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Alte Schule, Reha-Schule

  • fritz

Es gilt, was im Wochenprogramm steht

«Erst ab etwa 50 haben Menschen die nötige Reife», liess mein Patenonkel seine vielen jugendlichen Mitmenschen wissen und doppelte gleich nach: «Kinder und Hunde fragt man nicht, die machen, was man sagt.» Wer Aufhebens um sich machte, fand bei ihm keinen Trost. Als ich ihm in jungen Jahren vorklönte, die Banklehre sei langweilig und stinke mir mächtig, riet er mir: «Mach sie doch einfach stinkig!»

Meine Tipphilfen: Mein ältestes Erinnerungstück an die "Reha-Schule" vor 41 Jahren

Sein achtjähriger Sohn stiess seinerzeit ebenfalls auf wenig Verständnis: Bei einer langen, anstrengenden Bergwanderung jammerte er auf halbem Weg, sein rechtes Knie schmerze stark, wenn er drauf drücke. «Dann drück doch einfach nicht drauf!», empfahl er ihm und ging weiter.

Auch sich selbst setzte mein Pate einen klaren, engen Rahmen. In der Schule hatte er vor rund 100 Jahren gelernt, das Sommerhalbjahr beginne am 21. März und dauere bis zum 21. September. Also wechselte er jeweils an diesen Tagen seine Garderobe: Von Wollstoffen zu leichterem Gewebe. Auf das Wetter selbst achtete er nicht.

Jeden Tag stand er um sechs Uhr in der Frühe auf und ging erst mal mit seinem Wolfshund laufen. Dann gab’s Frühstück und pünktlich um acht stand er in seiner Treuhandfirma, tadellos gekleidet im berufsüblichen Anzug, die Krawatte eng geknüpft. Dort wussten seine Angestellten sehr genau, woher der Wind weht: «Das bestimme ich dann schon», war die häufigste Antwort, die sie auf ihre Fragen zu hören bekamen. Sie blieben alle über Jahrzehnte bei ihm.

Die "alte Schule" ist streng. Trotzdem fühlen wir uns geborgen.

In der aufgeräumten Welt meines Patenonkels blieb für ihn und seine Mitmenschen alles überschaubar. Jeder wusste, wo er steht und was er zu tun hat. Zu klagen gab es nichts, denn in seinem wohl geordneten, kleinen Universum herrschten angenehme Ruhe und behagliche Geborgenheit vor.

Inzwischen ist mein Patenonkel verstorben, nicht aber seine alte Schule. In unseren Reha-Kliniken lebt sie weiter. «Ab 500 Zentiliter in der Blase werden Sie katheterisiert», hat die Oberärztin angeordnet. Da ergibt die Messung mit dem «Bladder-Scan» 502, und es ist klar: Ab in die Nasszelle, Hose runter!

Bevor ich ins Bett gehe, versuche ich einzuwenden: «Mit diesen Saugnäpfen am Rumpf und den Armen kann ich nicht schlafen», und die Spezialistin antwortet: «Wir untersuchen Ihren Schlaf trotzdem.» Die Untersuchung misslingt, weil das Messgerät falsch programmiert war, also müssen wir sie in der kommenden Nacht wiederholen.

«Mach die Schlafuntersuchung doch einfach schlaflos», hätte mein Patenonkel gesagt, und wie bei ihm fühlen wir uns in diesen Heilstätten trotz gelegentlichem Gram wunderbar versorgt. Wir sind dort auf Einladung unserer Krankenkasse. Herzlich, aber bestimmt sind wir auch eingeladen, uns den Verordnungen und Weisungen von Ärzten, Oberpflegern und Therapeuten zu fügen. Unter ihnen plustern sich die einen mit bedrohlichen Diagnosen auf, die andern geben sich betont locker. In einem sind sich freilich alle einig: Wie das Lehrprogramm in der alten Schule bestimmt in der Klinik das Wochen- und Tagesprogramm, was wir zu tun haben.

Die Reha-Klinik ist weder Luxushotel noch Ferienlager. In ihr sind wir aber rundum umsorgt.

Dazwischen bekommen wir schmackhaftes, selbst ausgesuchtes Essen, einmal in der Woche sogar ein Schlemmermahl. Das war auch bei meinem Patenonkel so. Kindern sagte er immer: «Wer am meisten Kartoffelstock isst, bekommt zum Dessert am meisten Schokoladencrème.»

Im übertragenen Sinne gibt’s in der Reha-Schule von früh bis spät Schokolade: Wir lernen neue therapeutische Ansätze und noch besser mit unserer Behinderung umzugehen. Im Idealfall wendet sich dank Lernerfolgen alles zum Besseren. Diese süssen Lehren binden uns an die Klinik. Schon nach einer Woche können wir uns kaum mehr vorstellen, wie wir uns ausserhalb des allwissenden Umfelds, ohne hilfsbereite Hände und ohne die jederzeit griffbereite Alarmglocke, selbständig wieder zurecht finden.

Nach einer Woche haben wir aber nach Hause zu gehen, hat die Kasse verfügt. Ich schinde noch einen Tag heraus. Mit einer Propofol-Narkose im Schädel könne ich doch nicht reisen, führe ich an. «Dann müssen Sie noch einen Atemtest machen, und wenn Sie noch länger bleiben wollen eine Darmspiegelung.»

So entscheide ich mich, dem Wohlbefinden zuliebe noch die Atemfunktion zu testen. Zudem beschliesse ich, dass ich die 300 Franken aufwerfe, um mich am folgenden Tag mit dem Taxi heimfahren zu lassen. Alleine käme ich nie an. Ich war ja in der Reha-Schule rundum versorgt, meistens lehrreich und gekonnt betreut, manchmal auch etwas belehrend abgeputzt – irgendwo zwischen ahnungslosem Anfänger und erfolgreichem Prüfling, zwischen selbstbestimmt und bevormundet, zwischen verwöhnt und entwöhnt. Eben wie bei meinem Patenonkel.

Kommentare (2)

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Lieber Fritz
Du hast es wunderbar auf den Punkt gebracht. Herzliche Grüsse, Silvia
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Danke für die Blumen! Dieser Beitrag hat auch mehrere Durchläufe hinter sich.
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