Hallo Vika,
Druckstellen bei Gelähmten entstehen, weil nicht mehr wahrgenommen wird, dass ein Hautbezirk zu starkem Druck ausgesetzt ist. Dies kann vor allem über Knochenvorsprüngen wie Sitzbein, kreuzbein oder auf Füssen auftreten. Während der Rehabilitation lernt der Betroffene, diese Hautbezirke regelmässig zu entlasten. Ebenso muss täglich die Haut kontrolliert werden. Sobald sich dort eine Rötung zeigt, die nicht mehr blass wird auf Fingerdruck, haben wir die erste Stufe einer Druckstelle, einen Dekubitus Grad 1. Dann muss sofort konsequent dauernd entlastet werden, bis die Rötung verschwunden ist.
Wir Fussgänger entlasten zB bei längerem Sitzen automatisch das Gesäss, rutschen auf dem Stuhl hin und her, der Gelähmte hat diese Automatik nicht mehr und muss jeden Tag, jede Stunde selbst daran denken. Das ist hart und verlangt viel Disziplin.
Ebenso müssen die Hilfsmittel perfekt angepasst sein, vom Sitzkissen bis zum Rollstuhl. Und die beste Anpassung nützt nichts, wenn nicht auf eine korrekte Sitzposition geachtet wird. Auch das ist hart für die Betroffenen.
Man kann alles richtig machen und nur einmal einen Fehler, schon ist ein Dekubitus entstanden.
Die Suche nach dem Auslöser ist manchmal Detektivarbeit. Ich hatte einen Patienten, wo ein Feuerzeug in der Hosentasche schon genügte.
Bei Dekubitus an den Knöcheln schaue ich, wie die Füsse auf dem Fussbrett stehen, ob eine Stange irgendwo drückt. Oder schlagen beim Transferieren die Knöchel irgendwo an? Häufig finde ich auch zu kleines Schuhwerk, der Gelähmte spürt nicht mehr, wo der Schuh drückt... Manchmal entstehen offene Stellen auch durch Venenstauung allein, nach Thrombosen oder einfach wegen zu schwachen Venen. Sind die Füsse geschwollen oder blau?
Wichtig ist die Suche nach dem Auslöser und Vermeiden einer Druckbelastung. Wie die Wunden selbst behandelt werden, kommt erst an zweiter Stelle. Keine Salbe der Welt kann heilen, solange der Auslöser fortbesteht. Damit will ich nicht sagen, dass die lokale Behandlung unwichtig ist. In den letzten Jahren wurden vieleneue Verbandtechniken und Wundauflagen entwickelt, die die Heilung tatsächlich beschleunigen. In Wundambulatorien in grösseren Kliniken wird man kompetent beraten.
Ich hoffe, dass die Wunden rasch abheilen und wünsche euch alles Gute.
Dein
Dr. JEAN