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Therapie der Spastik bei Querschnittlähmung

In einem früheren Artikel hier in der Bibliothek wurde erläutert, wie Spastik entsteht und welche positiven und negativen Aspekte damit einhergehen. In diesem Artikel geht es nun um die Therapie.


Eine Behandlung der Spastik muss klare Ziele haben, die zwischen Arzt und Patient vereinbart werden. Wichtige Ziele sind:

  • Senkung der Spastik
  • Vermeidung von Schmerzen
  • Verbesserung von funktionellen Fähigkeiten und damit der Mobilität
  • Vermeidung von Kontrakturen
  • Verbesserung von Pflegbarkeit und Hygiene
  • evtl. erst die Ermöglichung einer Rehabilitation.

Nicht jede Spastik muss behandelt werden. Oft sind die Folgen der Nebenwirkungen der Behandlung (z.B. eingeschränkte Verkehrstauglichkeit) einschneidender als die Spastik selbst. Man darf auch nicht erwarten, dass durch eine Behandlung die Spastik ganz verschwindet. Es geht immer darum, zwischen Gewinn für den Patienten und Beeinträchtigung durch die Nebenwirkungen abzuwägen.

Stufenschema der Spastikbehandlung
Stufenschema der Spastikbehandlung

Stufe 1: Auslösende Stimuli vermeiden

Oft ist die Spastik von irgendwelchen sensorischen Ereignissen getriggert. Dies kann von Berührung über Schmerzempfindung bis zu akustischen und optischen Reizen gehen, beispielsweise wenn jemand die Türe zuknallt. Spastik ist häufig auch ein Zeichen einer gefüllten Blase, eines überdehnten Darmes, eines nicht wahrgenommenen Schmerzreizes im gelähmten Bereich (z.B. Dekubitalgeschwür) oder einer Infektion (Blase, Nebenhoden usw.).

Die einfachste Behandlung besteht darum im Vermeiden dieser Zustände und Ereignisse. Dies verursacht keine Kosten, hat keine Nebenwirkungen und kann von jedem selbst umgesetzt werden. Bevor man beginnt, die Spastik zu behandeln, sollte man versuchen, die möglichen Ursachen zu eliminieren.

Stufe 2: Antispastische Lagerungen und andere Methoden

Es gibt diverse antispastische Lagerungen (z.B. Schneidersitz) und auch mit anderen Methoden wie Sauna, Schwimmbad oder Hippotherapie lässt sich die Spastik reduzieren. Häufig hält der Effekt über einige Stunden an und führt zu einem besseren Wohlbefinden des Betroffenen. Stehtraining kann die Spastik ebenfalls positiv beeinflussen. Es wird berichtet, dass eine Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) gute Effekte generiert, die Forschung darüber ist aber noch im Gange. Auch eine Veränderung der Sitzposition im Rollstuhl kann hilfreich sein; anzustreben ist ein 90°-Winkel in Hüfte und Knie bei leichter Kantelung (Neigung) der Sitzfläche (leicht nach hinten gekippt). Schliesslich scheinen auch neue Therapieformen wie Gehen im Lokomat oder in einem Exoskelett in der Lage zu sein, Spastik vorübergehend zu vermindern.

Stufe 3: Physiotherapie

Spezielle physiotherapeutische Übungen können die Spastizität deutlich reduzieren (z.B. Physiotherapie nach Vojta). Ziel ist die Hemmung von pathologischen, durch die Spastik verursachten Bewegungsmustern sowie die Verminderung der Beugespastik an den Armen und der Streckspastik an den Beinen. Das Stretching der Muskulatur verhindert eine strukturelle Verkürzung, regelmässiges Durchbewegen erhält die passive Beweglichkeit der Gelenke. Ideal wäre es, den so erreichten Zustand danach mit ein- bis zweimal Physiotherapie pro Woche und täglichen Selbstübungen zu erhalten.

Stufe 4: Orale medikamentöse Behandlung

Bei stärkerer Spastik und wesentlicher Beeinträchtigung im täglichen Leben ist eine medikamentöse Therapie in Erwägung zu ziehen. Hierfür muss einer der folgenden objektiven Gründe vorliegen:
Die Spastik

  • macht die Intimpflege am Patienten unmöglich.
  • verursacht Druckstellen.
  • stellt eine Verletzungsgefahr dar.
  • verhindert die Partizipation am täglichen Leben.
  • verursacht so starke Schmerzen, dass diese mit Schmerzmitteln behandelt werden müssten.

Die meisten Medikamente dämpfen die Aktivität von Gehirn und Rückenmark, was sich in Bezug auf die Spastik positiv auswirkt. Andererseits führt dies auch zu Müdigkeit, Konzentrationsmangel, Schläfrigkeit und Blutdruckabfall sowie zu Muskelschwäche auch der nicht gelähmten Muskulatur. Bei inkomplett gelähmten Patienten wird die Steh- und Gehfähigkeit beeinträchtigt. Es kann sich eine ungünstige Sitzposition im Rollstuhl entwickeln, die zu sekundären Schäden und einer Einschränkung von Mobilität und Selbständigkeit führt.

Man muss sich bewusst sein, dass keine der vom Arzt verschriebenen Substanzen die Spastik vollständig beseitigen oder die Kraft der betroffenen Muskeln verbessern kann. Die Spastik wird zwar medikamentös kontrolliert, doch die Kraft im nicht gelähmten Bereich des Körpers nimmt ab. Die Wahl und Dosierung der Substanzen sollte deshalb gut überlegt und abgewogen werden, da alle wirksamen Medikamente auch empfindliche Nebenwirkungen hervorrufen können.

Stufe 5: Invasive Methoden (Botox)

Botulinumtoxin (z.B. Botox) kennen wir heute eher aus der kosmetischen Industrie als aus der Medizin. Bei der Behandlung von lokaler Spastik einzelner Muskeln oder Muskelgruppen leistet es jedoch einen ausgezeichneten Beitrag zur Verbesserung der Funktion.

Botulinumtoxin ist ein starkes Gift, das die Übertragung der Nervenimpulse auf den Muskel blockiert. Dadurch kommt es zur Schwächung des Muskels, je nach Dosis sogar zur kompletten Lähmung. Nach lokaler Injektion beträgt die Dauer bis zum Wirkungseintritt einige Tage, die Wirkung hält für drei bis vier Monate an. Kurzfristige Nervenblockaden können auch mit Lokalanästhetika erreicht werden.

Stufe 6: Intrathekale Therapie

Bei der intrathekalen Therapie werden verschiedene Substanzen (Baclofen, Morphium usw.) über eine chirurgisch implantierte Medikamentenpumpe direkt in die zerebrospinale Flüssigkeit (Hirnwasser) abgegeben, in der das Rückenmark schwimmt. Auf diese Weise der Verabreichung gelangt das Medikament direkt ins Nervengewebe – dies vermeidet Wirksamkeitsverluste wie im Falle einer oralen Einnahme, nämlich bei der Resorption im Magen, bei der Filtrierung durch die Leber und am Hindernis der Blut-Hirn-Schranke. Mit einem Bruchteil der sonst notwendigen Dosis wird so ein gleicher oder sogar besserer Effekt erzielt. Die Nebenwirkungen sind bei geringeren Dosen entsprechend reduziert.

Bevor man sich zu einer solchen Massnahme entschliesst, sollte man den Effekt einige Tage mit einem vorübergehend durch die Haut gelegten intrathekalen Katheter (CoSPAN-Katheter) und einer externen Pumpe testen. So lässt sich herausfinden, mit welcher Dosis man eine gute Wirkung erreicht, bei für den Patienten akzeptablen Nebenwirkungen. Häufige Folgen einer Überdosierung sind Schläfrigkeit, Benommenheit, schlaffe Muskulatur, Übelkeit und Schwindel.

Nach Implantation einer Pumpe muss diese je nach Verbrauch alle drei Wochen bis alle drei Monate wieder aufgefüllt werden. Dies geschieht durch einen Stich mit einer Kanüle durch die Haut bis ins Reservoir der Pumpe. Die Batterie der Pumpe hält etwa vier bis fünf Jahre, danach muss das ganze Aggregat chirurgisch ausgetauscht werden. Mögliche Ursachen für eine Unterdosierung sind eine Fehlfunktion der Pumpe sowie Abknicken, Leckage oder Fehllage des Katheters.

Stufe 7: Orthopädische Behandlung

Orthopädische Eingriffe zielen vor allem darauf ab, die Muskelkontrakturen zu korrigieren, damit der Patient wieder im Rollstuhl sitzen kann. Zur vereinfachten Intimpflege können verschiedene Tenolysen (Durchschneiden der Sehnen) von Muskeln der Adduktorengruppe durchgeführt werden.

Spastik führt längerfristig auch zur Deformation der Wirbelsäule (Skoliose). Wenn die Massnahmen der Physiotherapie nicht mehr greifen und die Positionierung im Rollstuhl (Sitzschale) fehlschlägt, müssen Wirbelsäulenchirurgen Korrektureingriffe durchführen, um eine schmerzfreie Sitzposition wiederherzustellen.

Stufe 8: Neurochirurgische Behandlung

Die neurochirurgische Behandlung der Spastik besteht im Durchtrennen einiger Nervenfasern, welche die von der Spastik betroffenen Muskeln mit dem Rückenmark verbinden. Eine solche Behandlung kommt heute nur noch in sehr seltenen Fällen vor. Durch verbesserte Medikamente kann man in der Regel auf diese destruierenden, meist irreversiblen Operationen verzichten. Ausnahme: Urologen unterbrechen bei der Implantation eines Blasenstimulators die sakralen Spinalnerven, um die Spastik zu therapieren.


Bei allen Stufen der Spastikbehandlung ist es entscheidend, dass Arzt und Patient einen Mittelweg zwischen erwünschter Wirkung und unerwünschten Nebenwirkungen finden und so eine Verbesserung der Lebensqualität erreichen.

Zum Autor:

  • Dr. med. Hans Georg Koch war 19 Jahre Oberarzt am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz. Er gab zusammen mit Guido A. Zäch, dem Gründer des SPZ, das Standardwerk zu Querschnittlähmung „Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" heraus. Hans Georg Koch ist Mitglied des paraforum-Teams.


aktualisiert: Februar 2015