Das visionäre Konzept der Inklusion steht hinter sperrigen Bezeichnungen wie «Mensch mit Behinderung».

Wer kennt nicht das Rollstuhlzeichen? Auf der ganzen Welt finden wir es an öffentlich zugänglichen Orten und alle Menschen wissen, was es bedeutet. Doch es wird unterschiedlich interpretiert: Da gehören wir hin, finden wir selbst – da müssen wir uns fernhalten, lesen (fast) alle anderen in diesem Zeichen.

rollstuhlzeichen

Alle wissen, was gemeint ist – und doch wird das Zeichen völlig unterschiedlich gedeutet.

Ähnlich wie das Rollstuhlzeichen, nur auf sprachlicher Ebene, sind wir heute offiziell «Menschen mit Querschnittlähmung» oder allgemeiner «Menschen mit Behinderung» oder «Menschen mit eingeschränkter Mobilität». Die Formulierungen kommen sperrig und bürokratisch rüber. Richtig froh machen sie uns nicht. Sie sind ein neuer Code, der uns beschreibt und mit dem wir – nebst unserer Behinderung – offenbar leben müssen.

Doch die Idee dahinter ist keine schlechte. Sie heisst «Inklusion». Kritiker sagen, sie sei eine Utopie. Das verleiht ihr zusätzlichen Reiz. Utopien sind ein Fernziel. Darauf können wir hinsteuern, auch wenn wir wissen, dass wir vielleicht nie ankommen. Wir sind immerhin auf einem guten Weg.

Die Inklusion ist ein Konzept, das auf die 2006 verabschiedete UNO-Konvention über die Rechte Behinderter zurückgeht. Dank diesem Konzept sind diese Behinderten «Menschen mit Behinderung» geworden. Die Vision dahinter sieht vor, dass Behinderungen Ausdruck der menschlichen Vielfalt sind.

hund mit anhänger

Ein Hund mit Anhänger – ist das das Gleiche wie «Mensch mit Behinderung»?

Wir kennen das aus der Natur. Die Wiese ist voller Löwenzahne, solchen «mit gelben Blüten» und solchen «mit weissen Blüten». Blicken wir genauer hin, erkennen wir, dass jedes Pflänzchen etwas anders gewachsen ist, das eine «mit langem Stil», das andere «mit kleinen Blättchen», aber «mit kräftigem Grünton».

Genau gleich verhält es sich mit den Menschen. Die Auffälligkeit ist kein Makel. Sie ist ein individuelles Merkmal, eines von vielen. Es ist nicht sinnvoll, Menschen aufgrund eines einzigen Merkmals als «Behinderte» zu bezeichnen. Jeder Mensch hat viele Merkmale, ist ein «Mensch mit vielen Merkmalen».

Wie die verschiedenen Löwenzahne auf der Magerwiese vermischen wir uns, beziehen alle ein und schliessen niemanden aus. So zeigt sich die Welt der Inklusionsverfechter, und so sind ihre neuen Bezeichnungen entstanden. Schwerfällig und etwas befremdlich kommen sie nur rüber, wenn wir dieses Weltverständnis nicht kennen.

löwenzahnwiese

Jedes Pflänzchen ist anders, und doch sind alle «inkludiert».

Im Alltag erweist es sich allerdings als anspruchsvoll, der schönen Inklusionsgeschichte auch nachzuleben. Körperliche, geistige und psychische Behinderungen belasten alle: Die Betroffenen, ihr Umfeld in der Gesellschaft wie auch in der Arbeitswelt. So kommt es, dass sich gar nicht alle «inkludieren» wollen, nicht können, weil es zu anstrengend ist. Die uneingeschränkte Inklusion ist zu schön, um wahr zu werden.

Im gelebten Leben zeigt sich dann, dass im Einzelfall ein geschützter Rahmen doch vorzuziehen ist. Die Verantwortlichen können sich allerdings auch dort von den Idealen der Inklusion leiten lassen und sich nicht nur auf Worthülsen beschränken.

Ein Beispiel ist das Wohn- und Bürozentrum für Körperbehinderte (WBZ) in Reinach (BL). Sein Leitspruch, festgehalten im Logo, lautet: «Die Fähigkeit zählt, nicht die Behinderung». An diesen Grundsatz hielten sie sich im WBZ seit seiner Gründung 1975.

Auch beim bereits 1960 gegründeten Berner «Rossfeld» und anderen vergleichbaren Institutionen war das vermutlich nicht anders. Im Geist haben sie, zumindest teilweise, vorweggenommen, was die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in die Welt trug.

In ihrer Zielsetzung mag die Inklusion utopisch sein. Eine gute Idee ist sie alleweil.

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