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  Sonntag, 21. September 2025
  9 Antworten
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Liebe Community,

ich tue mich etwas schwer, diesen Beitrag zu schreiben, auch weil ich nicht selbst betroffen bin, sondern es um einen engen Freund geht, den ich bzw. mein Mann und ich aber aufgrund verschiedener "Verbindungen" als Teil der Familie sehen. 

Ich möchte gerne anonym bleiben und auf keinen Fall, dass der betroffene Freund weiß und liest, dass ich mir in einen Forum Unterstützung suche, deshalb bitte ich um Verständnis, dass ich nicht alle Details offenbaren möchte. Mit geht es auch gar nicht um medizinische Dinge oder mögliche Funktionseinschränkungen, sondern eher um das Zwischenmenschliche.

Kurz zur Situation: Ich lebe in D und ein enger Freund hat seit einem Unfall einen kompletten Querschnitt im Lendenwirbelbereich. Er ist aktuell noch in der stationären Reha. Direkt nach dem Unfall wollte er mich noch unbedingt sehen, ich wurde von einem gemeinsamen Freund, der bei dem Unfall dabei war, benachrichtigt. Danach war ich dann eigentlich immer bei ihm, so oft ich konnte, und er hat ein paar ziemlich drastische Entscheidungen getroffen, nachdem er wieder eine gewisse Klarheit hatte. Er hat sich z.B. von seiner langjährigen Partnerin (nicht verheiratet, keine Kinder) getrennt, was irgendwo nachvollziehbar ist und für seine menschliche Größe spricht, da es eher eine Zweckgemeinschaft war und er nicht wollte, dass sie aus Pflichtgefühl bei ihm bleibt, was sie auch tatsächlich nur deshalb gemacht hätte. 

Es kam dann aber auch der Moment, an dem er mir von jetzt auf gleich offenbart hat, dass ich ihn in Ruhe lassen sollte und er keinen Kontakt mehr zu mir möchte. Ich war total perplex und habe Dinge gesagt, auf die ich rückblickend nicht gerade stolz bin… Ich habe ihm im Anschluss mehrfach geschrieben, mich entschuldigt und zu erklären versucht, es kam keine Antwort. Ich bin noch regelmäßig mit einem gemeinsamen Freund in Kontakt, er ist der einzige, den er noch an sich ranlässt. Es gibt aber sonst halt auch niemanden. Keine Geschwister, keine Partnerin (mehr), Eltern schon lange verstorben. Wir sind halt auch keine 20 mehr, sondern zwischen 45-50. 

Ich weiss nur einfach nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich verstehe, dass in seinem Leben gerade kein Stein mehr auf den anderen ist, ich verstehe auch, dass er erstmal wieder Ordnung in seinen Kopf bekommen muss und muss akzeptieren, dass er das alleine tun möchte. Auf der anderen Seite sitze ich hier und weiß, dass er leidet und ich kann überhaupt nichts tun, auch weil ich seine Entscheidung akzeptieren möchte, dass er keinen Kontakt will. Und das macht mich wahnsinnig. Unser gemeinsamer Freund hat ihn am Anfang noch darauf angesprochen und er hat immer sehr aggressiv reagiert, gesagt, er solle ihm mit mir in Ruhe lassen. Insofern hat er es dann irgendwann bleiben gelassen. Und das ist jetzt schon Wochen her. 

Sorry für den langen Beitrag! Wie seid Ihr in der ersten Zeit mit den Menschen umgegangen, die Euch nahestanden, was habt Ihr von ihnen erwartet? Ich bin mir total unsicher, ob er möchte, dass ich wieder den ersten Schritt mache oder dass ich ihn für alle Zeit in Ruhe lasse? Oder abwarte, bis er bereit ist, wieder auf mich zuzukommen, auch wenn das vielleicht noch Monate oder Jahre dauert? 

Danke Euch!

 

vor etwa 4 Monaten
·
#5856

Hallo Anonyma79

Danke für deinen Beitrag und willkommen im Forum. 

Ich habe selber kürzlich eine ähnliche Situation erlebt mit einer Freundin, die chronisch krank ist. Ich bin auch selber chronisch krank und war regelmässig mit ihr in Kontakt, wir haben fast täglich telefoniert. Es ging ihr gesundheitlich sehr schlecht, sie war im Spital, auch auf der Intensivstation eine Zeit lang. Sie hatte eine neue Diagnose bekommen, zusätzlich zu bereits bestehenden Diagnosen. Sie hatte neue Medikamente und es ging ihr sehr schlecht. Als ich zuletzt mit ihr telefonierte, war sie genervt, wir hatten eine kleine Diskussion. Danach meldete sie sich einen ganzen Monat gar nicht mehr, sie ging nicht ans Telefon, auch auf meinen Brief antwortete sie nicht. Es schmerzte mich auch sehr, und ich machte mir Sorgen, ob etwas passiert sei. Irgendwann hörte ich auf, sie anzurufen, ich hoffte einfach, dass es ihr gut ging und betete für sie. Nun hat sie sich nach einem Monat wieder gemeldet und als ich fragte, was los war, sagte sie, dass sie einfach ihre Ruhe wollte und nicht telefonieren mochte. Ich sagte ich hätte mir Sorgen gemacht. Sie hat sich dann entschuldigt.

Vielleicht braucht es manchmal einfach Zeit und vielleicht, wenn man eine neue Diagnose oder Schicksalsschlag erfährt, zieht man sich erstmal zurück und muss zuerst selber mit allem klar kommen und vielleicht ist in dem Moment einfach alles zu viel. 

Vermutlich ist es nicht gegen dich persönlich gemeint, auch wenn es im ersten Moment so ankommt. Wenn ich dich wäre, würde ich deinen Freund erstmal in Ruhe lassen, auch wenn es schwer fällt und abwarten. Ich habe das bei meiner Freundin auch so machen müssen und ich hab mir einfach gesagt, wenn ihr etwas an mir liegt, wird sie sich von selber wieder melden. Es ist in dem Moment mega hart aber es bleibt wohl nichts anderes. Weil wenn du Druck machst, wird sich die Person wohl eher noch mehr zurück ziehen. 

Ich wünsche dir viel Kraft!

Liebe Grüsse,

Nadja

 

vor etwa 4 Monaten
·
#5857

liebe Anonyma 79,

was Du hier beschreibst, klingt nach einer sehr heftigen Depression, die ich als Betroffener einigermaßen nachvollziehen kann. Wobei sie bei mir nicht so schlimm war wie bei deinem Freund - aber ich hatte eine ähnliche Phase.

Lustigerweise war es die ersten Wochen in der Klinik, als ich noch im Bett lag, weniger heftig. Im Krankenbett zu liegen nah einem Unfall ist ja normal und da war ich auch froh, wenn mich Leute besuchten, wobei ich immer darauf achtete, dass sie gewisse Dinge nicht  mitbekamen.

Schlimmer wurde es dann in der Reha. Da saß ich dann im Rollstuhl, war offensichtlich "behindert" und reduziert und hatte totale Hemmungen von Freunden und Freundinnes so gesehen zu werden. Ich hasste meinen gelähmten körper ja auch... und wollte nicht diesen Blicken und Fragen ausgesetzt sein. Gerade Frauen gegenüber war ich total hilflos und gehemmt. Das war extrem heftig. Aber ich habe dagegen angekämpft und versucht, aus der depressio rauszukommen.

ich glaube also, dass die reaktion deines freundes nicht ursächlich mit die zusammenhängt, sondern mit seinen problen und ängsten vor dem "neuen" Leben und dem gelähmten Körper. Ich denke, er hat angst ,dass du nur den Quershcnitt siehst und nicht den Menschen - auch bei mir drehte sich im kopf alles darum , wie ich damit leben lerne.... 

gib ihm etwas zeit - er meldert sich schon....

aber als gesunder und aktiver mensch einen plötzlichen querschnitt zu akzeptieren, ist nicht so leicht. und umgekehrt haben sich ja auch einige meiner früheren freunde/freundinnen verabschiedet aus meinem leben. auch das gibt es...

ich finde es jedenfalls toll, dass du immer noch so großes interesse an ihm als mensch hast und ihm beistehen willst. irgendwann wird er es honrierun und schätzen.... also hab geduld...

Du kannszt mir gerne auch eine private nachricht schicken, wenn du mehr wissen willst wie das leben für frisch verletzte ist....

liebe grüße

simon

vor etwa 4 Monaten
·
#5859

Liebe Nadja, lieber Simon,

vielen Dank für Eure lieben und ehrlichen Worte!

Simon, vielen Dank auch für Dein Angebot mit der privaten Nachricht, ich werde darauf zurückkommen, denn ich denke, ich werde bald ganz viele Fragen haben :-)

 Ihr habt völlig Recht, nach einem so drastischen Einschnitt braucht es Zeit, aber ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten und habe ihm nach Wochen stillhalten nochmal geschrieben, dass es mir leid tut, was ich beim letzten Mal gesagt habe und dass ich immer da sein werde, wenn er so weit ist, aber auch, dass ich ihn brauche. 

Und was soll ich sagen? Er hat fast postwendend angerufen. Ich war so überwältigt seine Stimme endlich wieder zu hören, dass ich erstmal gar nichts sagen konnte und insgesamt war es von beiden Seiten ein eher tränenreiches Telefonat... Aber was dann doch noch gesagt wurde war, dass er viel nachgedacht hat, ihm vieles klar geworden ist und er gerne ein paar Dinge mit mir persönlich besprechen möchte. Mit anderen Worten: er möchte mich sehen! Er war auch entgegen meiner Befürchtung gar nicht böse wegen dem was ich gesagt hatte bei meinen vorerst letzten Besuch, sondern fand es eher gut, dass ich mich nicht in Mitleid gehüllt, sondern ihm einfach frei von der Leber weg gesagt habe, was ich empfinde. Er wollte tatsächlich keinen Kontakt mehr, weil ihm sein "Zustand" mehr und mehr bewusst geworden ist und er nicht wollte, dass ich ihn "so" sehe... 

Ich bin jedenfalls total erleichtert, muss aber gestehen, dass ich auch ziemlich aufgeregt bin, ihn wiederzusehen, weil ich Angst habe, etwas falsch zu machen und ihn gleich wieder zu vergraulen...

vor etwa 4 Monaten
·
#5860

Liebe Anonyma 79

Ist das in dem Fall jetzt gerade die letzten Tage passiert, dass er dich angerufen hat? Das freut mich sehr für dich und auch für ihn!

So wie es klingt, hat das gute Chancen, dass es wieder gut kommt. Und wie du schreibst, war er dir für deine ehrlichen Worte ja gar nicht böse sondern dankbar. 

Ich habe jetzt rein aus der Ferne das Gefühl, dass die Barriere bereits durchbrochen ist durch das Telefonat. Offenbar wollte er ja nicht, dass du ihn "so" siehst und jetzt akzeptiert er ein Treffen. Das klingt doch vielversprechend.

Ich denke, wenn ihr euch dann live seht, ist es eh nochmals anders, als am Telefon.

Was ich jetzt gerade nicht ganz verstehe, ist, dass er nicht wollte, dass du ihn "so" siehst, also mit seiner Behinderung, aber eigentlich warst du ihn doch mehrmals bereits besuchen und hast ihn bereits mehrmals so gesehen, oder?

Vielleicht habe ich es auch falsch gelesen.

Ich hoffe, dass alles gut kommt :). Wenn du magst, kann ich auch für die Situation beten, mir hat das Gebet durch die schwersten Zeiten und unmöglichsten Situationen geholfen.

Liebe Grüsse,

Nadja

 

vor etwa 4 Monaten
·
#5862

Liebe Nadja,

ich denke, in den letzten Wochen ist sehr viel passiert bei ihm. Er hat viel nachgedacht und versucht, wieder sowas wie einen Plan zu haben wie es weiter gehen kann. Und in den letzten Tagen passiert ist nur, dass ich ihm am Sonntag mitten in der Nacht mit meiner Nachricht quasi nochmal die Hand ausgestreckt habe.  Vielleicht war er auch schon früher bereit gewesen, wieder mit mir zu sprechen, aber er hat sich nicht getraut, den ersten Schritt zu machen, war sich nicht sicher, wie sehr er mich mit seinem Wunsch zum Kontaktabbruch verletzt hat und ob ich nicht vielleicht seitdem selbst zu der Erkenntnus gekommen sein könnte, ohne ihn als Freund besser dran zu sein.

Zum Thema, dass ich ihn in seinem "Zustand" sehe. Ja, ich war am Anfang ständig bei ihm in der Klinik, aber da lag er ja noch viel im Bett, anfänglich auf Intensiv, war irgendwie medikamentös und vermutlich vom Schock noch ziemlich benebelt und auch wenn er (für mich überraschend) schnell mobilisiert wurde, war die endgültige Diagnose noch gar nicht so 100%ig klar. Ich glaube, diese Erkenntnis der Endgültigkeit und dass eben nicht alles einfach wieder so wie früher werden kann, kam dann erst so nach und nach. Klar habe ich ihn vorher im Rollstuhl gesehen, habe gesehen, wie er transferiert wurde etc.,  deshalb habe ich bis heute selbst nicht ganz verstanden, warum der Kontaktabbruch dann so von einem auf den anderen Tag kam. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch so echt doof reagiert, weil es mich total unvorbereitet getroffen hat... Auch vor dem Unfall waren Depressionen schonmal ein Thema, vielleicht erklärt auch das sein Verhalten ein bisschen mehr.

 Ich denke aber, wenn wir uns sehen, werden wir mehr Zeit und Ruhe haben, darüber zu reden als am Telefon und ich werde hoffentlich einiges besser verstehen.

vor etwa 4 Monaten
·
#5863

Liebe Anonyma79

Danke für deine Erklärungen. Jetzt verstehe ich die Situation besser. Das macht alles total Sinn, was du schreibst.

Ich bin ja selber nicht querschnittgelähmt, sondern bin wegen Krankheit im Rollstuhl von daher kann ich jetzt nicht aus eigener Erfahrung berichten. Aber es wird wohl schon so sein, wie du sagst, dass am Anfang noch vieles unklar war und dazu die Medikamente und der Schock. 

Ich hoffe für euch beide, dass ihr die Freundschaft aufrecht erhalten könnt, weil schlussendlich ist er ja derselbe Mensch, ob jetzt mit oder ohne Behinderung. Und es gibt auch keinen Grund, sich für eine Behinderung zu schämen, weil schlussendlich kann man nichts dafür. Und ich finde auch man ist genauso viel wert, ob man nun ein Handicap hat oder nicht, auch wenn unsere Gesellschaft immer so tut, als wäre die Leistung das Kriterium, ob man wertvoll ist oder nicht.

Liebe Grüsse,

Nadja

 

vor etwa 3 Monaten
·
#5889

Hallo Anonyma,

es freut mich sehr für  euch, dass sich dein Freund nach der Pause bei dir gemeldet hat und ihr wieder im Kontakt seid.

Ich kann seine Reaktion irgendwie verstehen. Bestimmt ist die Lebenssituation als Erwachsener nochmal anders und es lässt sich nur bedingt vergleichen, aber ich (bin 16) wollte in den ersten Wochen z.B. auch niemanden aus meiner Klasse sehen (bis auf eine Freundin und einmal eine Lehrerin) und wollte nciht, dass sie mir schreiben. Es war zu schmerzlich. Das war kurz vor bzw. in den Sommerferien, die anderen waren auf Klassenfahrt, haben dann Urlaubsbilder von überall gepostet, sind ins neue Schuljahr gestartet, das letzte für unsere Klasse.

Und man selber, naja, man ist im Krankenhaus und realisert nach und nach, was "Querschnittlähmung" bedeutet und ist irgendwie nicht mehr wirklich Teil von dem, was bisher war. Und vielleicht war bei deinem Freund auch erst nach einer Weile klar, ob und welche Funktionen vielleicht zurück kommen und wie es mittelfristig aussieht.

Aber es freut mich wirklich sehr für euch, dass ihr darüber sprechen konntet und wieder im Kontakt seid! Ihc wünsche euch weiterhin guten Kontakt und dass ihr aufkommende Probleme besprechen und lösen könnt!

LG, Nora

vor etwa 3 Monaten
·
#5893

Liebe Nora,

schön von Dir zu lesen! Ich habe Deine Beiträge hier ein wenig mitverfolgt und möchte Dir erstmal sagen, dass ich es bewundere, wie Du mit allem umgehst! Sowas ist hart, erst Recht, wenn es einen so jung trifft wie Dich. Aber Du bist eine starke junge Frau und ich wünsche Dir von Herzen alles Gute!

Was mich und meinen Freund betrifft, wir haben inzwischen wieder ein sehr offenes und vertrauensvolles Verhältnis und sehr viel Kontakt. Ich kenne nun seine Gründe für den kurzzeitigen Kontaktabbruch und kann es nachvollziehen. Ich denke, wenn alles noch recht frisch ist, sind bestimmte Begegnungen und Erinnerungen, die dadurch ausgelöst werden, einfach noch zu schmerzlich und man muss sich erstmal selbst über einiges klar werden. Und in der Situation ist es wichtig erstmal an sich selbst zu denken und zu entscheiden, wer einem gut tut und wer nicht. Ich bin froh, zu der erstgenannten Gruppe zu gehören:-)

Ansonsten fand ich es total beeindruckend, wie schnell sich nach der zunächst niederschmetternden Diagnose mit allen Konsequenzen in der Reha Fortschritte einstellen, was z.B. Mobilität betrifft und besonders wie gut das Blasen-/Darmmagement funktioniert. Ich hatte hier wirklich Angst (er natürlich noch mehr), dass das nie wieder auch nur annähernd "gut" werden kann. Diese Fortschritte geben ihm jetzt glücklicherweise wieder neue Zuversicht, auch wenn es natürlich immer noch Tage und Phasen gibt, an denen es nicht so gut ist.

Wie ergeht es Dir denn gerade? Ich wünsche Dir alles Gute und freue mich wieder von Dir zu lesen!

LG E.

 

vor etwa 3 Monaten
·
#5900

Hallo Anonyma,

schön, dass der Kontakt zu deinem Freund wieder so gut läuft und die Reha Fortschritte bringt.

ICh wünsche euch alles Gute und dass es so positiv bleibt!

LG Nora

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