Im Interview mit der Community spricht Heinz Frei über seine einzigartige Karriere und sein «neues» Leben

63 Jahre alt (!) war Heinz Frei, als er 2021 an den Paralympics in Tokio seine 35. Medaille bei internationalen Titelkämpfen gewann. Inzwischen ist er vom Spitzensport zurückgetreten und gewöhnt sich an ein neues Leben als «Frührentner».

In Ihrer Biografie steht, dass Sie zuvor schon mehrfach an Rücktritt gedacht, dann aber stets weitergemacht haben. Nochmaliger Rückfall ausgeschlossen?

Heinz Frei: Ja. Mit Leistungssport ist definitiv Schluss. Man muss mit zunehmendem Alter gut aufpassen, nicht zur Lachnummer zu werden ... Ich habe im Vorfeld von Tokio mehr trainiert als jemals zuvor und wurde unverhofft mit einer Silbermedaille belohnt. Es war ein äusserst bewegender Moment, und der richtige, um dieses Kapitel zu beenden.

Es gab ziemlich viel Rummel um Ihren letzten Auftritt auf grosser Bühne. Überrascht?

Vor allem, dass ich Post von Menschen bekam, die ich nicht oder kaum kannte. Andererseits ehrt einen so viel Anerkennung und Aufmerksamkeit. Behindertensportler sind diesbezüglich ja nicht verwöhnt. Ich erhielt zahlreiche Einladungen und habe diese gerne angenommen. In Oberbipp (BE), wo ich aufgewachsen und jetzt wieder wohnhaft bin, hat man mich mit dem «Heinz-Frei-Platz» geehrt.

«Keinen Sport mehr machen können – unvorstellbar!»

Sport zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben.

Offensichtlich liegt’s in meinen Genen. Ich war von klein auf in Bewegung, es musste immer schnell gehen. Als Jugendlicher habe ich diverse Sportarten ausgeübt: Leichtathletik, Geräteturnen, Korbball, Langlauf. Ob es als Fussgänger in irgendeiner Disziplin jemals ganz nach vorne gereicht hätte? Keine Ahnung. Derlei hatte ich sowieso nie im Kopf. Aber die schlimmen Folgen des Unfalls im Alter von erst 20 Jahren machten mir gehörig Angst. Keinen Sport mehr machen können – unvorstellbar!

Wie gestaltete sich der Neuanfang im Rollstuhl?

Ich hatte Glück, dass mir eine Umschulung erspart blieb. Die Firma, in der ich die Lehre zum Vermessungszeichner absolviert hatte, war bereit, mich weiter zu beschäftigen. Das gab mir viel Sicherheit und Motivation. Bald nach der Rehabilitation trat ich dem Rollstuhlclub Kriens bei, trainierte regelmässig und begann mit Wettkämpfen. Ein Schlüsselerlebnis gab’s 1981, als ich in Montreal im TV einen Marathon verfolgte, und staunte, im Feld auch Rollstuhlfahrer zu sehen. Da, schwor ich mir, will ich auch hin. 1987 siegte ich dort. So und anders gewann Sport im Laufe der Zeit an Bedeutung.

heinz frei im rennrollstuhl marke eigenbau

Relikt aus der Urzeit: So sahen Rennrollstühle in den Achtzigerjahren aus. (Quelle für alle Bilder in diesem Artikel: Swiss Paralympic / Privatarchiv Heinz Frei)

zeitungsclip heinz frei marathon sieger im rollstuhl in zürich 1984

Schneller als die Läufer: Bestzeit beim Zürich Marathon 1984.

heinz frei bei seinen ersten paralympics 1984 in stoke mandeville

Heinz Frei bei seinen ersten Paralympics 1984 in Stoke Mandeville (wer erkennt den Fahrer ganz links?).

heinz frei beim rollstuhl marathon in oita japan

Massstäbe gesetzt: In Oita (Japan) fuhr Heinz Frei 1999 einen Marathon-Weltrekord und wurde danach zum Ehrenbürger der gleichnamigen Präfektur ernannt. Erst 2021 wurde der Weltrekord verbessert – am gleichen Ort von Marcel Hug.

brutaler sturz von heinz frei bei der europameisterschaft 2000 in nottwil

Schreckmoment auf der Bahn: Sturz kopfüber infolge eines Materialbruchs bei der EM 2000 in Nottwil.

In Ihrer Biografie erzählen Sie auch sehr offen über Ihr Privatleben.

Das gehört dazu. Denn persönliche Erfahrungen ausserhalb des Sports – positive und negative – waren ebenfalls prägend und mitunter wegweisend. Überdies wissen viele Leute wahrscheinlich nicht, welche Einschränkungen und Probleme eine Querschnittlähmung mit sich bringt. Bei mir waren Sport, Arbeit und Familie nie völlig voneinander getrennt. Ich hatte einen 50 %-Job. Damit der Alltag im Haushalt, vor allem mit zwei Kindern, nicht zu sehr belastet wurde, waren gute Organisation, Planung und Disziplin nötig. Mit Verständnis und gegenseitiger Rücksichtnahme lief das Meiste jedoch rund. Es waren meine besten Jahre. Ich war glücklicher Halbprofi, hatte einige Sponsoren, holte Preisgelder sowie Prämien. All das beseitigte auch die letzten Zweifel, vielleicht besser ganz auf den Beruf gesetzt zu haben.

«Leistung ist nicht so wichtig – der Effekt von Sport bei der Wiedereingliederung schon»

1998 kam ein weiterer Wendepunkt.

Mit 40 überlegte ich mir, wie es weitergehen soll. Zufällig suchte die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung SPV seinerzeit jemanden für den Aufbau des Bereichs Nachwuchsförderung. Ich wurde angefragt und sagte schliesslich zu. Es war Freude und Genugtuung zugleich, junge Menschen im Rollstuhl für Sport zu begeistern, ihre Fortschritte mitzuerleben und einige beim Aufstieg an die Weltspitze zu begleiten. Mich selber animierten Umfeld und Bedingungen in Nottwil ebenso; unter anderem zu einer zweiten Karriere im Handbike.

Ist Sport auch eine Art Droge?

Das trifft, vereinfacht und verkürzt, zu. Nur ist körperliche Aktivität für Menschen im Rollstuhl ein eigentliches Muss. Im Vordergrund steht das Verhindern von Komplikationen bzw. das Gesundbleiben. Natürlich tun Erfolge gut, auch psychisch. Doch Leistungsstreben per se ist nicht wichtig, der Effekt von Sport in der Wiedereingliederung hingegen schon. Und materielle Anreize zählen zuletzt. Sogar ein x-facher Paralympics-Sieger und Weltmeister hat nach Karriereende bei weitem nicht ausgesorgt.

heinz frei fährt kurve im handbike

Vielseitigkeit in Person: Vom Rennrollstuhl wechselte Heinz Frei erfolgreich ins Handbike.

siegerehrung paralympics 2008 in peking 2 x gold für heinz frei

Eine von vielen Sternstunden: Zweimal Gold im Handbike bei den Paralympics 2008 in Peking.

Wie fühlt man sich als «Frührentner»?

Sehr gut. Ich verspüre nichts von einem «Blues». Zumal es kein abruptes Herunterfahren von 100 auf 0 und ich von der anderen Welt nie abgekoppelt war. Ich treibe Sport nach Lust und Laune und geniesse es, im Alltag freier, spontaner entscheiden zu können. Ich verbringe mehr Zeit mit der Familie, zu der auch eine Enkelin gehört, mache zwischendurch den Hausmann, tüftle und bastle gerne. Hinzu betreue ich weiterhin einige Mandate.

Wo sind Sie denn noch engagiert?

Ich bin Botschafter der Schweizer Paraplegiker-Stiftung SPS. In dieser Rolle führe ich unter anderem Besucher durch den Campus Nottwil oder halte Vorträge. Zudem bin ich Präsident der Gönner-Vereinigung der SPS sowie Verwaltungsrat der Orthotec AG, die einige sehr interessante, innovative Projekte laufen hat. Schliesslich gebe ich meine Erfahrungen und mein Wissen an junge Athleten oder Sportorganisationen weiter. Langweilig wird es mir vorläufig kaum werden.

heinz frei im monobob im eiskanal von st. moritz

Nervenkitzel und Mutprobe: Am Start zur Fahrt im Monobob in St. Moritz.

heinz frei und ehefrau rita vor trainingsausfahrt

Bewegung als Lebenselixier: Heinz Frei und seine Frau Rita sind viel unterwegs.

«Malediven? Eher nicht»

Keine Lust, wie andere Ex-Spitzensportler, noch in die Politik einzusteigen?

Ich hatte früher ab und zu Anfragen von Parteien, beispielsweise für den Kantonsrat Solothurn zu kandidieren. Ein öffentliches Amt hätte mich seinerzeit aber allein zeitlich überfordert. Nun jedoch ist dieser Zug abgefahren. An Politik bin ich bis heute gleichwohl immer sehr interessiert geblieben.

Wo hapert es da bezüglich der Anliegen behinderter Menschen?

Im Versicherungsschutz stören einige Ungleichheiten zwischen Menschen mit Geburtsgebrechen und solchen mit Unfall oder Krankheit als Behinderungsursache. Bezüglich Verkehrsinfrastruktur und -mittel gibt es ebenfalls Nachholbedarf. Daneben wäre es wünschenswert, wenn «unsere» Athleten bei der Ausrichtung von Erfolgsprämien jenen ohne Behinderung gleichgestellt würden. Sowas liesse sich relativ schnell umsetzen. Bei anderen Vorhaben, die mit längeren Prozessen verbunden sind, müssen wir uns halt gedulden.

Persönliche Wünsche, nichts liegen geblieben?

Es gibt keine Liste, auf der steht, was ich bis dahin verpasst haben könnte und unbedingt nachholen müsste. Ich bin dank dem Sport weit in der Welt herumgekommen, habe eine Menge Aussergewöhnliches und Unvergessliches erlebt sowie viele interessante Menschen kennengelernt. Morgen an die Strände der Malediven fliegen? Eher nicht. Meine Frau und ich leiden nicht an Fernweh. Zudem bevorzugen wir Aktivferien, dort, wo es viel zu entdecken gibt und die Infrastruktur für unsereins stimmt.

 

Buchtipp:

Heinz Frei – 35 Medaillen und 40 Jahre Weltspitze

Biografie. Autor: Martin Born. 224 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.

Erschienen im Weber Verlag AG (Thun/Gwatt).

CHF 39.‒/EUR 35.

ISBN 978-3-03922-120-2

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