Welche Hilfsmittel stehen Menschen mit Querschnittlähmung in der Schweiz zur Verfügung – und welche vermissen sie?

Autorin der Zusammenfassung: Rebecca Jaks (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Originalartikel: Florio, J., Arnet, U., Gemperli, A., Hinrichs, T. & for the SwiSCI study group. Need and use of assistive devices for personal mobility by individuals with spinal cord injury. The Journal of Spinal Cord Medicine. 2016;39(4):461-70.

Eine optimale Mobilität ist für die Teilnahme in vielen Lebensbereichen von zentraler Bedeutung. Manuelle Rollstühle und angepasste Motorfahrzeuge sind die Hilfsmittel, die Personen mit Querschnittlähmung in der Schweiz zur Verbesserung ihrer Mobilität am häufigsten verwenden. Diese Studie zeigte aber auch, dass für bestimmte Hilfsmittel immer noch Versorgungslücken bestehen.

Angepasstes Auto

Was war das Ziel der Studie?

Fast alle Personen mit einer Querschnittlähmung (QSL) sind in irgendeiner Form auf Hilfsmittel zur Unterstützung ihrer Mobilität angewiesen. Dazu gehören z. B. Krückstöcke, manuelle Rollstühle ohne oder solche mit Motorantrieb. Bisher war jedoch wenig über den Bedarf an speziellen Hilfsmitteln bei Personen bekannt, die momentan keinen Zugang dazu haben. Die Ziele dieser Studie waren, die Versorgung mit Mobilitäts-Hilfsmitteln und die Häufigkeit ihrer Nutzung in der Schweiz zu ermitteln sowie den subjektiven Bedarf an Hilfsmitteln zu identifizieren, zu denen Querschnittgelähmte keinen Zugang haben.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Die Wissenschaftler verwendeten Daten, die 2012 im Rahmen der Bevölkerungsumfrage der Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI) gesammelt wurden. Sie umfasste Personen im Alter von mindestens 16 Jahren in der Schweiz, die mit einer Querschnittlähmung lebten.

Zuggerät Swiss-Trac

Von den 1549 Personen, die an der Befragung teilgenommen hatten, wurden 580 nach dem Zufallsprinzip für ein Fragenmodul über die Verwendung und den Bedarf an Hilfsmitteln ausgewählt. 492 sendeten den ausgefüllten Fragebogen zurück und wurden somit in die Studie eingeschlossen.

Die folgenden elf Hilfsmittel zur Verbesserung der Mobilität wurden untersucht: Krückstöcke, Rollator, Rollstuhl ohne und mit Motorantrieb, Zuggerät, Sportrollstuhl, Handbike, Armschiene, Unterschenkelschiene sowie angepasstes Motorfahrzeug in der Familie. Die Fragen bezogen sich auf die Versorgung, die Häufigkeit der Nutzung und den ungedeckten Bedarf von Personen mit QSL.

Was haben die Forscher entdeckt?

Versorgung

Die am weitesten verbreiteten Hilfsmittel zur Verbesserung der Mobilität waren angepasste Familien-Motorfahrzeuge (78,2 %), Rollstühle ohne Motorantrieb (69,9 %) und Zuggeräte (32,7 %). Die häufigste Kombination zweier Hilfsmittel war Rollstuhl ohne Motorantrieb/angepasstes Motorfahrzeug (59,4 %), gefolgt von Rollstuhl ohne Motorantrieb/Zuggerät (29,4 %).

Handbike

Häufigkeit

Das am häufigsten verwendete Hilfsmittel war der Rollstuhl ohne Motorantrieb: Unter den Personen, die über einen solchen verfügten, verwendeten ihn 83,8 % täglich. An zweiter Stelle kamen die Krückstöcke, welche von 61,3 % täglich genutzt wurden. Die Hilfsmittel, die am häufigsten 1-6 Mal pro Woche verwendet wurden, waren Sportrollstühle (47,2 %) und Handbikes (40,2 %), also Hilfsmittel zur sportlichen Betätigung.

Tabelle 1 liefert mehr Details zur Häufigkeit der Nutzung jedes Mobilitäts-Hilfsmittels (ausschliesslich dem angepassten Motorfahrzeug).

Unzureichende Bedarfsdeckung

Die Armschiene war das Hilfsmittel, das von den Teilnehmern am häufigsten als nicht abgedeckter Bedarf eingestuft wurde. 53,2 % der Personen, die eine benötigten, hatten keine. Andere häufig nicht verfügbare Hilfsmittel waren Rollstühle mit Elektrounterstützung (47,3 %) und Sportrollstühle (36,3 %).

In Übereinstimmung mit den Ergebnissen zur Versorgung oben standen der Rollstuhl ohne Motorantrieb und das angepasste Motorfahrzeug auf der Rangliste des nicht abgedeckten Bedarfs ganz unten: 4,8 % bzw. 8,1 % erklärten, sie hätten Bedarf, besässen das Hilfsmittel aber nicht.

Was bedeuten diese Ergebnisse?

Die Ergebnisse der Studie geben einen Einblick in die Situation in der Schweiz und zeigen auf, dass die Hilfsmittelversorgung einige Lücken aufweist. In Bezug auf elementare Hilfsmittel wie Rollstühle ohne Motorantrieb oder Krückstöcke scheint eine ausreichende Versorgung gegeben zu sein. Bei weniger gebräuchlichen Hilfsmitteln, beispielsweise Rollstühlen mit Motorantrieb oder Sportrollstühlen, gab eine beträchtliche Anzahl von Betroffenen an, dass ihr Bedarf ungedeckt ist. 

Rugby-Rollstuhl

Dafür gibt es zwei mögliche Gründe. Die fehlenden Hilfsmittel könnten als zusätzliche Hilfsmittel angesehen werden, die nicht absolut notwendig sind, um grundlegende mobilitätsbezogene Aufgaben zu erledigen. Deshalb werden diese Hilfsmittel von Gesundheitsfachkräften bei der Ausstellung ihrer Rezepte möglicherweise ausser Acht gelassen.

Ein zweiter Aspekt ist die Übernahme der Kosten für die Hilfsmittel. Versicherungen beispielsweise übernehmen gewöhnlich nur Kosten für Hilfsmittel, die günstig und absolut notwendig sind. Demzufolge müssen Patienten einen Teil der Kosten für zusätzliche Hilfsmittel wie z. B. Sportrollstühle selbst übernehmen. Dies erweist sich jedoch als schwierig für Patienten, die bereits anderweitig für hohe Kosten in Bezug auf ihre Verletzung aufkommen müssen.

Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?

Die Studie wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil (CH) im Rahmen der Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI) durchgeführt und finanziert.

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

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