteingang, der nur aus Treppen besteht; wir mussten links einen ansteigenden Kiesweg überwinden, um zum provisorischen Aufzug auf der Rückseite des Gebäudes zu gelangen. Auf dem Weg trafen wir eher zufällig auf jemanden, der uns den Aufzug bedienen konnte. Da freuen wir uns, dass die Talstation aufs Jahr 2023 barrierefreier umgebaut wird!

rollstuhlfahrer im aufzug an der talstation sörenberg

Der Aufzug und die Türe sind relativ schmal. Vor Ausflügen mit einem Elektrorollstuhl empfiehlt sich eine telefonische Abklärung, ob die Nutzung des Aufzugs für die eigene Rollstuhlbreite möglich ist.

rollstuhlfahrer beim einstieg in die luftseilbahn brienzer rothorn

Die Luftseilbahn hingegen ist sehr geräumig und bietet auch mehreren Rollstühlen genügend Platz. Der Ein- und Ausstieg ist an beiden Stationen ebenerdig. Die Betriebszeiten der Bahn sind von 7.30 Uhr bis 17.15 Uhr (während der Sommersaison bis 24. Oktober 2021) bzw. von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr (während der Wintersaison ab 11. Dezember 2021).

rollstuhlfahrer in der luftseilbahn brienzer rothorn

Während der Fahrt sollte man sich an einer Wand positionieren, da die Seilbahn manchmal schwenkt. Allgemein hat man aus dem Rollstuhl eine gute Rundumsicht, aber kann den Bereich direkt unterhalb der Seilbahn nicht einsehen.

steingeissen unterhalb der luftseilbahn brienzer rothorn

Wir hatten Glück und konnten aus der Bahn die Steingeissen beim Klettern beobachten.

Die Bergstation der Luftseilbahn Brienzer Rothorn

rollstuhl wc an der bergstation der luftseilbahn brienzer rothorn

Oben an der Bergstation angekommen, liegt der Eingang des Berghauses nur wenige Meter hinter dem Ausstieg. Dort befindet sich gleich ein Rollstuhl-WC. Es hat jedoch eine schmale Tür und nur einen Haltegriff auf der linken Seite, was Rumpfstabilität erfordert. Zudem gibt es kein warmes Wasser.

rollstuhlfahrer blickt vom brienzer rothorn

Auf derselben Ebene gibt es bereits eine kleinere, gut zugängliche Aussichtsmöglichkeit in Richtung Norden über den Kanton Luzern. Vom oberen Stockwerk aus gelangten wir später zu zwei noch besseren Aussichtsplattformen (siehe unten).

rollstuhlfahrer vor dem aufzug an der bergstation

Auf die obere Ebene mit dem Restaurant gelangt man mit einem Lift. Die Türbreite und der Platz darin sind jedoch begrenzt und für die meisten Elektrorollstühle nicht geeignet.

ausblick vom brienzer rothorn auf den brienzer see

Von der Aussichtsplattform hat man einen grandiosen Ausblick nach Süden auf den Brienzersee mit seiner wunderbar türkisenen Farbe. Bei klarem Wetter sieht man weit in die Berner Alpen und kann Eiger, Mönch und Jungfrau bestaunen, die hier noch etwas in den Wolken hängen.

ausblick vom brienzer rothorn auf die voralpen

Von der anderen Aussichtsplattform hat man eine wunderschöne Aussicht auf die Voralpen. Obwohl es Juli war, fanden wir noch einige Schneefelder vor.

Der Weg zum Gipfel – oder eben nicht…

rollstuhlfahrer am weg zum gipfel des brienzer rothorns

Zwischen den Plattformen führt ein ca. 300 Meter langer Weg zum Gipfel. Allerdings war er selbst für einen geübten Rollstuhlfahrer mit Anschubhilfe an diesem Tag nicht machbar (wir haben es versucht!). Daher mussten wir unser Ziel, den Gipfel zu erreichen, leider aufgeben.

Die gute Nachricht ist, dass der Weg noch am Tag unseres Besuchs präpariert wurde, wie man an den Maschinen im Hintergrund erkennen kann. Nun sollte man mit kräftiger Anschiebhilfe den Gipfel erreichen können.

rollstuhlfahrer auf dem weg zum berghaus rothorn kulm

Bergabwärts führt der Weg nach ein paar hundert Metern zur Bergstation der Zahnradbahn. Auch wenn man einen guten Ausblick hat, ist er im Rollstuhl nicht zu empfehlen, da er sehr uneben und steinig ist. Es war nicht klar, ob auch dieser Weg besser präpariert wird.

Nachdem wir uns mit viel Mühe wieder hoch zur Bergstation der Luftseilbahn gekämpft hatten, kehrten wir für eine Stärkung ins Restaurant ein.

gipfelstürmer im bergrestaurant brienzer rothorn

Besonders gut hat uns gefallen, dass uns die Schilder über der Küche bereits willkommen hiessen. 😉

rollstuhlfahrer im gipfel restaurant rothorn

Das Essen im Restaurant hat uns geschmeckt und die Bedienung war sehr freundlich. So liessen wir unsere Exkursion entspannt ausklingen, bevor wir uns auf die Rückfahrt machten.

Zusammengefasst ist das Brienzer Rothorn ein sehr schöner Berg und auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn auch zum Teil anspruchsvoll. Wir empfehlen diesen Ausflug nur Personen im Handrollstuhl, denn insbesondere die Aufzüge an der Tal- und Bergstation (sowie das WC an der Bergstation) dürften für die meisten Elektrorollstühle zu schmal sein. Unser Bewertungsblatt der Zugänglichkeit des gesamten Ausflugs mit vielen weiteren Informationen und Links findet Ihr im PDF unten.

checkliste_brienzer_rothorn.pdf

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