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  1. Mikas_old
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  3. Archiv Frag den Doktor
  4. Donnerstag, 16. Juni 2016
Wie bekannt leidet nicht nur ein sehr großer Teil der Rückenmarksverletzten (RMV) unter der sog. Blaseninkontinenz, sondern auch viele Menschen aller Altersgruppen, deren Zentralnervensytem nicht direkt betroffen ist.
Vor allem ältere Personen klagen vielfach darüber, dass sie ihre Blase nicht mehr so kontrollieren können wie in jüngeren Jahren. Meistens haben sie das Problem, schon bei rel. geringem Füllungsgrad der Blase einen Harndrang zu verspüren, der bei zusätzlichem schwachen Schließmuskel zu unkontrolliertem Harnabgang führt.
Urologen raten hier häufig dazu, nicht jedem Harndrang mit dem direkten Gang zur Toilette nachzugeben, den Schließmuskel dadurch zu trainieren und - vor allem - sich mental dahingehend zu konditionieren, keine Angst vor besagten unfreiwilligem Harnfluß zu entwickeln.
Letzteres wirke nämlich kontraproduktiv dadurch, dass die Angst den Harndrang nur noch weiter anheizt und der Blasendruck steigt, was dann quasi unvermeidlich darin mündet, zum Klo laufen zu müssen, wodurch sich der Teufelskreis schließt.

Richtig wäre es demnach, dass man bei leichtem bis mittleren Harndrang angesichts der Tatsache, dass die Blase noch gar nicht "voll" sein kann, auch mal Nein(!) sagen sollte.
Was hat das mit Blaseninkontinenz von RMVs zu tun?
RMV können einige Wochen nach ihrem traumatischen Unfall ebenfalls ihre Blase nicht mehr kontrolliert entleeren. Danach stellt sich, je nach Schädigungshöhe, entweder eine spastische oder schwache Blase ein.
Wie ich sicher weiss, gibt es immer wieder RMV-Patienten, die es dennoch "schaffen", ihre Blase sehr weitgehend zu kontrollieren. Ob diese Funktion sich wieder von alleine einstellt oder ob es durch ein gezieltes Blasentraining in Verbindung mit psychisch/mentaler Unterstützung erreicht wird, ist mir nicht bekannt.
Von meinem Ehemann weiss ich, dass er (RMV Th 6) bei Harndrang sofort zur Toilette eilen muss, weil sonst der Druck unerträglich stark würde und - wie ein paar Mal geschehen - auch etwas "in die Hose" dabei geht.
Außerdem kann er die Blase nur zur Hälfte entleeren und muss deshalb mind. einmal pro Tag katheterisieren. Hinzu kommt seine (begründete?) Angst vor einer Balkenblase.
Meine abschließende Fragen:
1. Gibt es für RMV- oder auch MS-Patienten ein geeignetes Training, wodurch diese ihre Blasenkontrolle zumindest partiell oder weitgehend wiedererlangen können ähnlich dem, was man auch älteren Leuten mit Blaenproblemen empfielt?
2. Empfielt es sich seitens RMVs, bei erhöhtem Druck auch einfach Nein! zu sagen bzw. Jetzt nicht! oder einfach Später!
3. Gibt es RMV, die es durch Training geschafft haben, wieder "clean" zu werden, und durch welche Maßnahmen?


Soviel erstmal,
vielen Dank für Eure Antworten!
Mikas
Akzeptierte Antwort Pending Moderation
Liebe Mikes,


das mit der Blase ist so eine Sache! Leider kann man schwer genaue Empfehlungen geben, da die Blase sich bei den unterschiedlichen Lähmungshöhen sehr unterschiedlich verhält und weil sie sehr individuell ist.
Auf jeden Fall: Angst vor Schrumpfblase oder Balkenblase muss er nicht haben. Diese entstehen zwar schnell, stören aber im Moment nicht und können auch wieder "abtrainiert" werden.

Blasen kann man auch trainieren, klar. Nur ist es bei einer RMV schwer, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. Manche spüren es gar nicht und warten dann viel zu lange, bei andren gibt der Schließmuskel schon bei der geringsten Menge nach und sie sind nass und wieder andere bekommen Symptome wie Gänsehaut, Kopfweh, Bluthochdruck, was meist eine Hyperreflexiv ist, an der sie erkennen können, wann es Zeit zur Blasenentleerung ist.
Ich befürchte, da muss Dein Mann seinen ganz eigenen Rhythmus finden, den er selbst bestimmt.


Gruß Isabel
  1. vor über einem Monat
  2. Archiv Frag den Doktor
  3. # 1 1
Akzeptierte Antwort Pending Moderation
Hallo Isabel,
danke für Deine ausführliche Antwort.
Hierzu habe ich jetzt doch noch etwas zu fragen, nämlich
1. Weil mein Mann mittlerweile eine sog. Balkenblase hat mit vermindertem Füllungsvolumen interessiert es mich brennend (und ihn natürlich auch) wie man diese - wie Du schreibst - wieder wegtrainieren kann.
Kannst Du vielleicht mir die Mthode ungefähr beschreiben oder eine Literatur dazu nennen.
2. Bei meinem Mann meldet sich die Blase nur dann, wenn sie (fast) voll ist, d.h. bei einem Blasenvolumen von ca. > 350 ml. Wird sie nicht innerhalb der nächsten 5-10 min entleert, steigt der Druck immer weiter an, was sehr unangenehm und auch nicht besonders gut für die Blase ist. Abstellen kann er den Druck nicht wie es Gesunde können (jetzt nicht!, später!)
Also besteht die Gewißheit, dass etwas (oder auch mehr) unkontrolliert abgeht.
Wie kann er das trainieren bzw. wieder in den Griff kriegen?
Der (die) Schließmuskel sind bei ihm auch nicht richtig mit dem Druckanstieg der Blase synchronisiert. Gibt es auch hierzu Übungen, die weiterhelfen und - vor allem - welche?


Solltest Du hierzu etwas wissen, wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du mir einiges dazu schreiben könntest.
Beste Grüße,


Mikas
  1. vor über einem Monat
  2. Archiv Frag den Doktor
  3. # 1 2
Akzeptierte Antwort Pending Moderation
Hallo Mikas!
Zwischen der Harnblase eines Querschnittgelähmten und der Blase einer älteren nicht querschnittgelähmten Person gibt es grundsätzliche Unterscheide, die einen direkten Vergleich eigentlich nicht zulassen. Die Blasenstörungen der älteren Menschen (z. B. Stress- Drang-, Überlaufinkontinenz) hat wenig mit der neurogenen Blasenstörung der Querschnittgelähmten zu tun.
Bei querschnittgelähmten Personen ist die Steuerung der Blase durch das Rückenmark gestört oder unterbrochen. Bei älteren nicht querschnittgelähmten Personen sind meistens altersbedingte anatomische Veränderungen ursächlich, z. B. Schwächung und Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur, Prostatahyperplasie, Übergewicht, Senkung der Gebärmutter und Atrophie (= Schwund) der Schleimhäute in der Menopause um nur einige zu nennen.
Dadurch sind die Behandlungsstrategien auch unterschiedlich, wenngleich sich im Alter bei neurogener Blasenstörung auch die altersbedingten Veränderungen überlagern können.
Die Nerven, die die Blase innervieren, entspringen den sakralen Segmenten des Rückenmarks (S3-S4). Klassischerweise entsteht eine schlaffe Blasenlähmung wenn diese Segmente durch eine Fraktur der oberen Lendenwirbelsäule zerstört werden. Erfolgt die Rückenmarksverletzung/-durchtrennung höher, entwickelt sich eine spastische Blasenlähmung. Im Einzelfall und vor allem bei nicht vollständiger Durchtrennung des Rückenmarks (z. B. Sensibilität teilweise erhalten) lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie sich die Blase entwickeln und verhalten wird.
Durch die Rückenmarksverletzung oberhalb der sacralen Segmente entsteht eine Detrusor-Sphincter-Dyssynergie. Das heisst, Blasenwandmuskulatur (Detrusor) und Blasenschliessmuskulatur (Sphincter) arbeiten nicht mehr koordiniert miteinander sondern gegeneinander. Wenn der Detrusor die Blase entleeren möchte, stellt sich ihm der Sphincter entgegen und schliesst den Blasenausgang anstatt ihn durch Erschlaffung zu öffnen. Darum muss die Blase durch regelmässiges Katheterisieren entleert werden.
Ohne diese Massnahme führt die Druckerhöhung in der Harnblase zu deren Überlaufen unvollständiger Entleerung und längerfristig zu gravierenden Schäden.
Restharn ist wiederum ein Risikofaktor für Harnwegsinfekte und sollte darum durch Nachkatheterisieren eliminiert werden.


Zu Deinen speziellen Fragen:
ad 1: Die Trainingsübungen für den Beckenboden, die man bei Inkontinenz älterer Leute anwendet, helfen (speziell bei komplett querschnittgelähmten Personen) kaum.
ad 2: Bei Rückenmarkverletzten ist hoher Blasendruck für die Blase und später auch für die Niere (Reflux, aufsteigende Infektion, Nierenbeckenentzündung) schädlich und sollte daher vermieden werden.
ad 3: Das Ziel einer jeden Blasenrehabilitation ist, eine sichere Kontinenz zu erreichen. Dies ist für die Integration in unsere Gesellschaft notwendig. Die Massnahmen und Methoden sind sehr unterschiedlich und müssen individuell entsprechend dem neurologischen Schaden angepasst werden. Die Behandlungsmöglichkeiten müssen mit einem Neurourologen nach entsprechender Diagnostik (z. B. Cystomanometrie) besprochen und eingeleitet werden.
Hoffentlich geht es Deinem Mann bald besser! Halte uns auf dem Laufenden.
Gruss
Dr._ Hans,20.6.2016
  1. vor über einem Monat
  2. Archiv Frag den Doktor
  3. # 1 3
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