Je mehr wir wissen, desto besser gehen wir mit Spastik um. Das SPZ in Nottwil führt Kurse durch.

Mit Spastik haben viele von uns täglich zu tun. Oft nervt sie. Um zu erfahren, was es Neues zum Thema gibt, ging ich ans Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Das SPZ bietet im Rahmen seines Para Know-how-Programms einen Kurs an, der Betroffene umfassend informiert. Ich berichte, was ich dort erfahren habe.

Das griechische Wort Spasmos heisst Krampf. Daraus leiten sich die Sammelbegriffe Spastik und Spastizität ab. Spastik äussert sich in «geschwindigkeitsabhängiger Muskeltonuserhöhung bei passiver Dehnung». So sprach Dr. Jürgen Schneider, der leitende Neurologe des SPZ. Weniger wissenschaftlich formuliert, bedeutet das: Ruckartige Dehnungen erhöhen die Spannung und damit den Tonus in der Muskulatur.

Nach Schneiders Präsentation ergänzte Christa Schwager, Fachexpertin Bewegung am SPZ, dass sich der Muskeltonus auch erhöht, wenn wir lange in der gleichen Stellung verharren. Deswegen fühlen wir uns wie ein Brett, wenn wir morgens aufstehen, oder kommen nach langer Fahrt kaum mehr aus dem Auto. Wir sind verspannt.

Das Rückenmark nimmt Reize auf und antwortet mit Muskelverkrampfungen.

Das ergeht allen Menschen so. Bei einer Rückenmarkverletzung jedoch verstärkt die Spastik diesen Zustand. Es entsteht ein sogenannter Reflexbogen. Er funktioniert folgendermassen:

Von aussen wirkt ein Reiz auf unseren Körper ein. Die sensorischen Nervenzellen nehmen ihn auf und leiten ihn ins Rückenmark. Dieses ist unterhalb der Verletzungsstelle intakt – doch seine Verbindung zum regulierenden Gehirn ist ganz oder teilweise durchtrennt.

Deshalb antworten die motorischen Nervenzellen im Rückenmark direkt auf den Sinnesreiz. Sie tun das auf ihre Art: Sie lassen die Muskeln anspannen, der Tonus erhöht sich. In der Folge verkrampft die Muskulatur, Spasmen schiessen ein. Es ergeben sich viel zu heftige Beuge- oder Streckbewegungen. Die spastische Muskulatur ist nie leicht angespannt, sondern entweder inaktiv oder unter voller Spannung.

Öffnende Gegenbewgungen lösen die Spastik.

Brechen lassen sich diese Bewegungsmuster nur durch langsame Gegenbewegungen: Aus der Beugung in eine krampffreie Streckung und umgekehrt. Sich bewegen ist das beste und wohl gesündeste Mittel gegen Spastik. Sich im Rollstuhl winden hilft schon, um entstehender Starre entgegenzuwirken.

Im Idealfall erfassen Bewegungsübungen aber den ganzen Körper. Ein klassisches Beispiel ist die Bauchlage. Wir, die den ganzen Tag sitzen, dehnen praktisch die gesamte Skelettmuskulatur, wenn wir auf eine Liege transferieren und uns auf den Bauch drehen. Liegestütze verstärken den Entspannungseffekt.

Die Kopfbeugung nach vorne hilft, spastische Streckmuster zu brechen.

Ich gebe aber zu, mir stinkt das. Leichter durchführbar ist eine andere Übung: Kopf nach vorne beugen. Der Rumpf folgt dieser Bewegung. Die Körperspannung vermindert sich. Umgekehrt erhöht sie sich, wenn wir den Kopf nach hinten schwenken.

Bleibt die Spastik trotz entspannender Bewegungen unerträglich, gibt es Medikamente. Die einen wirken «zentral», also auf das Nervensystem, die anderen setzen direkt bei den Muskeln an. Unter den zentral wirkenden ist Baclofen – Markenname Lioresal – nach wie vor der Klassiker. Wie alle diese Mittel dämpft es aber nicht nur die Spastik, sondern das ganze System. So auch den Blutdruck, wir fühlen uns schläfrig, etwas schlapp, und im schlechtesten Falle übel.

Die Medikamente, die direkt auf die Muskeln einwirken, sind allerdings auch nicht frei von unangenehmen Nebenwirkungen. Dantrolen – Markenname Dantamacrin – ist hier eines der bekanntesten Mittel. Mich benebelt es. Mydocalm ist ein weiteres Beispiel. Es macht nicht müde, heisst es. Ich kenne es aber nicht.

Neuerdings gibt es gegen die Spastik auch das gute alte Pflänzchen aus Indien: Cannabis sativa mit seinen Wirkstoffen THC und CBD. Sie wirken zentral, sie dämpfen, und THC verändert überdies das Bewusstsein. Dank diesem Wirkstoff ist Cannabis, im Gassenjargon «Kiff», eine Vergnügungsdroge. Für medizinische Zwecke wird deshalb so gering wie möglich dosiert. Allerdings: Wer gerne höher fliegt, kifft auch mehr und senkt damit ganz nebenbei seinen Muskeltonus, den Druck im Blutkreislauf und die Darmaktivität. Schon bald fühlt er sich etwas schlapp und ist verstopft.

Umfassend und nachhaltig wirkende Therapien und Mittel gegen Spastik gibt es nicht. Wir müssen lernen, mit ihr umzugehen. Sie sorgt dafür, dass unsere Muskeln nicht verkümmern. Dies wiederum unterstützt unseren Kreislauf, denn die ständigen Verspannungen regen ihn an. Beim Sitzen, aber auch bei gewissen Bewegungen, zum Beispiel beim Transfer ins Bett, gibt uns die Spastik die nötige Stabilität. Ohne sie würden wir schlaff in unserem Skelett hängen.

Letztlich überwiegen die Vorteile der Spastik. Ich gebe allerdings zu: Es gibt Momente, da fällt es schwer, diese Einsicht zu glauben.

Die nächsten Kurse «Spastizität und Spastik» von Para Know-how finden am 11. Juni und am 24. Oktober 2019 in Nottwil statt, jeweils 16.00 – 17.45 Uhr. Anmeldung unter https://www.paraplegie.ch/spz/de/aus-und-weiterbildung/para-know-how-kurse.

Wer sich schon vorher weiter informieren möchte, dem seien die beiden Wiki-Artikel zum Thema Spastik bei Querschnittlähmung und Therapie der Spastik bei Querschnittlähmung von unserem früheren Online-Doktor Dr_Hans ans Herz gelegt.

Kommentare (4)

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Lieber Fritz
Viel Neues durfte ich von Deinem obigen Beitrag zur Kontrolle der Spastik lernen. Auch Dein Hinweis auf die beiden Wiki-Artikel von Dr­_Hans haben meinen Horizont erweitert. Ich selber kenne spastische Verkrampfungen vorwiegend...
Lieber Fritz
Viel Neues durfte ich von Deinem obigen Beitrag zur Kontrolle der Spastik lernen. Auch Dein Hinweis auf die beiden Wiki-Artikel von Dr­_Hans haben meinen Horizont erweitert. Ich selber kenne spastische Verkrampfungen vorwiegend frühmorgens im Bett. Möglicherweise ist der Auslöser eine übervolle Blase. Das lässt sich ja leicht überprüfen. Tagsüber kann ich besser mit gelegentlicher Spastik umgehen. Mein jetzt verbessertes Hintergrundwissen hilft mir, die Spastik auch positiv zu sehen. Jetzt verstehe ich auch besser, was mir mein Physiotherapeut schon zu erklären versuchte, nämlich, dass durch die Spastik die Muskulatur der Beine besser erhalten bleibt.
Mit einem herzlichen Dankeschön
cucusita
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Liebe cucusita,
Ich bin natürlch froh, wenn ich sogar einem "weisen Autor" etwas beibringen kann.
Das ist ja der Witz dieser Plattform. Wirt tauschen uns aus, um Erfahrungen zu teilen.
Du spielst da besonders gut mit, finde ich.

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Hallo,
ich habe gerade zufällig den Beitrag über Spastik gefunden gelesen und möchte dazu meine eigenen Erfahrungen kurz vortragen.

Kurz nach meinem Unfall vor fast 10 Jahren hatte ich in den Füßen gelegentlich etwas unangenehme Zuckungen, die...

Hallo,
ich habe gerade zufällig den Beitrag über Spastik gefunden gelesen und möchte dazu meine eigenen Erfahrungen kurz vortragen.

Kurz nach meinem Unfall vor fast 10 Jahren hatte ich in den Füßen gelegentlich etwas unangenehme Zuckungen, die ich zunächst für Spastik hielt. Ansonsten gab es nichts dergleichen, was man so über Spastik nachlesen kann. Bald darauf konnte ich meine Beine auch wieder etwas bewegen, von Spastik entgegen ärztlicher Prognose war nichts festzustellen. Und auch die intensiven Bemühungen von gleich mehreren Neurologen, die Spastik in den Beinen durch ruckartiges Beugen und Strecken auszulösen, blieben - zum Ärger der Neuros - zu meiner Freude erfolglos.

Mittlerweile vergeht mir mein Lachen: Ich laufe immer schlechter, die zu bewältigenden Wegstrecken fallen immer schwerer, und es hat sich in den Jahren eine Steifheit in den Knien und im unteren Rücken eingestellt. Gestern war ich deswegen in der Technischen Orthopädie in Heidelberg um Experten auf diesem Gebiet zu befragen, was mit mir los ist und wie man mir ggf. mit Orthesen helfen kann.
Der oben beschriebene Test auf Spastik in den Beinen fiel zu meinem Entsetzen auf einmal positiv in dem schwachen Bein aus.

Diagnose: Eindeutig Spastik

Therapie: 1. keine Orthese, weil sie nicht notwendig ist (schade, es wäre die bequemste Lösung!)
2. Botox in den Rectus femoris (ein Muskel des vorderen Oberschenkels), der vermutlich spastisch ist und gelockert werden soll
3. viel Bewegung und regelmäßiges Dehnen (meine Lösung)

Warum schreibe ich das hier?
Offenbar kann Spastik auch noch nach rel. vielen Jahren auftreten und - je nach Schwere - zu Problemen führen. Eine Erklärung seitens der Ärzte bekommt man hierzu nicht, höchstens schwammig vorgetragene Vermutungen dahingehend, dass vielleicht an der Narbe im Rückenmark Veränderungen auftreten können und ähnlichen Unsinn.
Beruhigend ist vielmehr das Wenige, was man hierzu in der Literatur findet, dass sich nämlich nach Verschluß der RM-Narbe nichts mehr weiter daran passieren kann.

Meine Frage hierzu:
Hat jemand der Forums-Teilnehmer vielleicht ähnliche Erfahrungen wie ich zu Spastik gemacht bzw. kann Spastik tatsächlich nach fast 10 Jahren urplötzlich auftreten?

Ich persönlich glaube, dass es sich hier ungefähr so verhält wie bei demjenigen, der mit dem Hammer in der Hand den Nagel als "passende" Lösung des Problems sucht.
Auf den Neurologen übertragen bedeutet das, dass Steifheitsprobleme in den Gelenken bei RM-Geschädigten immer gleich mit Spastik erklärt und mit reichlich Baclophen behandelt wird.

Nun hoffe ich nur noch, dass dieser Beitrag auch von hinreichend vielen Teilnehmern gefunden wird und ich damit eine Chance habe, eine Antwort zu bekommen. Ich selber habe diesen Beitrag nur durch großen Zufall gefunden.

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Lieber Salieri,
Zu deiner Frage habe ich als Nichtmediziner zwei klare Antworten, die dir aber nicht helfen:
1. Die Neurologen haben schon Mühe, das intakte Nervensystem zu begreifen, das geschädigte verstehen sie erst recht nicht. Der...

Lieber Salieri,
Zu deiner Frage habe ich als Nichtmediziner zwei klare Antworten, die dir aber nicht helfen:
1. Die Neurologen haben schon Mühe, das intakte Nervensystem zu begreifen, das geschädigte verstehen sie erst recht nicht. Der Unterschied zwischen dir und dem Neurologen besteht lediglich darin, dass er vielleicht anderes weiss als du. Im Gespräch ergänzen sich die Erfahrungsschätze, und zu zweit kommt man eher zu einer Antwort als alleine.
2. Es scheint mir sehr plausibel, dass du vor zehn Jahren potenziell spastische Muskeln noch unter Kontrolle halten konntest, mit steigendem Alter aber nicht mehr. Die Muskelkraft nimmt mit jedem Lebensjahr um einige Prozent ab. Mit sportlichen Aktivitäten kannst du diesen Prozess etwas verlangsamen, aber nicht aufhalten.
Fazit: Wir müssen in solchen lebenspraktischen Fragen unserem Instinkt folgen.

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