Weihnachten ist der Geburtstag von Jesus, ein Fest für alle. Von seinem späteren Leidensweg wissen wir noch nichts.

Der Vorgang wiederholt sich immer wieder, er läuft immer ähnlich ab, und das seit Menschengedenken: Unverhofft treten Notlagen ein, Gefahren lauern, oder es geschieht was Ungeheuerliches. Die Menschen sind verunsichert, rotten sich zusammen und suchen einen Schuldigen.

Sie übertragen die Schuld auf einen Einzigen oder eine kleinere Gruppe, eine Minderheit, die sich von der Mehrheit klar unterscheiden lässt. Die Vielen richten ihre üblen Verdächtigungen auf die Wenigen, auf einen Einzelnen. Das vereint sie in ihrem Unglück, in ihrem Entsetzen. So stärken sie sich als Gemeinschaft, statt sich auf der Suche nach Verursachern selbst zu zerfleischen.

Die sind schuld oder der hat Schuld (!!), triumphieren sie. In der Folge kommt es zu Menschenopfern. Früher bedeutete das Tötung, heute ist es meist mediale Demütigung. Diese Strafe ist verdient, sind sich die Vielen einig und verdrängen jede Form von Anteilnahme und Mitgefühl. Sehr anschaulich zeigte das im Frühjahr 2019 eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich mit dem Titel «Sündenböcke» (hier das Video zur Einführung in die Ausstellung).

sündenbock

Der Sündenbock gehört in die Wüste, finden die angeblich Nichtsündigen.

Teil der recht umfangreichen Berichterstattung war auch Jesus von Nazareth: Auch er ist ein solches Menschenopfer. Verraten und verfolgt, nahm sein Leben am Kreuz ein gewaltsames Ende. Es war ein öffentliches Spektakel. Dieser Verlauf ist typisch.

Untypisch ist indessen die Fortsetzung. Der Gedanke der Anteilnahme, der Sympathie mit dem Geopferten setzte sich durch und fand immer mehr Anhänger. Mit dem Bild ihres gekreuzigten Gottessohns zogen sie durch die damalige Welt. Es bildete sich der Mythos, dass er, der Gekreuzigte, für unsere Sünden gestorben ist, dass er an Stelle von uns gebüsst hat.

Dieser Gedanke nährt die christliche Religion. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen geopferten Sündenbock pflegt und ehrt, an ihn glaubt. In dieser Art und in diesem Ausmass tut das keine andere Weltreligion. Diesen denkwürdigen Schluss legte die Ausstellung nahe.

Es erstaunt nicht, dass eine Religion, die sich der Opfer – und nicht nur der Armen – annimmt, die Menschen anspricht, sie zu begeistern vermag. Wir Menschen sehen uns alle gelegentlich in der Rolle des Opfers, fühlen uns betrogen und sehnen uns nach Trost. Hier in unserer Community vielleicht noch mehr als anderswo. Insgeheim haben sich wohl einige von uns schon gefragt, ob sie mit ihrem lädierten Nervensystem etwas ausbaden müssen, Sündenböcke sind.

jesus am kreuz

Auch Jesus wird verfolgter Sündenbock. An seinem Geburtstag weiss das noch niemand.

Es ist gut und gesund, wenn wir unser Leben gelegentlich reflektieren und die Fügungen, die es uns gebracht hat, sinnstiftend einzuordnen versuchen. Im Falle von Unglücken scheint das abwegig. Wir gelangen aber auf einen besseren Weg, wenn es uns gelingt, Schläge und Widrigkeiten aufzufangen und zu fassen. Sie belasten uns dann weniger. Dazu brauchen wir die nötige Stille und Einsamkeit – ob wir uns als religiös bezeichnen oder nicht.

Ob die Weihnachtstage die beste Gelegenheit für solche Rückbesinnungen sind, sei dahingestellt. An Weihnachten sehen wir uns ja vor das praktische Problem gestellt, dass wir die Geburt des Gottessohns begehen. Sie unter das Zeichen des gemarterten Gekreuzigten zu stellen, wäre unpassend und geschmacklos. Geburtstage sind Festtage. An einem Fest in sich zu gehen, ist nicht naheliegend. So ist Weihnachten für die Angelsachsen durchaus folgerichtig eine Party geworden – die «Christmas Party». Die Besinnlichkeit bleibt aussen vor.

In der Schweiz und in Deutschland sind wir etwas zurückhaltender. Wichtig ist uns jedoch, dass das Weihnachtsfest allen gefällt. Wir gestalten es so, dass vom Kleinkind bis zu den Ältesten alle dabei sein können und sich erbauen. Dazu gehören natürlich auch wertschätzende Aufmerksamkeiten. Wenn sich alle aufrichtig beteiligen, gelingt dieses Fest auch. Es regt an und bleibt in wohliger Erinnerung – der eine bereichernde Besinnung über Lebensfragen folgen kann, aber nicht muss.

weihnachtsfeier

Weihnachten ist ein Geburtstagsfest für alle.

In diesem Sinne wünschen wir von der Paraplegie Community euch allen angenehme Weihnachtstage, wie auch immer ihr sie feiert.

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