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Der Glaube an Heilung

Heilen von Behinderungen – oder von der Haltung, dass Behinderungen böse sind?

«Ich lebe gut mit meiner Behinderung.»

Viele wissen, dass das geht. Andere können es kaum verstehen. Sie denken: «Wie ist es möglich, dass jemand nicht geheilt werden möchte? Wie kann man in einem Rollstuhl gut leben?» Menschen mit Behinderungen empfinden solche Fragen eher als ärgerlich, weil offenbar vergessen wird, dass das Leben viele Facetten hat. Trotz der Umstände, die eine Behinderung mit sich bringt, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich dennoch gut zu fühlen und ein erfülltes Leben zu leben.

Bei all diesen Möglichkeiten spielt auch der Glaube eine wichtige Rolle. Wo können wir Glauben finden und wie funktioniert er? Betrachten wir Glauben einmal anhand einer Geistheilungserfahrung von Emily Yates.

Das Streben nach Wundern

Emily Yates leidet an einer angeborenen Zerebralparese und benutzt seit ihrem neunten Lebensjahr einen Rollstuhl. Auch wenn sie sich – falls möglich – Heilung ihres schlimmen Narbengewebes und ihrer Fussschmerzen wünscht, ist sie auf sich als Mensch mit Behinderung stolz.

Emily Yates

Glaube und Behinderung überdenken: Emily Yates war eine von vielen, die eine Geistheilungs-Sitzung besuchten, weil sie sich Heilung erhofften. (Quelle: https://www.bbc.co.uk)

Wie viele andere Rollstuhlfahrer bekam Emily von Freunden wie auch von Unbekannten diverse Male angeboten, gemeinsam zu beten oder sie gar vom Rollstuhl zu befreien. Diese guten Absichten haben Emily oft verwirrt. Sie fragte sich, was dieser Wunsch, eine behinderte Person heilen zu wollen, über ihre Einstellung zu Behinderung aussagt. Dann traf sie eines Tages auf John Mellor, einen Heilungsevangelisten aus Australien, der im Rahmen seiner weltweiten Heilungstour gerade in England unterwegs war.

John praktiziert Geistheilung seit vielen Jahren. Es handelt sich dabei um eine Praktik mit Gebeten und Ausdrucksformen, welche – wie manche glauben – die Intervention einer höheren Macht erwirken, und zwar in Form von geistiger und körperlicher Heilung. Auf Johns Webseite und YouTube-Kanal gibt es Erfahrungsberichte darüber, wie Menschen mit verschiedenen Krankheiten und Behinderungen durch seine Gebete «geheilt» wurden. John behauptete, dass er seine heilenden Fähigkeiten von Jesus erhielt, nachdem er fünf Monate lang zehn Tage pro Monat betete und fastete. In diesem Zeitraum pries und bat er Gott, sich in der Verleihung der Macht zur Heilung dieser Menschen zu offenbaren.

Bevor Emily John auf einer dieser Heilungssitzungen traf, schaute sie sich ein paar seiner Videos an. Darunter waren auch Videos über Menschen, die seit Jahren im Rollstuhl sassen und die gesagt bekommen hatten, dass ihr Zustand unheilbar ist. Schon kurz nach Johns Gebeten konnten diese Menschen aus ihren Rollstühlen aufspringen und über die Bühne rennen. Dies rief bei Emily erneut zwiespältige Gefühle hervor. Zweifellos war sie an einer dauerhaften Linderung der Schmerzen interessiert. Doch sie konnte es sich kaum vorstellen, nicht mehr in ihrem Rollstuhl zu leben und mit allem, was dazugehört. Es wäre, als ob ein Teil von ihr verloren ginge.

Schliesslich besuchte Emily eine von Johns Heilungsveranstaltungen in Worthing. Zuschauer mit unterschiedlichen Problemen wurden einzeln auf die Bühne gerufen, um von Gott durch Johns religiöse Praktiken geheilt zu werden. Viele behaupteten, dass sie die Heilungskräfte sofort spüren konnten. Der Ort war mit Hoffnung und Optimismus gefüllt. Schon bald war Emily an der Reihe, geheilt zu werden – seht Euch an, was geschah:

Die unterschiedlichen Arten des Glaubens

Während vielen anderen Teilnehmern offenbar Wunder widerfahren waren, blieb das Wunder bei Emily aus. Bei ihr wurden von John die gleichen Geistheilungsverfahren wie bei den anderen angewandt: die Unvollkommenheiten der Menschen «austreiben», indem er seine Hände auf die Köpfe der Personen legte und dabei für Gottes Hilfe betete. Trotz der positiven Einstellung und Bemühungen geschah bei Emily nicht viel. Sie wurde gebeten aufzustehen, und mit der Hilfe zweier Männer sollte sie versuchen zu gehen. Sie versuchte es, scheiterte jedoch nach wenigen Sekunden. John schien von diesem Ergebnis enttäuscht und befragte Emily eindringlich über noch so kleine Verbesserungen, die sie nach dem Geistheilungsversuch empfunden hatte.

Was war also bei Emilys Geistheilungserfahrung mit John schiefgelaufen? War ihr Glaube an Heilung nicht stark genug? Oder ist es, wie viele vermuten: Hat man mit der Macht der Geistheilung übertrieben oder, noch schlimmer, war alles nur Betrug?

Andy Lewis, ein Blogger und Gegner von Alternativmedizin, nahm im obigen Video kritisch Stellung dazu. Er erklärte, dass «wenn die Erwartungshaltung gegeben ist, dass man sich in einer bestimmten Situation besser fühlt, und dies vom Umfeld inszeniert wird und so das Gefühl, dass etwas Besonderes stattfindet, noch verstärkt wird, dann fühlen sich die Menschen in diesem Moment tatsächlich besser.» Er fügte dann hinzu,

«Ich persönlich glaube nicht, dass diese Menschen Schwindler und Scharlatane sind. Ich denke, sie glauben daran, was sie tun. Sie werden vielleicht von ihrem eigenen Glauben und ihren Erfahrungen mitgerissen – von dem, was um sie herum geschieht. Und wenn sie etwas Falsches tun, dann glaube ich, dass sie vielleicht ihre eigenen Fähigkeiten nicht kritisch genug hinterfragen.»

Das Video zeigt einen weiteren Mann mit einer Motoneuronenerkrankung, der wiederholt Johns Heilungsveranstaltungen besuchte, obwohl er nach Dutzenden von Besuchen keine konkreten Verbesserungen wahrnahm. Sein Glaube an Heilung wurde dadurch aber nicht geringer – im Gegenteil, er glaubte fest daran, als er erklärte: «Ich glaube fest daran, dass ich gesund werde. Ich werde nicht sterben, ich werde leben und das Werk Gottes verkünden.»

Jeder Mensch glaubt auf eine andere Art und Weise, und diese kann sich durch Wissen und Erfahrungen verändern. Beim Glauben gibt es kein Richtig oder Falsch, doch der Akt des Glaubens kann unterschiedliche Ergebnisse bewirken – gute und schlechte.

Bezüglich der weiteren Heilung erwähnte John auf seiner Webseite: «Wenn die Symptome zurückkehren, weigert euch, sie anzunehmen. Wenn ihr Jesus Christus als euren Retter empfangen habt, habt ihr die Macht, den Teufel zurechtzuweisen und ihm zu befehlen, seine Finger von euch zu lassen.»

Success with Disability DE

Krankheiten und Behinderungen an sich sind nichts Böses, nur wie negativ man über sie denkt. (Quelle: https://www.weforum.org/)

Ich meine, es ist wichtig zu verstehen, wie dieses «weigert euch, sie anzunehmen» aussehen soll. Man sollte vor jeder Person und Heilmethode auf der Hut sein, die zur Missachtung der Medizin ermuntern oder behaupten, keinerlei Nebenwirkungen zu haben und viel effizienter als alle anderen Methoden zu sein. Man sollte bei allen krankheitsbezogenen Fragen auf jeden Fall immer den Rat eines Arztes oder einer anderen qualifizierten Gesundheitsfachperson hinzuziehen. 

Anstatt die Krankheit oder Behinderung zu verleugnen, weil sie gemäss John etwas Böses ist, könnte man versuchen, seinen inneren Frieden zu finden, um mit einer Krankheit oder Behinderung zu leben. Kaum jemand möchte gerne krank oder behindert sein – doch das bedeutet nicht, dass Krankheiten und Behinderungen etwas Böses sind. Was wirklich böse ist, ist wie viele in unserer Gesellschaft glauben, dass ein gutes Leben nur ohne Krankheit und Behinderung möglich ist.

Was denkt Ihr über Heiler? Wie sehr glaubt Ihr an Heilung?

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (1)

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Liebe Kitwan, liebe Community Familie

Aus meinem Umfeld sind mir keine körperlichen Heilungen durch Handauflegen bekannt. Es wäre vermessen, wenn ich mir ein Urteil erlaubte.
Eine mehrfach behinderte frühere Arbeitskollegin hat mir oft...

Liebe Kitwan, liebe Community Familie

Aus meinem Umfeld sind mir keine körperlichen Heilungen durch Handauflegen bekannt. Es wäre vermessen, wenn ich mir ein Urteil erlaubte.
Eine mehrfach behinderte frühere Arbeitskollegin hat mir oft berichtet, wie sie schon als kleines Kind regelmässig zu Heilungssitzungen „geschleppt“ wurde. Sie lächelt zwar heute darüber.Trotzdem bin ich immer wieder tief beeindruckt, wie gut sie ihr Leben meistert und Lebensfreude ausstrahlt. Zusammen mit ihrem Mann ist sie oft im Rahmen des Behindertensportes oder der Sehbehinderten unterwegs, im In- und Ausland, Sommer oder Winter.
Ich konzentriere mich lieber auf Fortschritte im seelischen Heilungsprozess. In Momenten, wo ich spüre, dass ich mit meiner Paraplegie und den damit verbundenen Einschränkungen besser umgehen kann, empfinde ich grosse Dankbarkeit, aber auch Demut. Auch das grenzt für mich an ein Wunder.

Herzlich grüsst

cucusita

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cucusita
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