• Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

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«Beim Abschied fliessen die Tränen»

  • Johannes

Die 16-jährige Carlotta Ahlers wurde vor sieben Jahren durch einen Autounfall Paraplegikerin. Fabian Schmid (17) sitzt wegen eines Tumors im Rückenmarkkanal im Rollstuhl. Beide möchten so selbstständig sein, dass sie Freunde besuchen, an Partys gehen oder auch mal auswärts übernachten können. Hilfe erhalten sie im Schweizer Paraplegiker-Zentrum: Jedes Jahr finden Jugendrehawochen statt – eine Mischung aus intensiver Therapie und fröhlichem Lagerleben.

In dieser Blog-Serie auf unserer Community präsentieren wir Geschichten von Menschen mit Querschnittlähmung – ihren Unfall, ihre Rehabilitation und ihre Rückkehr ins Leben. Manche der Artikel wurden von der Schweizer Paraplegiker-Stiftung geschrieben, andere wurden erstmals in einer Zeitung oder Zeitschrift publiziert.

Fotos: Walter Eggenberger, Beatrice Felder und Astrid Zimmermann-Boog
Text: Robert Bossart/Paraplegie November 2016

Carlotta Ahlers Kopf ist rot vor Anstrengung. Mit Hilfe des Physiotherapeuten versucht sie, ihre Hüfte so weit wie möglich zu dehnen. «Mein Ziel ist es, mit einem Exoskelett ein paar Schritte zu machen», erzählt die 16-jährige Paraplegikerin. Dafür muss die Wienerin aber ihren Oberkörper in eine gerade Haltung bringen können. Vor einem Jahr wurden ihr zwei Titanstäbe zur Stabilisation an der Wirbelsäule eingesetzt, was zu einer leicht gekrümmten Haltung der Hüfte geführt hat.

Zur gleichen Zeit ist Fabian Schmid in der Trainingsküche der Ergotherapie gefordert. Der 17-jährige Paraplegiker aus Zürich versucht, einen Pizzateig auszuwallen, was ihm einige Mühe bereitet. «Fabian, der Kochprofi», witzelt der Kollege, der neben ihm die Mozzarella in kleine Stücke schneidet.

Intensive Therapien

Bereits zum zwölften Mal fanden diesen Sommer im SPZ die Jugendrehawochen statt. «Hier haben die jungen Menschen Zeit, in einem geschützten Rahmen gezielt an einzelnen Fertigkeiten zu üben», erklärt Romy Thalmann, Leiterin der Jugendrehawochen. Zum Beispiel den Umgang mit Inkontinenz. «Im Alltag ist das den 12- bis 17-Jährigen häufig peinlich, hier können sie neue Methoden ausprobieren, wie sie das Entleeren von Darm und Blase möglichst gut in den Griff bekommen.»

Die gemeinsam verbrachte Zeit schweisst die zwölfköpfige Gruppe zusammen, anfängliches Heimweh weicht rasch einer grossen Begeisterung. Das Programm, welches exakt auf die Bedürfnisse von Jugendlichen zugeschnitten wird, ist vielfältig und füllt die Tage restlos aus: Kontinenzversorgung mit der Pflege, Anziehtraining mit der Ergotherapie, Bewegungsübungen mit der Physiotherapie, sportmedizinische Tests, Ernährungsberatung, Beratungen für diverse Hilfsmittel aber auch sportliche Aktivitäten, Ausflüge, Schlafen im Stroh oder Bräteln gehören dazu. «Praktisch alle Kinder sagen, dass sie nächstes Jahr wieder kommen möchten», sagt Romy Thalmann. «Beim Abschied fliessen jedes Mal viele Tränen.»

Der Physiotherapeut dehnt die Hüfte von Carlotta Ahlers, um ihre gekrümmte Haltung zu verbessern.

Positive Gruppendynamik

Warum sind Jugendrehabilitationswochen nötig? «Junge Erwachsene treffen im normalen Klinikalltag in der Rehabilitation relativ selten auf Gleichaltrige», so Romy Thalmann. Deshalb fühlten sich diese oftmals etwas verloren. «In den drei Wochen profitieren sie ideal voneinander. Es entsteht eine positive Gruppendynamik.» Natürlich darf der Spassfaktor nicht fehlen und sogar etwas Ferienstimmung soll mit dabei sein.

Fabian Schmid ist es sichtlich wohl in Nottwil. «Hier entstehen richtige Freundschaften», sagt er. Der KV-Lehrling ist aufgrund eines Tumors im Rückenmarkkanal querschnittgelähmt. «Die Kollegen zu Hause sind eher auf Ausgang fixiert, da kann ich im Rollstuhl nicht mithalten. Hier treffe ich auf Jugendliche, die mich verstehen und ähnliche Bedürfnisse haben.» Er sei aber nicht nur wegen der guten Stimmung hier. «Ich werde hier optimal gefördert.» So hat er beispielsweise im Rahmen des so genannten Stadttrainings gelernt, ohne fremde Hilfe Zug zu fahren. «Nun kann ich auch mal eine Kollegin in Bern oder Basel besuchen, das gibt mir grossen Freiraum.»

Von den Eltern ablösen

Für Jugendliche im Rollstuhl erweist sich der Weg in Richtung selbstbestimmtes Erwachsenenleben als besonders anspruchsvoll, da sie meist auf die pflegerische Unterstützung ihrer Eltern angewiesen sind. In der Jugendreha arbeiten sie intensiv daran, so viel Eigenständigkeit wie möglich zu erlangen.

Carlotta Ahlers nimmt bereits zum vierten Mal an den Jugendrehawochen teil. «Das hier ist etwas Besonderes, das es in Österreich oder Deutschland nicht gibt.» Die junge Frau ist seit einem Autounfall vor sieben Jahren Paraplegikerin. «Mir geht es vor allem darum, meine Selbstständigkeit zu trainieren.» Sie weiss nun, wie sie nach einem Sturz ohne fremde Hilfe wieder in ihren Rollstuhl gelangt. «Nun muss ich mir weniger Sorgen um alltägliche Herausforderungen machen.» So kann sie sich auf ihre Ausbildung konzentrieren. «Und ich habe mehr Zeit für Freundschaften. Jetzt kann ich auch mal auswärts übernachten.» Carlotta Ahlers ist froh um die vielen Fortschritte. «Ich muss nun nicht mehr fragen: geht das, denn ich weiss jetzt: Ja, das geht.»

Wie steigt man in den Zug? Wie findet man den richtigen, hindernisfreien Weg? Beim Stadttraining lernen die Jugendlichen, wie sie im öffentlichen Raum am besten zurechtkommen.

Wir freuen uns über Eure Kommentare und Tipps an die Jugendlichen in der Rehabilitation – und über Eure Geschichten!

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