Barrierefreiheit in Gefängnissen und Geschichten von Häftlingen im Rollstuhl

Im Rollstuhl ins Gefängnis? Lange Zeit war dies die grosse Ausnahme. Früher kamen Straftäter mit gewissen Behinderungen oft um eine Inhaftierung herum, da die Gefängnisse nicht barrierefrei und entsprechend ausgestattet waren, um sie zu beherbergen.

Mittlerweile sieht das anders aus: Es werden spezielle Zellen für alte und behinderte Insassen gebaut – in der Schweiz zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg AG und der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH. Wir präsentieren Euch Geschichten von Rollstuhlfahrern im «Knast».

Vorarlberger ohne Beine sitzt wegen Drogenschmuggels ein

Wie die Geschichte eines Österreichers zeigt, kann man auch ohne Beine ins Gefängnis kommen. Der damals 47-Jährige aus Vorarlberg hatte über fünf Jahre mehr als eine Tonne Haschisch aus Spanien und den Niederlanden vorwiegend in die Schweiz geschmuggelt. Die Rauschmittel versteckte er im doppelten Boden seines Behindertenfahrzeugs.

Doch seine Hoffnung, dass niemand einen Schwerbehinderten ohne Beine kontrolliert, erfüllte sich nicht: Im April 2011 wurde er bei einem Transport von 200 Kilo Drogen erwischt. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und kam in die Strafvollzugsanstalt Stein in Niederösterreich.

Dort ist er nicht der einzige Insasse im Rollstuhl: Als er inhaftiert wurde, sassen bereits 30 weitere Häftlinge mit Behinderung ihre Strafe ab, davon sieben mit Rollstuhl. Sie befinden sich nicht in normalen Zellen wie die anderen Häftlinge, sondern in einer Sonderkrankenanstalt. Dort stehen ein Arzt und Pflegepersonal 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Das Gefängnis ist auch dank Rampen und Liften weitgehend barrierefrei.

Wie die anderen Insassen führen auch die Gefangenen mit Behinderung diverse Arbeiten aus. Statt dem früheren «Tütenkleben» sortieren und falten sie Flugzettel oder die Laufpläne für einen Marathon.

rollstühle im gefängnis

(Quelle: Toni Wölfl / https://www.sueddeutsche.de)

Die Anstalt in Stein ist in Bezug auf ihre Barrierefreiheit eine Ausnahme unter Österreichs Gefängnissen. Und auch in Deutschland und der Schweiz besteht Nachholbedarf: Im Jahr 2019 zeigte eine Studie des Schweizerischen Kompetenzzentrums für den Justizvollzug, dass bei vielen Anstalten keine spezielle Infrastruktur für ältere Insassen vorhanden ist. So verfügt nur eine Minderheit der Gefängnisse über rollstuhlgängige Gebäude oder stufenlose Toiletten und Duschen. Dies ist für alte Menschen ebenso ein Problem wie für andere Gefangene im Rollstuhl. Angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft – und damit immer mehr älteren Gefangenen – braucht es also auch im Strafvollzug noch viele Anpassungen für mehr Barrierefreiheit.

In Amerika benutzen Häftlinge ihre Rollstühle als Waffen und bewerfen Wärter mit Eiern

In den USA sind bekanntlich Waffen stark verbreitet. Relativ viele Menschen sind daher im Rollstuhl, weil sie von einer Kugel getroffen wurden. Laut US National Spinal Cord Injury Database verursachten im Zeitraum 2010-2018 Schussverletzungen 12.2 % aller Querschnittlähmungen in den USA. Umso erstaunlicher ist, dass manche Betroffene im Gefängnis sitzen, weil sie selbst Gewalttaten begangen haben oder unerlaubt Waffen besitzen.

rollstuhlfahrer maurice im gefängnis

Seit einer Schiesserei ist Maurice gelähmt. Er wurde angeklagt, weil er selbst aus dem Rollstuhl heraus seine Freundin und ihre Kollegin angeschossen hat. (Quelle: Jessica Koscielniak / Chicago Sun-Times)

Die Insassen des Cook County-Gefängnisses in Chicago leben in einem kargen Schlafsaal aus Beton. Reihen von Stahlbetten, Tische und Metallhocker sind in den Boden geschraubt. Die Gefangenen spielen häufig Karten oder sehen fern. Rund 60 Rollstuhlfahrer sitzen in diesem Gefängnis ein.

Auch unter ihnen gibt es brutale Schlägereien. So zerlegten zwei Häftlinge ihre Rollstühle, um Teile davon als Waffen zu benutzen. Der eine nahm das kleine Rad an der Vorderseite seines Stuhls ab, der andere entfernte einen Handlauf. Damit schlugen sie auf einen dritten Insassen ein, der auf Krücken ging. Er erlitt eine Kopfverletzung und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Hingegen müssen Insassen im Rollstuhl normalerweise keine Gewalt durch andere Gefangene fürchten. Wer einen Mann im Rollstuhl angeht, verliert den Respekt der anderen Häftlinge und würde wohl selbst verprügelt. Der Code untereinander hat für die Gefangenen grosse Bedeutung.

Manche Häftlinge versuchen, ihre eigene Situation im Rollstuhl auszunutzen: So bewerfen sie die Wärter mit Eiern, um sie zu provozieren, Gewalt anzuwenden. Ihr Ziel ist es, ein gutes Motiv für eine Klage und somit Vorteile zu erreichen.

Rollstühle dienen auch als Versteck für Drogen und andere Schmuggelwaren. Einige benutzen sogar ihre vollen Kolostomiebeutel, um dort Waffen zu verstecken. Dies macht die Suche der Wärter nach Waffen recht unangenehm.

Zwei Häftlinge erzählen: Johnathan Lacy…

Das obige Video zeigt Johnathan Lacy. Er war damals 29 alt und einer von rund 60 Rollstuhlfahrern im Cook County-Gefängnis. Er wurde gelähmt, als 2005 ein Wachmann während eines bewaffneten Banküberfalls auf ihn schoss. Lacy trug damals ebenfalls eine Waffe bei sich. Die Kugel steckt noch immer in seiner Wirbelsäule.

«Ich musste meinen Stuhlgang und meine Blase neu trainieren. Es ist völlig anders. Als ich eingesperrt wurde, hatte ich keine Therapie. Alles, was ich durchgemacht habe, habe ich selbst durchgemacht, ganz allein. Ich hasste es, Katheter zu benutzen. Ich hasste es, eine Windel anziehen zu müssen.»

Für den Raubüberfall sass Lacy acht Jahre im Gefängnis. Doch geläutert war er danach mitnichten: Bereits ein Jahr nach seiner Entlassung musste er wieder zurück, diesmal wegen Besitzes einer unerlaubten Waffe, mit der er auch geschossen haben soll.

Im Gefängnis hält sich Lacy in Form, indem er Hunderte von Liegestützen und Dips auf seinem Rollstuhl oder zwischen den Etagenbetten macht. Denn auch nach seiner Entlassung wird er wieder in seine Welt zurückkehren, in der Gewalt und Gangs die Strassen dominieren.

rollstuhlfahrer johnathan lacy im gefängnis

Johnathan Lacy (Quelle: Jessica Koscielniak / Chicago Sun-Times)

… und Steven Bramlett

Dieses Video zeigt Steven Bramlett, damals 34 Jahre alt und ebenfalls im Cook County-Gefängnis wegen angeblicher Teilnahme an einem Bandenmord. Bramlett selbst war 16 Jahre zuvor Opfer eines Autodiebstahls geworden, bei dem er viermal angeschossen wurde und gelähmt blieb. Im Video erzählt er von seinen Schwierigkeiten, die Querschnittlähmung psychisch zu verarbeiten. Er zeigt auch sein «Nicht behindert»-Tatoo, dass er genau über der Einschussstelle stechen liess:

rollstuhlfahrer steven bramlett im gefängnis

Steven Bramlett zeigt seine Beinschienen, die ihm helfen, kurze Strecken im Gefängnis zurückzulegen. (Quelle: Jessica Koscielniak / Chicago Sun-Times)

Zum Schluss hier noch der Link zu einem Video aus der ARD-Sendung «Weltspiegel» mit dem Titel «USA: Keine Gnade - Greise hinter Gittern». Es zeigt, wie manches Gefängnis dank Rollstühlen und Rollatoren mittlerweile wie ein Seniorenheim wirkt. Amerikas Gefängnisbevölkerung altert, weil die Rechtsprechung kaum Begnadigungen und vorzeitige Haftentlassungen zulässt. Das Video präsentiert Geschichten von alten und kranken Insassen wie auch von ehemaligen Häftlingen, die nach langer Zeit erst im hohen Rentenalter entlassen wurden.

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