Die rollstuhlgängige Infrastruktur hilft enorm. Reisetüchtig müssen wir aber selbst sein.

Unsere jüngste Reise hat es wieder bestätigt: Spanien ist das Land, in dem wir auf der Strasse, in Hotels, Restaurants, Bars und Veranstaltungsorten am häufigsten andere Rollstuhlfahrer antreffen. Sie kommen aus dem In- und Ausland und haben verschiedenste Behinderungen.

Die Gebäude sind in Spanien fix, die Strassenbeläge nix.

Das liegt nicht nur am wärmeren Wetter, sondern an der guten Infrastruktur und der stetig steigenden Qualität des touristischen und gastronomischen Angebots. Nur die Strassenbeläge sind noch so wie früher. Hier schlampen sie unverändert. Ich weiss das, weil ich die Entwicklung seit 1976 verfolge.

1979 war ich erstmals im Rollstuhl dort. Da mussten wir noch viel improvisieren, aber ich war fit genug dafür. Allerdings: Schon damals musste ich mich nach den Ferien jeweils erholen. In Erinnerung bleiben indessen meistens die guten und inspirierenden Erlebnisse. Wohl deshalb kommen die Reiseberichte von Rollstuhlfahrern immer schönfärberisch rüber.

Rollstuhlgängige Toilette sogar im kleinen Museo abc.

Seien wir doch ehrlich: Reisen im Rollstuhl ist strapaziös, namentlich auch für unsere Begleiter. Mit uns können auch sie nicht leichtfüssig durch grossstädtische Boulevards, enge Gassen historischer Stätten oder den Sandstrand wandeln. Auf Reisen wird der Rollstuhl zur verdriesslichen und kräftezehrenden Last. Zu dieser Regel gibt es eine einzige Ausnahme: in Museen ist er ein äusserst bequemes Hilfsmittel. In Spanien sind alle Museen tadellos rollstuhlgängig.

In Madrid pilgere ich als Freund altmeisterlicher Gemälde jedes Mal ins weltberühmte Museo del Prado Rollstuhlfahrer müssen nicht Schlange stehen, meistens lassen sie mich gratis rein. Dieses Jahr trübte mir allerdings mein Rumpelmagen und das Gefühl von Übelkeit die Freude. Am Vorabend war der Fisch im trendigen, modernen Restaurant Barril de las Letras zwar frisch und wunderbar zubereitet. Mein vegetatives Nervensystem wollte sich aber rächen für die ermüdende Hinreise in einer fliegenden Sardinenbüchse von Easyjet mit allem ärgerlichen Drum und Dran an den Flughäfen.

Ich behandelte mich mit dem eigentlich wohltuenden Probiotikum Perenterol. Zwei Kapseln gab’s im Tag. Das war zu viel, denn am dritten Tag war ich verstopft. In den folgenden drei Tagen plagte mich das. Unser Besichtigungsprogramm samt hervorragenden abendlichen Flamenco-Veranstaltungen bestritten wir gleichwohl. Trotzdem fühlte ich mich im wörtlichen und übertragenen Sinne etwas beschissen.

Die Mézquita in Córdoba: ursprünglich eine römische Anlage, dann Moschee, schliesslich Kathedrale.

Am sechsten Reisetag flitzten wir in einem spanischen Hochgeschwindigkeitszug mit 270 Stundenkilometern in die 400 Kilometer südlich gelegene Stadt Córdoba. Am Startbahnhof Atocha gibt es einen Assistenzdienst für Rollstuhlfahrer wie an Flughäfen, obschon der Zugang zu den Zügen natürlich ebenerdig ist. Wir sind ja im rollstuhlfreundlichen Spanien.

Córdoba mit seinen gut 300'000 Einwohnern ist eine historische Stadt. Die Architektur lässt den arabischen Einfluss immer noch spüren. Es ist wunderbar exotisch, aber auf Rädern nicht bequem: Enge, durchwegs gepflasterte Gassen strengen an – den Stossenden und den Gestossenen.

Flamenco – eine folkloristische Darbietung in Nerja

Im schicken Boutique-Hotel El Bailio komme ich erstmals weder auf die Toilette noch zurück in den Rollstuhl. Die Stützen sind für mich nicht gut platziert, der «Topf» zu weit unten. Sonst ist alles perfekt. Zum Glück haben wir meine Tochter und ihren Freund eingeladen. Sie müssen mir unter die Arme und Beine greifen.

Es gibt wenig zu beschönigen: Im zarten Alter von 63 Jahren und im Jahre 41 nach meinem Unfall ist meine Reisetüchtigkeit nicht mehr, was sie mal war. Selbst in behindertengerechten Zimmern von Luxushotels habe ich zuweilen Mühe, holprige oder gepflasterte Strassenbeläge finde ich ekelhaft. Auch Transfers in Taxis fallen mir inzwischen schwer. Da kommen mir die taxis adaptados sehr entgegen. In Spanien gibt es in praktisch jedem Kaff eines oder zwei, in den Grossstädten hunderte. Anrufen, zehn Minuten später ist eines da, drei Minuten später bin ich im Rollstuhl hinten drin, und los geht’s.

Der Parador de Nerja ist perfekt. Zum Strand führt ein Lift.

Allein diese Taxis sind ein Grund, nach Spanien zu reisen. In einem solchen Taxi liessen wir uns von Miguel, einem charmanten Fahrer, von Córdoba an die Küste nach Nerja fahren. Dort verweilten wir noch vier Tage im Hotel Parador de Nerja, über den ich an dieser Stelle auch schon berichtet habe. In diesem Hotel stimmt alles.

Kommentare (2)

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Lieber Fritz
Danke für deinen Spanienbericht. War mir gar nicht bewusst, dass Spanien so rollstuhlgängig ist. Wir waren vor vielen Jahren es müssen mindestens 35 sein dort. Und dann gab es nochmals einen Abstecher à la Spanien allez-retour. So...
Lieber Fritz
Danke für deinen Spanienbericht. War mir gar nicht bewusst, dass Spanien so rollstuhlgängig ist. Wir waren vor vielen Jahren es müssen mindestens 35 sein dort. Und dann gab es nochmals einen Abstecher à la Spanien allez-retour. So können wir dann doch noch Barcelona wagen, denn weit ist es von uns nicht weg.
Du hast recht, es gibt nichts zu beschönigen. Reisen im Rollstuhl ist ein Krampf und zwar für alle Beteiligten. Aber dieser Krampf ist ein Teil der Reise und der Rest ist Belohnung. Im Moment sind es bei uns 50 zu 50 und ich hoffe, dass wir auch nächstes Jahr wieder ins Allgäu fahren dürfen. Früher war es  für uns nicht weniger anstrengend, aber wir steckten alles besser weg. Heute sind wir 71 und 60, dies macht sich bemerkbar. Und auch wir müssen uns immer von den Ferien erholen:smileywink:
Herzliche Grüsse, Silvia
 
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Liebe Siliva, Vielen Dank für deine Rückmeldung. Es ist tröstlich, dass es auch andern ergeht wie mir. Inzwischen erhole ich mich von einem zweiwöchigen RFeilsein durch die Schweiz. Herzliche Grüsse, fritz
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