Krankheitsbilder zwingen zur Entschleunigung. Am besten messen wir die Zeit nicht.

Von klein auf wissen wir Menschen, dass der Umgang mit Krankheiten langwierig ist. Er erfordert Geduld. Auch in der schnellen Welt von heute erstrecken sich Kur- und Erholungsaufenthalte bei schweren oder nicht heilbaren Krankheiten über Monate, wenn nicht noch länger.

kranker junge

Von klein auf wissen wir: Kranksein erfordert Geduld.

Geändert hat sich nur, dass wir diese Aufenthalte meist anders bezeichnen. Wir reden von Rehabilitation, um den wirtschaftlichen Nutzen zu betonen. Wir rehabilitieren uns, befähigen uns, mit dem Krankheitsbild leben zu können, damit wir uns wieder in der Arbeitswelt einbringen und am Sozialleben teilnehmen können. Das bedeutet, als betroffene Rehabilitationspatienten müssen wir unser Leben beschleunigen, statt in müssigem Krankheitsschlummer zu verharren. Wir riskieren sonst, den Anschluss bald wieder zu verlieren.

Unser lädiertes Nervensystem sperrt sich aber gegen jede Form von Zeitdruck und antwortet mit Fehlfunktionen. Mit ihnen kommen wir nur zurecht, wenn wir ruhig und bedächtig vorgehen. Wir sind dazu verknurrt, unser Leben zu verlangsamen. Wir müssen unserem Krankheitsbild die nötige Zeit gewähren, so wie der Kunstliebhaber lange vor einem Gemälde verweilt.

fritz vor gemälde

Wie der Kunstliebhaber einem Gemälde müssen wir unserem Krankheitsbild Zeit schenken.

Diese aufgezwungene Verlangsamung griff die Stiftung Pro Rehab Basel auf. Zwölf Mal rief sie zu einem «Marsch der Langsamkeit» durch Basel auf, erstmals im Jahre 2000. Es kamen jeweils rund 50 Personen; zum abschliessenden philosophischen Referat, dem ein Apéro folgte, dagegen hunderte. In den besten Zeiten war die grosse Elisabethenkirche mit ihrem Hauptschiff, Seitenschiff und Balustraden bis auf den letzten Platz besetzt.

Langsam durch die Stadt trotten mochten nur wenige. Viele eilten aber gerne zu einem Vortrag, um bedächtig vorgetragenen Überlegungen zu lauschen. Sie regten sachte dazu an, etwas zu entschleunigen und zwangsweise Entschleunigte besser zu verstehen. So zeigte die Stiftung einprägsam auf, wie nachhaltig die traumabedingte Verlangsamung das Leben der Patienten verändert. Sie ist keine Diagnose, sondern ein neuer Zustand, dem wir nur mit Langsamkeit begegnen können.

marsch der langsamkeit

Zum Marsch kamen wenige, viele eilten aber zum Referat über Langsamkeit.

Betroffen sind nicht nur Menschen mit Rückenmarkverletzungen. Auch den Trägern anderer Krankheitsbilder und Auffälligkeiten ergeht es so. An einer kürzlichen Veranstaltung von Autismus Schweiz berichtete eine Betroffene, dass sie regelmässig einen «Pyjama-Tag» einlegen muss. Es strengt sie so an, sich in Beruf und Gesellschaft den Gepflogenheiten anzupassen, dass sie immer wieder aussetzen muss: Einen ganzen Tag lang lässt sie sich gehen – alleine, zerzaust und ungepflegt in den eigenen vier Wänden.

Diese «Pyjama-Tage» sind nach moderner Einschätzung verlorene Zeit. Sie erinnern wohl manche von uns an die Zeit, die wir auf der Toilette und mit anderen Alltäglichkeiten verplempern. Zuweilen verläuft alles so verdriesslich, dass die Fehlfunktionen den ganzen Tag vermiesen. Am besten wäre es, ihn aus dem Kalender zu streichen.

sanduhr

Besser, wir messen die verlorene Zeit nicht.

Den Streich-Tagen folgt aber meistens ein besonders guter. Er zählt für zwei. In unserer Erinnerung sind es Tage, an denen uns alles leicht fiel. Wir waren geistig und körperlich wundersam im Fluss und kamen weit voran.

Zu diesen erinnerungswürdigen Tagen gehören freilich auch die, an denen wir bewusst und genüsslich trödeln und im Frieden mit uns selbst an Ort treten – wir haben ja alle Zeit der Welt. Wir verlieren sie nur, wenn wir sie messen.

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