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„Ich will wieder 60-80 Prozent arbeiten“

  • Barbara

Mirosch Gerber erzählt von seinen Erfahrungen als Querschnittgelähmter in der Arbeitswelt. Teile auch Du Deine Erfahrungen mit uns.

Wie kann eine Person mit Querschnittlähmung langfristig und erfüllt einer Arbeit nachgehen? Was hindert sie daran? Wann braucht sie Unterstützung, damit ein Jobverlust verhindert werden kann? Mit diesen Fragen befasst sich eine neue Studie der Schweizer Paraplegiker-Forschung und sucht dafür das Gespräch mit Betroffenen. Mirosch Gerber macht den Auftakt.

Nach einer Rückenmarksverletzung streben viele Betroffene die Rückkehr zu einer geregelten Arbeit an. Dies ist für sie ein wichtiger Schritt zurück in ein erfülltes Leben. Doch nicht wenige erleben im Laufe der Zeit Probleme bei der Arbeit. Im ungünstigsten Fall führt dies zu einem Verlust der Arbeitsstelle. Die Gründe dafür sind vielfältig, die Zusammenhänge häufig unklar.

Die Studie

Die Wissenschaftler der Schweizer Paraplegiker-Forschung Dr. Monika Finger, Dr. Bruno Trezzini, Katarzyna Karcz und Barbara Schiffmann beleuchten in ihrer Studie die Gründe, die zum Verlust der Arbeit führen. Die Informationen sollen helfen, vom Stellenverlust gefährdete Personen früher zu erkennen. So können diese gezielter unterstützt werden.

Für die Studie werten die Forscher wissenschaftliche Artikel zum Thema aus. Ausserdem analysieren sie Daten aus der SwiSCI-Studie. Und sie befragen Betroffene, Arbeitgeber und Gesundheitsfachpersonen zu ihren Erfahrungen.

Diese persönlichen Gespräche sind das Herzstück der Studie. Die Forscherinnen Barbara Schiffmann und Katarzyna Karcz trafen sich bereits mit dem Betroffenen Mirosch Gerber zu einem ersten Gespräch.

Mirosch Gerber und Barbara Schiffmann im Gespräch in der Cafeteria des Schweizer Paraplegiker-Zentrums

Miroschs Erfahrungen als Querschnittgelähmter in der Arbeitswelt

Mirosch Gerber, 49 Jahre alt, verunfallte als 34-Jähriger mit dem Velo. Seither ist er querschnittgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Nach dem Unfall war er länger als 10 Jahre zu 100 % berufstätig. Ende 2018 gab er seinen Job als Projektleiter in einem Grossunternehmen auf. Es ging nicht mehr.

Aktuell bildet er sich mit einem Master in Digital Marketing weiter. Die schweizerische Invalidenversicherung (IV) finanziert die Weiterbildung. ParaWork, die Abteilung für berufliche Eingliederung des Schweizer Paraplegiker-Zentrums, begleitet ihn mit einem Job Coaching. Mirosch Gerber möchte nach Abschluss des Masters mit einem 60-80 %-Pensum wieder arbeiten. Im Interview erzählt er von seinen positiven und negativen Erfahrungen als Querschnittgelähmter in der Arbeitswelt. Er nennt Gründe, die zu seiner jetzigen Situation führten.

Mirosch, wie hast Du die Rückkehr zur Arbeit nach dem Unfall erlebt?

Mirosch Gerber: Ich war vor dem Unfall selbstständig tätig im Eventbusiness. Ich orientierte mich dazumal bereits neu und fragte mich, was ich in Zukunft machen möchte. Dann hatte ich den Velounfall. Ich stand vor der Wahl – wie geht es jetzt wirklich weiter? Das war dann der Auslöser, dass ich ein Marketingstudium begann.

Ich konnte dann recht schnell einsteigen mit einer Assistenzstelle auf einer Marketingagentur – aber, DASS ich überhaupt dieses Möglichkeit bekam, das brauchte schon ein bisschen mehr. Ich hatte mich an vielen Orten beworben, brachte die gefragten Fähigkeiten mit. Aber sobald klar war, dass ich im Rollstuhl bin, war ich raus aus dem Bewerbungsprozess. Ich liess mich dann nicht mehr auf den normalen Prozess ein, sondern kontaktierte die Leute direkt. Man muss als Rollstuhlfahrer also anders vorgehen. Nach zwei Gesprächen hatte ich einen Job.

Den Jobeinstieg erlebte ich sehr positiv. Es gab keinerlei Problematik mit meiner Behinderung. Der Rollstuhl spielte dort in der Wahrnehmung der Arbeitskollegen gar keine Rolle. Die IV finanzierte den Umbau des WCs, als ich in ein neues Büro zügelte, das kein rollstuhlgängiges WC hatte.

„Wenn man sich rausnimmt, ist man am Rand“

Was waren Herausforderungen in der Arbeit?

Die sind je nach Branche anders. Wenn man unterwegs ist wie ich, dann ist die Situation bei den Kunden nie klar. Auch die fehlende Flexibilität bei Geschäftsreisen ist schwierig. Bei internationalen Reisen muss man schauen, dass die Hotels rollstuhlgängig sind, dass es mit dem Taxi geht. Man muss vieles proaktiver selber organisieren, denn irgendwann machen es die mitreisenden Arbeitskollegen nicht mehr von alleine mit.

Es gibt auch ein Problem bei gesellschaftlichen Dingen. Bei einem Apéro zum Beispiel ist man als Rollstuhlfahrer auf einer anderen Höhe. Für diese „Face-to-face“-Situationen, die wichtig sind um sich zu vernetzen, muss man sich als Rollstuhlfahrer schon sehr einbringen. Das braucht viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. Wenn man sich reindrängt, kommt das arrogant rüber. Doch wenn man sich rausnimmt, ist man am Rand – und wenn man das über einen längeren Zeitraum tut, ist man auch in den Geschäftsprozessen am Rand.

Ein Problem, das ich in meinem letzten Job erlebt habe, war der steigende Druck. Ich war Teamleiter einer relativ wichtigen Abteilung. Als Rollstuhlfahrer die geforderten Ziele zu erreichen, mit einem Körper, der manchmal nicht mitmacht, das ist schwierig.

Dabei hatte ich weniger Probleme mit dem Belastungsvolumen, sondern mehr mit der Zeitstruktur. Es war ein 8-to-5-Job, man liess nur sehr eingeschränkt Home Office zu. Tut die Blase zum Beispiel für 1-2 Tage nicht so, wie man will, muss man trotzdem ins Geschäft fahren. Dann hat man dort das Theater. Es sieht auch niemand, wenn ich hinter dem PC arbeite, dass die Blase nicht so tut, wie sie soll.

„Hilfe gibt es nicht in der ersten Arbeitswelt“

Gibt es weitere Herausforderungen, die dazu führen, dass man einen Job verlässt oder nicht mehr machen kann?

100 % arbeiten über zehn Jahre – da betreibt man Raubbau am Körper. Man steckt immer noch etwas weg. Man braucht mit der Zeit immer länger für gewisse Sachen, wie die Morgentoilette. Man vernachlässigt verschiebbare Sachen, wie Sport. Das hat dann Folgen. Man wird träge, legt an Gewicht zu, der Verdauungsapparat funktioniert nicht mehr so, wie er sollte.

Inwiefern gab es Hilfe?

Hilfe gibt es nicht in der ersten Arbeitswelt. So hart wie das tönt. Am Anfang ist es ok. Aber langfristig gesehen muss man für sich selber schauen.

Du hast letztes Jahr Deinen ehemaligen Job verlassen. Wie kam es dazu?

Es gab im Management der Firma einen Wechsel. Ich ging mit einem Weiterbildungswunsch und der Belastungsproblematik zum neuen Management. Die Problematik wurde akut, als ein medizinischer Eingriff bevorstand, verbunden mit einem längeren Ausfall. Die Ärzte sagten mir da klar, dass ich das Pensum reduzieren müsse.

Das Management fand, dass ich die Weiterbildung nicht brauche, und bot auch sonst keine Unterstützung an. Sie wollten einfach eine Person, die zu 100 % einsatzfähig ist für diesen Job – „take it or leave it“. Zu meinem Schutz musste ich ihnen sagen, dass ich diesen Job nicht mehr machen kann. Hätte ich weitergemacht, wäre es in 3-4 Jahren gesundheitlich nicht mehr gegangen. Dann wäre ich plötzlich gezwungen gewesen, ganz aufzuhören. Das wollte ich nicht.

Mirosch teilt seine Erfahrungen gerne und plant, an einem Gruppengespräch für die Studie teilzunehmen: „Der Austausch mit anderen erweitert den eigenen Horizont.“

„Jeder Tipp, den man bekommt, ist Gold wert“

Beim Masterstudium, das Du jetzt machst, wirst Du von einem Job Coach von Parawork begleitet. Was ist die Funktion des Job Coachings?

Die IV, die die Weiterbildung finanziert, wünscht ein professionelles Coaching. Es ist eine Art Investitionsgarantie für die IV. Der Job Coach ist eine professionelle Anlauf- und Schnittstelle. Er hat einen anderen Zugang zu den Ärzten und auch zur IV. Man muss sich nicht selber durch den Dschungel kämpfen. Er unterstützt, wenn etwas nicht gut funktioniert.

In unserer Studie fragen wir, was bei Querschnittgelähmten zum Erhalt oder Verlust der Arbeit führt. Was siehst Du für einen Nutzen, als Betroffener bei dieser Studie mitzumachen?

Es ist Eigeninteresse. Man bekommt Erkenntnisse. Auch wenn man im Arbeitsmarkt etabliert ist, kann es immer passieren, dass man wieder rausfällt. Niemand steht unter einer Käseglocke und weiss, dass er die nächsten 30 Jahre dort arbeiten kann. Jeder hat in der Arbeitswelt andere Erfahrungen gemacht. Schlussendlich ist jeder Tipp, den man bekommt, Gold wert. Die Resultate der Studie werden ja öffentlich gemacht und andere können davon profitieren. Sie können helfen, dass man nicht jahrelang für etwas kämpft und nicht weiss, warum man nicht vorwärts kommt.

Deine Erfahrungen

Welche Erfahrungen hast Du mit der Querschnittlähmung in der Arbeitswelt gemacht? Was findest Du in der Arbeit herausfordernd? Was hilft Dir dabei, langfristig zufrieden einer Arbeit nachgehen zu können?

Wenn Du auch an der Studie teilnehmen möchtest, dann teile Deine Erfahrungen und Sichtweisen zu diesem wichtigen Thema mit uns! Wir würden uns freuen, wenn Du an einem Gruppengespräch mit anderen Betroffenen teilnimmst. Dein Beitrag ist sehr wertvoll. Kontaktiere uns bei Interesse unverbindlich per Telefon oder E-Mail.

Kontakt:

Dr. Monika Finger, Studienleitung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Barbara Schiffmann, Teilnehmerkoordination: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Tel.: 077 536 02 16

Weitere Informationen zur Studie findest Du im angehängten PDF.

Kommentare (1)

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Liebe Monika, finde es ein tolles tehma.! Werde also dir eine E-Mail schrieben oder villeicht besser noch anrufen. 
Liebe grüsse Francesco 
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