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Medien und Behindertenidentität

Wie beeinflussen die Massenmedien die Identität von Menschen mit Behinderung?

Autorin der Zusammenfassung: Kit Wan Chui (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Originalartikel: Zhang L, Haller B. Consuming Image: How Mass Media Impact the Identity of People with Disabilities. Communication Quarterly. 2013; 61(3):319-334. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01463373.2013.776988

Über die Jahre wurden zahlreiche Studien durchgeführt, um problematische Darstellungen von Menschen mit Behinderung in den Medien zu untersuchen. Diese Darstellungen sind dafür bekannt, dass sie diverse Arten von Ungleichheit in der Gesellschaft stärken. Vergleichsweise wenige Studien gibt es jedoch darüber, wie Menschen mit Behinderung selbst über diese Darstellungen in den Massenmedien denken. Wie beeinflussen diese Darstellungen ihre persönlich wahrgenommene Identität?

Was war das Ziel der Studie?

Diese Studie ist eine der ersten, die untersucht, was Menschen mit Behinderung über die Darstellung von Behinderten-Community und -themen in den Medien denken. Ziel der Studie war es herauszufinden, ob die persönliche Identität von Menschen mit Behinderung von den folgenden Faktoren beeinflusst wird:

  • wie sie Medien ausgesetzt sind;
  • wie sie in den Medien dargestellt werden – positiv oder negativ;
  • für wie realistisch sie die Darstellung in den Medien halten.

Menschen mit Behinderung werden in den Massenmedien oft als Helden oder Loser dargestellt.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Die Studie wurde mittels Online-Befragung durchgeführt. Insgesamt nahmen 390 Menschen mit Behinderung aus 18 Ländern an der Befragung teil. Rund ein Drittel der Teilnehmer wurde mit einer Behinderung geboren, ca. 70 % erwarb die Behinderung später.

In der Befragung sollten die Teilnehmer angeben, wie viel Aufmerksamkeit sie unterschiedlichen Medien hinsichtlich Informationen über Behinderung schenken. Sie wurden gefragt, ob sie der Meinung sind, dass die Massenmedien ihr Leben als Person mit Behinderung akkurat wiedergeben können. Ausserdem wurden sie gebeten anzugeben, wie sehr sie der Aussage zustimmen oder nicht zustimmen, dass Massenmedien über Behinderungsthemen objektiv berichten.

In früheren Studien wurden mehrere Modelle identifiziert, die kategorisieren, wie Menschen mit Behinderung in den Medien dargestellt werden. In dieser Studie sollten die Teilnehmer auch angeben, wie sehr sie gewissen Aussagen in Bezug auf drei dieser Modelle zustimmen. Die Modelle und Aussagen sind folgende:

  • Das medizinische Modell: „In den meisten Nachrichtenbeiträgen über Behinderungsthemen wird Behinderung als Krankheit dargestellt, die Betroffene von Gesundheitsfachpersonen für die Heilung oder Pflege abhängig macht.“
  • Das Modell der sozialen Pathologie: „In den meisten Nachrichtenbeiträgen über Behinderungsthemen werden Menschen mit Behinderung als benachteiligt dargestellt; sie sind auf die Gesellschaft oder den Staat für finanzielle Unterstützung angewiesen, und dies wird als Geschenk, nicht als ein Recht betrachtet.“
  • Das „Superkrüppel”-Modell: „In den meisten Nachrichtenbeiträgen über Behinderungsthemen werden Menschen mit Behinderung als übermenschlich, inspirierend oder ,besonders‘ dargestellt, weil sie mit einer Behinderung leben.“

Zum Schluss sollten die Studienteilnehmer noch angeben, wie sehr sie sechs Aussagen zu ihrer persönlichen Identität zustimmen. So konnten die Forscher herausfinden, ob die Teilnehmer ihre persönliche Identität eher anerkannten oder ablehnten.

Es ist an der Zeit, die Darstellung von Behinderung in den Massenmedien zu ändern.

Was haben die Forscher entdeckt?

Die Antworten der Teilnehmer zeigten, dass Menschen mit Behinderung am häufigsten Nachrichtenseiten im Internet, Zeitungen sowie Fernsehnachrichten für Informationen über Behinderung nutzten.

Allgemein stuften die Teilnehmer die Darstellung von Menschen mit Behinderung in U.S.-amerikanischen Mediendarstellungen als unrealistisch ein. Sie glaubten, dass die Medien Menschen mit Behinderung tendenziell negativ darstellten, d. h. als benachteiligt oder als kranke Opfer und weniger als übermenschlich.

Die Studienergebnisse zeigten ausserdem: Als positiv wahrgenommene Darstellungen von Behinderung bewirken bei behinderten Menschen eine positive Einstellung gegenüber ihrer Behindertenidentität, und umgekehrt. Interessanterweise schien dieser Effekt nicht davon abzuhängen, ob Personen mit Behinderung die mediale Darstellung als realistisch empfanden oder nicht.

Was bedeuten diese Ergebnisse?

Diese Ergebnisse zeigten nicht nur, dass die Massenmedien einen grossen Einfluss auf das Wissen der Öffentlichkeit über Behinderung haben; sie legten ebenfalls offen, wie Medien die persönliche Identität von Menschen mit Behinderung beeinflussen können, positiv wie auch negativ.

Einerseits müssen die Diskussionen über die von Massenmedien geförderte Stigmatisierung von Behinderung fortgeführt werden; noch dringender ist es, die Massenmedien zu Veränderungen zu bewegen, um eine ausgeglichenere Darstellung der Behindertenthematik zu erreichen. Es braucht mehr positive Berichterstattung, weil sie Menschen mit Behinderung eine ausgewogene Identitätsentwicklung ermöglicht. Dagegen sollte negative Berichterstattung beschränkt werden, weil sie es Menschen mit Behinderung erschwert, sich selbst richtig wahrzunehmen.

Wie in der Studie festgestellt wird,

sollten Menschen mit Behinderung am besten nicht einer bestimmten Kategorie zugeordnet werden, und nicht ihre Behinderung sollte im Vordergrund stehen, sondern es sollte aus ihrer eigenen Perspektive berichtet werden. Schliesslich macht Behinderung nur einen Teil der Person aus und ist nur ein Aspekt menschlicher Vielfalt.”

Medienschaffende sollten feinfühliger sein bei der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung und Behinderungsthemen. Diese Darstellungen beeinflussen nicht nur, wie Behinderung wahrgenommen wird, sondern können auch die Behindertenkultur und -politik massgeblich beeinflussen.

Wer hat die Studie durchgeführt?

Die Studie wurde am Seminar für Massenkommunikation und Kommunikationsstudien der Universität Towson in Towson, Maryland, USA, durchgeführt.

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (6)

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Liebe Kitwan
Herzlichen Dank für diese Zusammenfassung. Die Comics finde ich so treffend, auch wenn sie tragikomisch sind!
Mit dem Modell der Sozialen Pathologie habe ich grosse Mühe. Behinderte sind wirklich keine Almosenempfänger, sie haben...
Liebe Kitwan
Herzlichen Dank für diese Zusammenfassung. Die Comics finde ich so treffend, auch wenn sie tragikomisch sind!
Mit dem Modell der Sozialen Pathologie habe ich grosse Mühe. Behinderte sind wirklich keine Almosenempfänger, sie haben einen Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung. Heute besteht bekanntlich die Möglichkeit der Zuhilfenahme einer persönlichen Assistenz, wenn dadurch selbstständig Wohnen möglich ist. So wird die behinderte Person zum Arbeitgeber, und es entsteht eine Begegnung auf Augenhöhe.
Das Wort „Superkrüppel“ ist sehr abwertend und lässt mich erschaudern.  Andererseits finde ich es spannend und hilfreich zu erfahren, wie andere Behinderte mit ihrer neuen Situation umgehen. Es hilft mir auch, meine persönliche Identität immer wieder zu überprüfen. Das ist auch ein wichtiger Grund, weshalb ich gerne hier im Forum dabei bin.
Samuel Koch, z.B., der damals bei „Wetten dass“ den schrecklichen Unfall erlitten hat und seither Tetraplegiker ist, gibt mir in seinem neuen Buch „Steh auf Mensch“ neue Denkanstösse, obwohl ich nicht mit allem einverstanden sein muss.
Liebe Grüsse
cucusita
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cucusita
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Liebe cucusita

Vielen Dank für Deinen reflektierten und kritischen Kommentar! Ich kann gut nachvollziehen, dass es Dich beim Wort "Superkrüppel" erschaudert, mir ging es ähnlich. Es ist aber die exakte Übersetzung des englischen Wortes...
Liebe cucusita

Vielen Dank für Deinen reflektierten und kritischen Kommentar! Ich kann gut nachvollziehen, dass es Dich beim Wort "Superkrüppel" erschaudert, mir ging es ähnlich. Es ist aber die exakte Übersetzung des englischen Wortes "supercrip", das in der Originalstudie zur Beschreibung dieses Modells verwendet wird. Möglicherweise schwingt im Englischen eine positive Konnotation des Wortes mit, die es im Deutschen nicht hat – aus diesem Grund steht das Wort hier in Anführungszeichen, während das englische Original ohne diese auskommt.

Schade eigentlich, dass es kein solches Wort im Deutschen gibt, welches Menschen mit Behinderung per se positiv darstellt... Habt Ihr eine Idee? Oder braucht es das nicht?

Liebe Grüsse

Johannes
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Johannes
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Liebe cucusita,

vielen Dank für deinen Kommentar.

Jetzt hast du Samuel Koch erwähnt, ich bin gespannt, wie sein Vorfall damals berichtet und kommentiert wurde. Ich kann mir vorstellen, dass die Leute sagen würden: „Menschen wie er, die...
Liebe cucusita,

vielen Dank für deinen Kommentar.

Jetzt hast du Samuel Koch erwähnt, ich bin gespannt, wie sein Vorfall damals berichtet und kommentiert wurde. Ich kann mir vorstellen, dass die Leute sagen würden: „Menschen wie er, die unverantwortlich sind und ihr Leben mit gefährlichen Handlungen riskieren, sind eine Belastung für unsere Sozialfürsorge.“ Das ist eine Meinung nicht wirklich zu einem der drei Modelle gehören.

Für Leute wie Samuel Koch, das kann schwieriger sein, wieder „normal“ zu leben. Ja, der Vorfall war tragisch. Vielleicht bereut er, was er getan hat. Vielleicht nicht. Aber ist es nicht besser, wenn wir sich auf das Präsent zu konzentrieren? Schuldzuweisungen sind gar nicht hilfreich…

Was denkst du?

Liebe Grüsse
Kit Wan
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kitwan
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Lieber Johannes
Danke für Deine Aufklärung. Ob wir ein entsprechendes, passendes Wort für „Superkrüppel“ wirklich brauchen, kann ich nicht beantworten. Am ehesten kommen mir Bezeichnungen wie „Vorzeige-Behinderter, Vorbild-Behinderter, Mutmacher...
Lieber Johannes
Danke für Deine Aufklärung. Ob wir ein entsprechendes, passendes Wort für „Superkrüppel“ wirklich brauchen, kann ich nicht beantworten. Am ehesten kommen mir Bezeichnungen wie „Vorzeige-Behinderter, Vorbild-Behinderter, Mutmacher oder Wegbegleiter" in den Sinn. Aber eigentlich gefallen mir diese Worte auch nicht. Am besten würde man Betroffene, die in den Medien hochgejubelt werden, direkt fragen.
Herzlich grüsst
cucusita
 
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cucusita
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Liebe Kitwan
Der schreckliche Unfall von Samuel Koch hatte damals grosse Bestürzung ausgelöst. Soweit ich mich erinnere, sind die Medien eher sorgfältig mit diesem tragischen Ereignis umgegangen. Aus seinem neuen Buch erfährt man, dass er selber...
Liebe Kitwan
Der schreckliche Unfall von Samuel Koch hatte damals grosse Bestürzung ausgelöst. Soweit ich mich erinnere, sind die Medien eher sorgfältig mit diesem tragischen Ereignis umgegangen. Aus seinem neuen Buch erfährt man, dass er selber unsäglich bereut hat, dieses Wagnis eingegangen zu sein, umsomehr als er schon am Morgen kein gutes Bauchgefühl verspürte. Das Wissen darum, dass Millionen von Zuschauern diese Sendung verfolgen würden, machte ihm ein Absagen unmöglich. Besonders schlimm war die Situation auch für seinen Vater, der für die Vorbereitungen mitverantwortlich war.
Ich weiss, dass Unfallversicherungen in solchen Fällen ihre Entschädigungen reduzieren können.
Schuldzuweisungen liegen mir fern. Ich müsste ja ehrlicherweise daran denken, wie oft ich mich in jungen Jahren im Sport freiwillig gefährlichen Situationen ausgesetzt habe.
Mit herzlichem Gruss
cucusita
  
 
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cucusita
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Hallo miteinander,
mir ist das Wort "supercrip" bislang in einem kritischen Zusammenhang begegnet, wobei "crip" dabei eher selbstironisch ist: Ich kenne das Wort aus der Diskussion zwischen Menschen mit Behinderung, und zwar in Bezug auf...
Hallo miteinander,
mir ist das Wort "supercrip" bislang in einem kritischen Zusammenhang begegnet, wobei "crip" dabei eher selbstironisch ist: Ich kenne das Wort aus der Diskussion zwischen Menschen mit Behinderung, und zwar in Bezug auf "Vorzeige-Behinderte" (ich denke, das Wort trifft es am ehesten): In Bezug auf Menschen mit Behinderung, die den Anspruch der Gesellschaft, dass Menschen mit Behinderung "inspirierend" sein sollen, erfüllen und internalisieren.
Zum Anspruch, dass Menschen mit Behinderung "inspirierend" sein sollen, gibt es ja den TED-Talk von Stella Young. Ich selber sehe an dem Inspirations-Anspruch außerdem kritisch, dass "über die eigenen Grenzen gehen" dabei oft mehr Wert beigemessen wird als "die eigenen Grenzen beachten" - grade letzteres war für mich nicht einfach zu lernen, ist für meinen eingeschränkten Körper aber extrem wichtig. Daher sehe ich es auch ziemlich kritisch, wenn aus den bewundernswerten Leistungen einzelner Aussagen wie auf Motivationspostern abgeleitet werden: "Wenn sie das können, kannst Du das auch. Keine Ausreden!" und so Druck aufgebaut wird.
Liebe Grüße,
odyssita
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odyssita
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