Autorin der Zusammenfassung: Szilvia Geyh (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Originalartikel: Geyh S, Nick E, Stirnimann D, Ehrat S, Michel F, Peter C, Lude P. Self-efficacy and self-esteem as predictors of participation in spinal cord injury-an ICF-based study. Spinal Cord. 2012;50(9):699-706. - Geyh S, Nick E, Stirnimann D, Ehrat S, Müller R, Michel F. Biopsychosocial outcomes in individuals with and without spinal cord injury: a Swiss comparative study. Spinal Cord. 2012;50(8):614-22.
 
Psychische Gesundheit zu fördern (z.B. Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl) sowie psychischer Krankheit vorzubeugen (z.B. Angst und Depression), ist eine wichtige Aufgabe in der Rehabilitation. Dies wirkt sich positiv auf die Teilhabe von Menschen mit Querschnittlähmung am Alltag aus. 

Was war das Ziel dieser Studie?

Ein wesentliches Ziel in der Rehabilitation von Menschen mit einer Querschnittlähmung ist Partizipation. Dieser Begriff fasst die Fähigkeit einer Person zur Erfüllung von Aufgaben in verschiedenen Lebensbereichen zusammen. Solche Lebensbereiche sind zum Beispiel Mobilität (zu Hause oder über weite Strecken), Selbstversorgung (z.B. sich waschen, anziehen, kochen, essen), Arbeit und Ausbildung, Freizeitaktivitäten und das Pflegen von Beziehungen innerhalb der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis.
In dieser Studie wurde untersucht, ob neben den körperlichen Einschränkungen durch eine Querschnittlähmung auch bestimmte psychologische Aspekte für eine bessere Partizipation im Alltag eine Rolle spielen.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Unter den psychologischen Faktoren haben sich die Forscher besonders auf zwei Aspekte konzentriert. Der erste war die Selbstwirksamkeitsüberzeugung einer Person – dies bedeutet vereinfacht, überzeugt zu sein: „Ich kann das”, d.h. ich kann mit Anforderungen, die auf mich zukommen, umgehen. Man könnte diesen Aspekt auch Selbstvertrauen nennen. Der zweite Aspekt war das Selbstwertgefühl, also die eigene Bewertung, ein wertvoller Mensch zu sein, genauso wie man ist („Ich bin okay“).
In der Studie wurde untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen Selbstvertrauen und Selbstwert einerseits und Partizipation andererseits existiert. Ausserdem wurde untersucht, ob es diesbezüglich einen Unterschied zwischen Menschen mit und Menschen ohne eine Rückenmarksverletzung gibt.
An der Untersuchung haben 102 Personen aus der Deutschschweiz mit einer Querschnittlähmung teilgenommen. Als Vergleichsgruppe ohne Rückenmarksverletzung dienten 73 Mitarbeiter von Rehabilitationseinrichtungen für Querschnittgelähmte. Diese wurden so ausgewählt, dass sie den teilnehmenden Personen mit einer Querschnittlähmung möglichst vergleichbar waren bezüglich Alter, Geschlecht und auch Bildungsstand.
Alle Teilnehmer füllten den gleichen Fragebogen aus. Dieser enthielt Fragen zu persönlichen Angaben, zu der Rückenmarksverletzung, über Selbstvertrauen und Selbstwert sowie über Partizipation, aber auch Fragen über Häufigkeit und Schweregrad von Erkrankungen im letzten halben Jahr, über Schmerzen, Ängstlichkeit und Depressivität, Unterstützung durch das soziale Umfeld etc.

Was haben die Forscher entdeckt?

Die Studie ergab, dass bei Menschen mit einer Querschnittlähmung Selbstvertrauen und Selbstwert einen starken Zusammenhang mit der Partizipation im Alltag aufweisen. Es zeigte sich sogar, dass Selbstvertrauen und Selbstwert für die Partizipation wichtiger sind als körperliche oder psychische Belastungen, wie etwa Schmerz, Depressivität, Ängstlichkeit oder die Häufigkeit von Erkrankungen. Sie sind ebenfalls bedeutender als gewisse äussere Umstände, z.B. die Anzahl der vorhandenen Unterstützungspersonen. Keinen Zusammenhang gab es dagegen zwischen Selbstvertrauen und Selbstwert einerseits und Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung, Para- oder Tetraplegie sowie komplette oder inkomplette Schädigung des Rückenmarks andererseits. Auch der Grad der Partizipation insgesamt hängt nicht vom Schweregrad der Querschnittlähmung (Para- oder Tetraplegie, komplett oder inkomplett) ab.

Bei Personen ohne Querschnittlähmung zeigten sich Ängstlichkeit und Depressivität als diejenigen Faktoren, die den stärksten Zusammenhang mit der Partizipation im Alltag haben. Selbstvertrauen und Selbstwert hatten nur eine geringe Bedeutung in dieser Gruppe.
Es stellte sich auch heraus, dass Menschen mit einer Querschnittlähmung insgesamt tiefere Werte in Selbstwert und Selbstvertrauen hatten. Diese Ergebnisse lassen jedoch keinen Schluss zu, auf welche Weise sich diese Faktoren nach dem Eintritt der Rückenmarksverletzung entwickelt haben könnten. Personen mit einer Querschnittlähmung waren auch häufiger erkrankt, hatten höhere Werte bezüglich Ängstlichkeit und Depressivität, stärkere Schmerzen, einen geringeren Grad an Partizipation und weniger Unterstützung als die untersuchten Personen ohne Querschnittlähmung.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Insgesamt kann man auf der Grundlage der Ergebnisse aus dieser Studie sagen, dass es ein Ziel der Rehabilitation sein sollte, Menschen nach einer Querschnittlähmung in ihrem Selbstvertrauen und in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, weil das dabei helfen könnte, später im Alltag besser zurecht zu kommen. Ausserdem ist es wichtig, die psychische Gesundheit von Menschen mit Querschnittlähmung zu fördern zum Beispiel Ängstlichkeit und Depressivität zu verringern. Zukünftige Forschungsarbeiten sollten sich mit der Frage befassen, mit welchen konkreten Massnahmen eine solche Förderung der psychischen Gesundheit noch besser gelingen könnte.

Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?

Die Studie wurde von der Schweizer Paraplegiker-Forschung in Nottwil koordiniert und finanziell unterstützt. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und den führenden Rehabilitationseinrichtungen für Menschen mit Querschnittlähmung in der Deutschschweiz: Uniklinik Balgrist, Zentrum für Paraplegie in Zürich; REHAB Basel, Zentrum für Querschnittgelähmte und Hirnverletzte, Schweizerisches Paraplegikerzentrum Basel; Schweizer-Paraplegiker Zentrum (SPZ) in Nottwil.

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