Im zweiten Teil unserer Blog-Serie über die Wissenschaft erklären wir, warum die Art der Studie einen Unterschied macht

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Um beurteilen zu können, ob die Ergebnisse einer Studie tatsächlich vielversprechend sind, ist es wichtig zu verstehen, um welche Art von Studie es sich handelt. Wir stellen die vier häufigsten Studientypen vor.

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Oft werden wir mit Nachrichten über Wissenschaft und Gesundheit konfrontiert. Die Medien neigen dazu, gewisse wissenschaftliche Studien als «Wunder» zu präsentieren. Dadurch wecken sie das Interesse vieler Leser, aber auch grosse Erwartungen, die tatsächlich nicht immer gerechtfertigt sind.

In dieser Blog-Serie über die Wissenschaft präsentieren wir drei grundlegende Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir in den Medien Nachrichten aus der Wissenschaft lesen. Die Beantwortung dieser Fragen kann uns helfen, unsere Erwartungen realistischer zu gestalten.

Im ersten Teil der Blog-Serie haben wir uns mit der Frage beschäftigt: Wo steht die Forschung? Das Wissen um die zeitlichen Abläufe in der Wissenschaft kann uns helfen zu verstehen, ob die Ergebnisse einer Studie schon bald in der klinischen Praxis angewendet werden können oder ob es noch Jahre dauern wird, bis das neue Medikament oder die neue Therapie auf den Markt kommt.

In diesem zweiten Teil beantworten wir die Frage: Um welche Art von Studie handelt es sich?

Einzelne Studie oder Synthese aus vielen Studien?

Wenn wir in den Medien über eine Studie lesen, liegt oft der ganze Fokus auf den Ergebnissen. Doch um die Ergebnisse richtig bewerten zu können, ist es sehr wichtig zu wissen, wie die Studie durchgeführt wurde, d. h. wie das Studiendesign aussieht. Warum? Ganz einfach! Das Studiendesign hat einen Einfluss auf die Aussagekraft der durch die Studie generierten Evidenz, oder anders ausgedrückt, auf die Schlussfolgerungen, die man aus den Ergebnissen ziehen kann.

Beim Studiendesign unterscheidet man zunächst zwischen Einzelstudien und Synthesen aus mehreren Studien. Einzelstudien können – unabhängig von ihrer Art und der methodischen Stringenz, mit der sie durchgeführt werden – interessante oder sogar revolutionäre Ergebnisse liefern; doch sie haben die Einschränkung, eben nur Einzelstudien zu sein.

forscher bringt bei rollstuhlfahrer sensoren an

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und eine einzige Studie bringt noch kein aussagekräftiges Ergebnis.

Synthesen wiederum fassen die Ergebnisse aller vorhandenen Studien zu einem bestimmten Thema zusammen und bewerten oft auch die Stringenz, mit der die einzelnen Studien durchgeführt wurden. Je stringenter die in die Synthese einbezogenen Studien sind, desto aussagekräftiger sind die aus der Analyse abgeleiteten Empfehlungen. Diese Empfehlungen beeinflussen die Gesundheitspolitik und die medizinische Praxis.

Was ist eine Interventionsstudie?

Zweitens ist es wichtig, zwischen Interventions- und Beobachtungsstudien zu unterscheiden. Bei Interventionsstudien wird etwas getestet, in der Regel ein neues Produkt, wie z. B. ein Medikament oder ein medizinisches Gerät. In diesen Studien versucht man zu verstehen, ob das neue Produkt bessere Ergebnisse liefert als bereits bekannte Produkte oder ein Placebo.

forschungsstudie mit lokomat

Bei Interventionsstudien wird ein neues Produkt getestet, wie z. B. hier der Lokomat.

Im Vergleich zu Beobachtungsstudien gehen aus Interventionsstudien eindeutigere Zusammenhänge hervor, da alle Variablen kontrolliert werden. Auf diese Weise lassen sich Ursache-Wirkungs-Beziehungen zwischen zwei Faktoren mit Sicherheit feststellen und andere Erklärungen ausschliessen.

Interventionsstudien im Gesundheitsbereich sind die sogenannten randomisierten kontrollierten Studien. Sie werden häufig durchgeführt, um die Wirksamkeit neuer Medikamente zu bewerten. In diesen Studien erhält eine Gruppe von Personen (die sogenannte Studiengruppe) z. B. ein bestimmtes neues Medikament; eine andere Gruppe (die sogenannte Kontrollgruppe) erhält dagegen ein bereits auf dem Markt befindliches Medikament oder ein Placebo. Durch den Vergleich der beiden Gruppen lässt sich beurteilen, ob das neue Medikament bessere oder lediglich ähnliche Ergebnisse liefert als das bekannte Medikament oder das Placebo.

Was ist eine Beobachtungsstudie?

Bei Beobachtungsstudien dagegen – wie der Name schon sagt – beobachtet man eine Situation, ohne einzugreifen. Bei Kohortenstudien beispielsweise wird das Auftreten eines Gesundheitsproblems beobachtet und dessen Entwicklung über die Zeit verfolgt. In der Schweiz ist die Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study (SwiSCI-Studie) ein gutes Beispiel für eine Kohortenstudie.

swisci logo

Logo der SwiSCI-Studie

Die 2011 gestartete SwiSCI-Studie ist die grösste Studie, die jemals in der Schweiz durchgeführt wurde, um die Lebenssituation von Para- und Tetraplegikern in der Schweiz zu beschreiben und ihre Entwicklung zu beobachten. Alle fünf Jahre werden Menschen mit einer Rückenmarksverletzung gebeten, einen Fragebogen auszufüllen; darin geben sie Auskunft über ihren Gesundheitszustand und ihre Lebensqualität, ihre Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, ihre Integration in die Arbeitswelt, Probleme im Zusammenhang mit dem Älterwerden etc.

Eine Kohortenstudie liefert zwar weniger eindeutige Zusammenhänge als eine Interventionsstudie, hat aber den Vorteil, dass man Veränderungen über einen langen Zeitraum und unter realen Bedingungen beobachten kann. Mit den gesammelten Informationen identifizieren die Forscher Problembereiche und können Empfehlungen aussprechen. Im Fall der SwiSCI-Studie können die Forscher zum Beispiel Massnahmen zur Verbesserung des Schweizer Gesundheits- und Sozialsystems vorschlagen, um den Bedürfnissen von Menschen mit Querschnittlähmung besser gerecht zu werden.

Welche Arten von Studien haben die grösste Aussagekraft?

Die folgende Grafik zeigt, welche Arten von Studien die verlässlichsten Beweise liefern:

aussagekraft der ergebnisse verschiedener arten von studien

(Quelle: angepasst von https://toolbox.eupati.eu)

  • In diesem Ranking finden wir an erster Stelle die Synthesen: sogenannte Meta-Analysen und systematische Übersichtsarbeiten (auf Englisch: meta-analysis; systematic reviews).
  • An zweiter Stelle haben wir die Interventionsstudien, wie z. B. randomisierte kontrollierte Studien (auf Englisch: randomized controlled trials oder RCT).
  • An dritter Stelle stehen die Beobachtungsstudien (auf Englisch: observational studies). Davon haben Kohortenstudien die grösste Aussagekraft, gefolgt von Fall-Kontroll-Studien, Fallberichten und schliesslich Fallserien. Aus einer Fallserie können wir zum Beispiel etwas über die Merkmale einer neuen oder seltenen Krankheit lernen, oder über die ungewöhnlichen Symptome einiger Patienten, die in der klinischen Praxis beobachtet werden. Allerdings kann man daraus keine Schlussfolgerungen ziehen, die sich direkt auf andere Menschen übertragen lassen.
  • Auf der untersten Stufe des Rankings finden wir Editorials und Meinungen von Experten. Dies sind eben nur Meinungen und keine Ergebnisse, die mit einer wissenschaftlichen Methode gewonnen wurden. Daher kann man nicht von einem wissenschaftlichen Beweis sprechen.

Auf dieser Grundlage können wir nun also Nachrichten, welche die Ergebnisse einer Studie als «revolutionär» darstellen, besser einordnen. Ein Beispiel unter vielen war eine Studie von 2014, in der eine querschnittsgelähmte Person wieder laufen konnte. Dank einer Zelltherapie und anschliessender intensiver Rehabilitation über mehr als zwei Jahre erlangte die Person eine gewisse Sensibilität zurück sowie die Fähigkeit, mit Stützen zu gehen.

Dies war zwar ein sehr positives Ergebnis – doch wenn wir nach der Art der Studie fragen, sehen wir, dass es sich um einen Fallbericht handelt. Diese Erkenntnis mahnt uns zur Vorsicht und warnt davor, bereits allzu grossen Erwartungen an diese Therapie zu stellen. Eine Einzelstudie mit einem einzigen Patienten ist erst der Anfang eines Forschungsprojekts, nicht das Ende. Weitere Studien sind notwendig, um zu überprüfen, ob diese Therapie auch anderen Patienten den gleichen Nutzen bringen kann.

In diesem Blog haben wir gelernt, wie man die Art der Studie erkennt und wie man die Aussagekraft der gewonnenen Erkenntnisse bewertet. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, ob die Studienergebnisse auch für uns selbst relevant und anwendbar sind. Verpasst nicht die nächste Folge!

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