Wie alle Menschen können auch (die meisten) Para- und Tetraplegiker ihre Atmung beeinflussen. Andere vegetative Funktionen nicht.

Wie schnell unser Herz schlägt und wie viel Druck es aufbaut, können wir höchstens indirekt beeinflussen. Sind wir sportlich aktiv, ziehen der Rhythmus und der Druck an. Hängen wir faul rum, gehen sie zurück.

Noch weniger vermögen wir Niere und Darm zuzusprechen. Trinken wir viel und essen gehörig Grünfutter, so kommt’s vorne und hinten leichter und in grösserer Menge wieder raus. Ansonsten regulieren sich diese Organe autonom – wir können sie weder an- noch abstellen.

Den Atem haben wir im Griff

Zu dieser Regel gibt es eine Ausnahme: die Lunge. Ihr dürfen wir dreinreden. So können wir ihr zum Beispiel befehlen: «Atme langsam», «Puste», «Atme tief ein» bis hin zu «Atme mal gar nicht». Die Freiheit, ihrem Atemorgan solche Befehle zu erteilen, nutzen die Menschen auf unterschiedliche Art.

Besonders schöpferisch gehen die Inder im Yoga mit ihr um. Der legendenumwitterte Patanjali, der zwischen 200 und 400 vor Christus gelebt haben soll, gilt als der Vater des Yoga. Er hat das Yogasutra verfasst, eine der bedeutendsten philosophischen Schriften Indiens. Darin zeichnet er den achtgliedrigen Weg des Yoga. Er beginnt mit enthaltsamer Lebensweise, Körperübungen (Asanas), Atemtechniken (Pranayama) bis hin zur Meditation.

Atemtechnik bedeutet zum Beispiel das: Wir konzentrieren uns, atmen bewusst kurz ein, halten den Atem an, um danach lange auszuatmen. Um in einen behaglichen Rhythmus zu kommen, können wir dazu zählen, zum Beispiel auf 3 beim Einatmen, wieder auf 3 in der Pause und auf 6 beim Ausatmen. Das entspannt und beruhigt. Wollen wir uns anfeuern, takten wir umgekehrt: Wir atmen lange ein, pausieren kurz und pusten die Luft mit Druck schnell aus. Das wirkt wie heisser, starker Kaffee.

frau im rollstuhl atmet befreit auf

Beim Ausstrecken einatmen, pausieren, zurückziehen und langsam ausatmen. So entspannen wir uns im Yoga.

Unsere Kultur atmet mit

Das Ziel auf dem Weg des Yoga ist es, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Bei uns im Westen sind wir weniger vergeistigt, dafür leistungsorientiert. Wir steuern unseren Atem, um den Alltag erfolgreich zu bewältigen und sportliche Ziele zu erreichen. Beim Zahnarzt bemühen wir uns, möglichst ruhig und gleichmässig zu atmen, bevor er mit seinen Instrumenten in unsere Mundhöhle ein­dringt. Als alpine Bergsteiger gehen wir gemächlich und atmen nur langsam. Halten wir uns nicht an diese Regel, erschöpfen wir uns schnell. Schliesslich wird die Luft mit jedem zusätzlichen Höhenmeter ärmer an Sauerstoff.

Das gilt sogar, wenn wir Rollstuhlfahrer mit dem Bähnchen hochfahren. Im Grunde müssen wir bei jeder körperlichen Anstrengung darauf achten, dass wir nicht zu viel und zu schnell atmen. Nur so bleiben wir leistungsfähig. Blutdruck und Puls überschiessen nicht, und wir hecheln nicht zu viel Sauerstoff in uns (Hyperventilation).

Atemtherapie nun auch bei uns

Wir Menschen setzen den Atem unterschiedlich ein, um zu unserem Wohl zu kommen. Letztlich finden wir uns trotzdem wieder. Ermüdet von den Zielen und Reizen, denen wir uns ausliefern, gehen selbst wir «Westler» ab und an in uns. Das bedeutet, inne zu halten, sich von der glitzernden Aussenwelt abzuwenden, in Stille zu verharren, nachzudenken. Die Grenze zur Meditation wird fliessend. Die Kernüberlegung ist dieselbe wie im indischen Yoga: Das Glück liegt in uns. Niemand und nichts trägt es uns von aussen zu.

gemälde buddhistischer mönch meditiert nachts am see

So mysteriös, wie es scheint, ist die Meditation nicht. Bei uns heisst’s einfach: «Geh mal in dich!».

Ein ruhiger Atemrhythmus hilft, unseren von Hektik getriebenen Organismus zu besänftigen. Dank dieser Einsicht gehört Atemtherapien und -techniken inzwischen auch bei uns zum medizinischen Angebot – zumindest als «alternative» Ergänzung. Wir können ihnen in Frieden zu Hause nachgehen, entweder nach eigener Rezeptur oder mit Hilfe Dritter.

Beispielhaft sei die amerikanische Organisation HeartMath genannt, die eine Software vertreibt. «Heart» steht für Herz, «Math» für Mathematik. Ihr Ziel ist es, Herzschlag und Atemrhythmus nachhaltig in Einklang zu bringen. Würden alle Menschen dieses Ziel erreichen, so wäre die Welt friedlicher und gesunder, lautet der nicht unbescheidene Anspruch.

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