Zum Glück mischen Betroffene den Markt für unsere Hilfsmittel auf.

«Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.» Das Zitat aus Goethes Faust prägt auch meine Beziehung zu unseren Hilfsmitteln. Qualitativ und funktional finde ich sie immer noch unbefriedigend, aber vieles hat sich in den vergangenen 40, 50 Jahren gebessert. Betroffene, die selbst im Rollstuhl sind, haben dazu wesentlich beigetragen.

Links auf dem Podium Firmengründer Manfred Sauer: Er begann vor gut 40 Jahren die nötigen Produkte für gutes Blasenmanagement selbst herzustellen.

Beginnen wir doch unter der Gürtellinie: Der 1963 verunfallte Tetraplegiker Manfred Sauer hat aus schierer Not begonnen, Hilfsmittel zu entwickeln, die das Blasenmanagement erleichtern. Er hat das nach ihm benannte, heute international bekannte Unternehmen gegründet, dessen Produkte neue Standards setzen. Dank ihnen sind wir «trocken» und kommen gut durch den Alltag. Die laufenden Verbesserungen haben dazu geführt, dass sich heute sogar Tetraplegiker, wie ich einer bin, selbst katheterisieren können. Die Schutzfolie, welche die Blasensonde umgibt, gewährleistet, dass ich hinreichend hygienisch vorgehe. Für mich ist diese Folie die entscheidende Neuerung. Vor acht Jahren führten meine ersten Versuche mit ungeeigneten Kathetern schon bald zu einem fürchterlichen, wochenlang anhaltenden Infekt, ausgelöst von zwei verschiedenen Erregern.

Rainer Küschall baute sich und anderen den sehnlich gewünschten Aktiv-Rollstuhl selbst.

Ebenfalls 1963 ist Rainer Küschall verunfallt. Er quälte sich jahrelang mit den seinerzeitig sperrigen und schweren Rollstühlen. Ende der siebziger Jahre begann er selbst, zusammen mit Tüftlern sogenannte Aktivrollstühle zu bauen. Nach anfänglichen Kinderkrankheiten entwickelten sich daraus elegante und wendige, individuell angepasste Leichtbaustühle. Vorbei die Zeiten, da wir uns nach den verfügbaren Normformaten richten mussten. Die Eidgenössische Invalidenversicherung (IV) bezeichnet ein Fahrzeug, wie es Küschall als einer der ersten konzipiert hatte, als «Adaptivrollstuhl». Er hebt sich vom «Basisrollstuhl» aus der Serienproduktion wohltuend ab.

Dank Josef Jakober sind wir mobiler, auch am Berg.

Auf den 1976 verunfallten Tetraplegiker Josef Jakober geht der Swiss-Trac zurück. Der gelernte Ingenieur brachte ihn 1995 auf den Markt. Der «Trac» ist solide und zuverlässig, viel leichter an- und abzukoppeln als die vielen Bikes, die ich ohne Hilfe nicht handhaben kann. Dagegen hätte wohl niemand was einzuwenden, wäre er noch etwas schneller und liesse sich bei Ausflügen noch leichter auf den mitgelieferten Schienen ins Auto fahren. Aber Achtung: Die IV bezahlt Fahrzeuge nur, wenn sie nicht schneller als 10 km/h fahren – und könnte man den «Trac» mit blosser Hand in den Kofferraum bugsieren, wäre er zu leicht. Seine Räder würden nicht haften und durchschleifen, statt uns zu ziehen, und zwar auch steil bergauf.  

Ab 1983 mischte «Jay» das öde Angebot an Sitzkissen auf. Ein nichtbehinderter amerikanischer Geschäftsmann stand dahinter. Inzwischen sitzen viele von uns auf einem «Jay». Zuvor versanken oder litten wir auf mehr oder weniger nett überzogenem Schaumgummi. Den einen waren diese teuren, als medizinische Hilfsmittel getarnten Kissen zu weich, den andern zu hart. Heute ist das Sortiment breiter und qualitativ besser. Druckstellen, Verhornungen bis hin zum gefürchteten Dekubitus bedrohen uns freilich nach wie vor.

Uwe Schonhardt, Ergotherapeut am Rehab Basel, aber auch Ingenieur, entwickelt jetzt zusammen mit kompetenten Partnern ein «smart cushion», also ein intelligentes Kissen. Zu seinen kompetenten Projektpartnern gehören Spezialisten aus den Bereichen Software, Automation und «Sitzentwicklung». Intelligenz bedeutet, das Kissen ist in Unterstützungszonen eingeteilt, die sich elektronisch steuern lassen. Wer drauf sitzt, wird einstellen können, wo und in welchem Rhythmus das Kissen entlasten und Mikrobewegungen auslösen soll. Schonhardt betritt Neuland. Das ist erfreulich und bemerkenswert, denn oft sind unsere Hilfsmittel mehr schlecht als recht aus bestehenden Gebrauchsartikeln für den Massenmarkt abgeleitet. Salopp formuliert: Sie sind technisch bereits veraltet, wenn wir sie neu anschaffen.

Kommentare (3)

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Danke lieber Fritz für diese Aufzählung. Gerade die "jungen Rollstuhlfahrer" sind sich, ob den Fortschritten vielleicht gar nicht so bewusst. Ich erinnere mich an Zeiten wo der Rollstuhl weit über 20 kg wog und wirklich ein ziemliches Monstrum...
Danke lieber Fritz für diese Aufzählung. Gerade die "jungen Rollstuhlfahrer" sind sich, ob den Fortschritten vielleicht gar nicht so bewusst. Ich erinnere mich an Zeiten wo der Rollstuhl weit über 20 kg wog und wirklich ein ziemliches Monstrum war. Unser Motto hiess "Pedal d'obä" etc. Zu deiner Aufzählung möchte ich doch noch die Firma Rospo erwähnen, gegründet von Fritz Trachsel und später dazugekommen Zoltan Fekete. Ich habe ein paar Jahre für Fritz (verstorben 1995) gearbeitet. Er importierte Quickie Rollstühle seit 1983 und dies war für Felix natürlich ein Highlight. Endlich waren wir in der Neuzeit angekommen. Ja, es ist mir wichtig ihn deinen Namensvetter (der auch Tetra war)  zu erwähnen, bestimmt ist er dir auch ein Begriff. Heute existiert die Firma noch unter Hock'n roll in Bern.  
Häbets guet, Silvia 
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Liebe Silvia, alias Tulipe!
Es stimmt: Es gibt noch Fritz Trachsel, Karl Willi und Rolf Zumkehr und vielleicht noch andere. Sie alle haben Verbesserungen gebracht. Trachsel begann mit dem Import eines schwedischen Rollstuhls, Marke "Spinner". Der...
Liebe Silvia, alias Tulipe!
Es stimmt: Es gibt noch Fritz Trachsel, Karl Willi und Rolf Zumkehr und vielleicht noch andere. Sie alle haben Verbesserungen gebracht. Trachsel begann mit dem Import eines schwedischen Rollstuhls, Marke "Spinner". Der war leicht, elegant gepolstert und sehr bequem. Meiner fiel dann auch mal auseinander. Mit Fritz waren wr auch befreundet. Den Kontakt mit Heidi, seiner Frau, haben wir aber verloren. Ich wünsche dir jetzt einen guten Silvester und fulminanten Neustart. Deine Stellungnahmen freuen mich immer. Bitte weiter so. Herzliche Grüsse, fritz
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Hallo Fritz
an die Marke "Spinner" kann ich mich nicht erinnern, aber ich musste doch grad laut herauslachen. Was machst du mit deinen Rollstühlen? Auseinandergefallen, ha, ha, ha... Hoffe du hast dir nicht weh getan. Im ernst, bist du so ein...
Hallo Fritz
an die Marke "Spinner" kann ich mich nicht erinnern, aber ich musste doch grad laut herauslachen. Was machst du mit deinen Rollstühlen? Auseinandergefallen, ha, ha, ha... Hoffe du hast dir nicht weh getan. Im ernst, bist du so ein Haudegen? Das sieht man dir gar nicht an:smileywink: Irgendwo hast du mal von gebrochenen Rückenlehnen erzählt. Häb sorg zu dir. Es stimmt auch ich habe schon eine ganze Weile nichts von Heidi gehört, werde ihr mal schreiben. Also roll gemütlich ins neue Jahr. Einen fulminanten Start werden wir nicht haben, am 24. wird Felix im PZ Nottwil operiert. Da gilt es noch etliches zu erledigen. Herzliche Grüsse, Silvia
 
 
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