• Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

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Querschnittlähmung als kritisches Lebensereignis

Der Eintritt einer Querschnittlähmung, unabhängig von ihren Ursachen wie z. B. Unfall, Krankheit oder aufgrund eines medizinischen Eingriffs, ist nicht vorhersehbar und erfolgt in der Regel sehr rasch. Sie ist wie ein Schnitt im Leben und nichts scheint mehr wie bisher. Vieles, das früher selbstverständlich, vertraut oder kontrollierbar war, gilt nicht mehr. Die Tatsache, dass sich der Körper oder Teile des Körpers taub anfühlen bzw. überhaupt nicht mehr gefühlt und / oder bewegt werden können, kann Sie nebst den körperlich-somatischen auch vor psychische Herausforderungen stellen. Diese Situation geht anfangs häufig mit einem Gefühl von Hilflosigkeit und Handlungsohnmacht einher. Der Geist denkt die bis anhin gewohnten Bewegungsmuster, doch der Körper setzt diese auf einmal nicht mehr um. Deshalb gilt eine Querschnittlähmung als besonders kritisches Lebensereignis.

Schock, Fassungslosigkeit und Verleugnung als natürlicher Schutzmechanismus im Umgang mit der allzu schmerzlichen Realität

Unmittelbar nach Eintritt der Querschnittlähmung kann es sein, dass Sie sowohl körperlich als auch psychisch eine Art Schock erleben. Dies kann sich auf psychologischer Ebene z. B. darin zeigen, dass Ihnen der Umfang der Folgen in dieser Phase womöglich noch nicht umfassend bewusst ist, was Teil eines natürlichen psychologischen Schutzmechanismus ist. Dieser schaltet sich zu unserem Schutz immer dann ein, wenn uns Unerträgliches und Unbegreifliches droht. Insofern ist es auch nachvollziehbar, dass die meisten Menschen bei Eintritt der Querschnittlähmung das Geschehene gleichsam noch nicht wahrhaben – wollen oder können. Die Tatsache, dass es sich bei einer Querschnittlähmung in der Regel um eine relativ endgültige und drastische Veränderung des Lebens handelt, wird somit überdeckt und nicht selten die allzu schmerzliche Realität verleugnet. In der Forschung spricht man in diesem Zusammenhang auch vom sogenannten «Airbag-Effekt» da dieser psychologische Schutzmechanismus ähnlich wie ein Airbag bei einer Kollision die Heftigkeit des Aufpralls abfedert. Übertragen auf die Psyche bedeutet dies, dass allzu bedrohliche Gedanken und Emotionen abgefedert werden. Dieser hochautomatisiert ablaufende Schutzmechanismus ist entwicklungsgeschichtlich in jedem von uns angelegt und in dieser Phase überlebensnotwendig. Er hat eine stabilisierende Funktion, um das Erlebte überhaupt aushalten zu können. Angehörige hingegen erleben die Situation vielfach anders. Ihnen fehlt dieser sogenannte «Airbag». Sie realisieren die Tragweite des Ereignisses in der Regel viel schneller und sind dadurch im ersten Moment emotional nicht selten mindestens genauso stark betroffen.

„Es ist vielleicht weniger die Lähmung an sich, die einem Menschen zusetzt, als vielmehr die verlorengegangene Selbstverständlichkeit des Sich-bewegen-könnens – trotz lebhafter, korrekter Vorstellungsgabe und intensiven Wollens.“

Lude, J. Eisenhuth, 2015

Psychische Verarbeitung und die Möglichkeit, zu neuen Ufern aufzubrechen

Im Verlauf wird dieser oben beschriebene psychologische Schutz brüchiger und wird sich auf natürliche Weise wieder zurückbilden, um Ihnen einen psychischen Verarbeitungsprozess zu ermöglichen. Dies ist dann meist der Zeitpunkt bei dem Sie, als Betroffener, das eigentliche Ausmass der Querschnittlähmung nicht nur körperlich und mental, sondern auch emotional zunehmend realisieren. Für viele ist dies, wie wenn sie von einem bösen Traum aufwachten und auf den Boden der Realität stürzen. Das heisst auch, dass Sie in dieser Phase möglicherweise vermehrt mit unangenehmen Gefühlen in Kontakt kommen wie z. B. Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Trauer, Angst oder Wut. Oftmals kommen auch Zweifel auf, über die eigene Vollwertigkeit oder den Lebenssinn.

Diese zunehmende Konfrontation mit der emotionalen Ebene ist meist sehr schwierig auszuhalten und unangenehm, jedoch ist es eine typische Anpassungsreaktion an die neue Lebenssituation und zugleich ein äusserst wichtiger Schritt im natürlichen Verarbeitungsprozess, um zu neuen Ufern aufbrechen zu können. So ist es z. B. aus psychologischer Sicht sehr wichtig, die erlittenen Verluste zu betrauern und Verlorengegangenes innerlich zu verarbeiten, damit wieder Platz frei wird, um sich überhaupt auf neue Wege und Ziele einlassen zu können sowie individuelle Bewältigungsformen zu finden, um sich an das neue Leben anzupassen.

Diverse Lebensbereiche können durch eine Querschnittlähmung Veränderungen erfahren

Die Konsequenzen einer Querschnittlähmung sind sehr weitreichend. Sie belangen den Menschen nicht nur auf der körperlichen Ebene sondern auch in den sozialen und psychischen Aspekten seiner Existenz. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen und vieles von dem, was bisher als sinngebend und seelisch stabilisierend erlebt wurde, ist plötzlich in Frage gestellt oder zerstört. Dabei stellen sich nebst den medizinischen Aspekten oftmals auch Fragen zu Beziehung, Sexualität und Partnerschaft sowie zu Hobbys und Interessen, die nicht mehr ausgeführt werden können. Aber auch zur beruflichen Situation, zur Zukunftsplanung und Wohnsituation gibt es viele Fragen.

Die Auseinandersetzung mit diesen Themen ist in den meisten Fällen unabdingbar. Sie bergen nebst grundlegenden Lebensveränderungen zugleich auch persönliche Wachstumschancen und können wegweisend sein beim Aufbau eines konstruktiven Umgangs mit der Querschnittlähmung.

„Die Querschnittlähmung bleibt in den allermeisten Fällen eine unabwendbare Tatsache – nur der Umgang mit ihr kann optimiert werden.“

Stirnimann, 2015

Bewältigungsstrategien

Die Bewältigungsformen im Umgang mit einer Querschnittlähmung sind von Mensch zu Mensch verschieden und Sie merken in der Regel selbst am besten, was Ihnen weiterhilft und was nicht.

Hier sehen Sie eine kleine Auswahl an Beispielen von möglichen Bewältigungsstrategien, die sich bezüglich des Umgangs mit Querschnittlähmung als hilfreich erwiesen haben.

Beziehungen stärken

Ein stabiles soziales Netzwerk erhöht die Widerstandsfähigkeit und somit auch die Fähigkeit, die Herausforderung einer Querschnittlähmung zu meistern. Beziehungen können gestärkt werden, indem man sich bewusst für andere Menschen Zeit nimmt, Wertschätzung, Loyalität und Zuneigung zeigt, Konfliktsituationen bewältigt und sein Seelenleben teilt. Gehen Sie z. B. auf andere Menschen zu und vernetzen Sie sich aktiv, sei es mit Ihren Freunden und Bekannten oder nutzen Sie auch die Angebote, welche sich Ihnen neu eröffnen wie z. B. im Rollstuhlsport und bei Angeboten der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung (SPV).

Spannenden Aktivitäten nachgehen

Studien zeigen, dass Tätigkeiten, die wir gerne tun, sich positiv auf das Wohlbefinden, die Stimmung und unsere Gedanken auswirken. Bestimmt haben Sie schon Aktivitäten ausgeübt, bei denen die Zeit wie im Flug verging und Sie so tief in Ihr Tun versunken waren, dass Sie alles um sich herum zu vergessen schienen. Ein solches Erleben wird auch als «Flow-Erlebnis» bezeichnet. Wiederholt auftretende Flow-Erlebnisse führen zu einem positiveren Selbstwertgefühl, mehr Zufriedenheit und Sinnhaftigkeitserleben. Versuchen Sie demnach die Anzahl solcher Aktivitäten / Situationen bewusst zu erhöhen.

Ziele setzen und verfolgen

Menschen, die nach etwas streben, was ihnen persönlich am Herzen liegt (z. B. Fremdsprache lernen, neue Sportart ausprobieren, Haustier aufziehen usw.) sind weitaus glücklicher als Menschen, die keine Träume und Ziele im Leben haben. Es ist sinnvoll, ein, zwei oder drei wichtige und persönlich bedeutungsvolle Ziele auszuwählen, Zeit und Energie dafür zu verwenden sowie diese Ziele zu verfolgen. Achten Sie darauf, sich nicht nur langfristige Ziele zu setzen sondern auch kurzfristige. Die Ziele sollten realistisch und erreichbar sein.

Die schönen Dinge geniessen

«Geniessen» bedeutet Genuss schaffen, intensivieren und «in die Länge ziehen». Das kann sich auf die Vergangenheit, Gegenwart oder die Zukunft beziehen. Erfreuen Sie sich z. B. an schönen Ereignissen / Momenten und lassen Sie sie Revue passieren. Beispielsweise dadurch, dass Sie Schönheit und Aussergewöhnliches bewusster wahrnehmen, alltägliche Erlebnisse geniessen und diese Erlebnisse mit anderen teilen.

Psychologische Begleitung – Ja oder Nein?

Da die Querschnittlähmung von Ihnen immer wieder eine enorme Anpassungsleistung erfordert, ist es in diesem Rahmen «normal», wenn Gefühle und emotionale Reaktionen für Ihre Verhältnisse vergleichsweise heftig ausfallen, da Sie sich in vielem neu finden und neu orientieren müssen. Das heisst nicht, dass etwas mit Ihnen nicht stimmt, sondern ist als natürliche Anpassungsreaktion zu verstehen. Einige Patientinnen und Patienten und deren Angehörige bewältigen dies ohne die professionelle Unterstützung einer psychologischen Fachperson, andere wiederum sind sehr froh um eine Begleitung und Therapie. Diese ist im Rahmen einer Erstrehabilitation ein freiwilliges Angebot, welches von vielen Patienten und Angehörigen sehr geschätzt und als sehr hilfreich erlebt wird.

Welche Form der Unterstützung kann eine psychologische Begleitung geben?

Eine die Erstrehabilitation begleitende Psychotherapie kann Sie in Ihrem persönlichen Verarbeitungsprozess unterstützen, z. B. Sie durch Ihre Trauerarbeit begleiten, gemeinsam mit Ihnen Strategien erarbeiten, Gefühle besser regulieren und aushalten zu können. Es kann helfen, neue Normen und Werte für den Aufbau einer neuen Lebensperspektive zu finden oder Sie ermutigen, neue Verhaltensweisen auszuprobieren. Ebenso können Sie durch das Erlernen von Entspannungstechniken sowie den Aufbau von Strategien zur psychologischen Schmerzbewältigung oder den Aufbau von Ressourcen Ihren Rehabilitationsverlauf aktiv positiv mitbeeinflussen. Parallel dazu besteht auch die Möglichkeit, dass Angehörige psychologische Gespräche wahrnehmen können, sei es einzeln, als Paar oder Familie.

Unterstützende Therapiemöglichkeiten

Nebst den oben erwähnten begleitenden psychologischen Gesprächen gibt es weitere therapeutische Möglichkeiten, die im Umgang mit der Querschnittlähmung hilfreich sind und nicht primär auf der Gesprächsebene ansetzen, sondern die Möglichkeit bieten, über einen anderen Weg Zugang zu sich selbst, seinem Körper und der aktuellen Situation zu finden. Beispielsweise können Feldenkrais, Kunst- und Musiktherapie auf unterschiedliche Weise zur psychischen Stabilisierung beitragen und / oder den psychologischen Verarbeitungsprozess unterstützen sowie die Verbesserung Ihrer Körperwahrnehmung und die Ausführung Ihrer Bewegungsabläufe fördern.

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