Der Kampf um den Platz

„Wo kann ich meinen Buggy abstellen?“ – diese Frage stelle ich mir jedes Mal im Zug, seit ich letztes Jahr Mutter geworden bin.

Ich muss einfach dauernd daran denken, vor allem wenn ich mit der S-Bahn fahre, denn sie verfügt über kein Familienabteil. Das Problem beim Reisen mit Buggy in der S-Bahn ist, dass es keine klaren Angaben gibt, wo ein Buggy abgestellt werden kann. Es gibt ausgewiesene Bereiche für Rollstühle und Fahrräder, ich habe jedoch noch nie einen für Buggys gesehen, zumindest nicht in der S-Bahn.

Die immer wiederkehrende Frage, die sich eine neue Mutter stellt: Wie finde ich im Zug den richtigen Platz für meinen Buggy?

Deshalb stelle ich den Buggy oft dort ab, wo Rollstühle und Fahrräder abgestellt werden sollen. Danach bin ich oft verunsichert und habe Bedenken: Gibt es eine ungeschriebene Regel, wo der Buggy abzustellen ist? Wird jemand denken, dass ich den Abstellplatz missbräuchlich nutze? Diese Gedanken werden noch stärker, wenn ich zu den Hauptverkehrszeiten unterwegs bin.

Da stiess ich auf den folgenden Artikel: ‘Wheelchair v buggy’: Disabled man wins Supreme Court case (DE: ,Rollstuhl gegen Buggy‘: Behinderter gewinnt Fall vor dem Obersten Gerichtshof).

Rollstuhl vs. Buggy: der Konflikt

2012 wollte Doug Paulley, Rollstuhlfahrer aus England, nach Leeds reisen, doch der Busfahrer verweigerte ihm den Einstieg. Der Grund war, dass eine Frau mit einem schlafenden Kind in einem nicht-zusammenfaltbaren Buggy den einzigen Platz für Rollstuhlfahrer im Bus in Anspruch genommen hatte. Schlussendlich musste Paulley auf den nächsten Bus warten, verpasste seinen Anschlusszug und kam mit einer Stunde Verspätung an seinem Ziel an.

Sollte es einen Vorrang zwischen Rollstuhl und Buggy geben?

Paulley fühlte sich diskriminiert von der Regelung der Busgesellschaft FirstGroup, nicht-behinderte Fahrgäste „darum zu bitten, aber ihnen nicht vorzuschreiben“, den Rollstuhlbereich im Bus zu räumen. Daher verklagte er 2013 die Busgesellschaft. Nach zweimaliger Berufung, einmal von der Busgesellschaft und einmal von Paulley, wurde das Urteil schliesslich fünf Jahre nach dem Vorfall gefällt. Paulley gewann den Fall endgültig.

Der Oberste Gerichtshof, der sich mit dem Fall befasste, beschloss, dass jeder Busfahrer nicht-behinderte Fahrgäste mit Nachdruck davon überzeugen sollte, Rollstuhlfahrern Platz zu machen. Es einfach hinzunehmen, dass ein nicht-behinderter Fahrgast sich nicht wegbewegen kann, und einem Rollstuhlfahrer den Einstieg zu untersagen, ist nicht akzeptierbar.

Ausserdem wurde den Busgesellschaften nahegelegt, klare Richtlinien festzulegen und die Fahrer darin auszubilden, wie sie angemessen mit Situationen umgehen, in die Rollstuhlfahrer involviert sind.

Gibt es in öffentlichen Verkehrsmitteln genügend Bereiche, wo Rollstühle oder Fahrräder befestigt werden können?

Keine angemessene Infrastruktur in öffentlichen Verkehrsmitteln

Meiner Meinung nach sollten Anbieter des öffentlichen Verkehrs die Platzeinteilung in ihren Fahrzeugen besser planen. Ich finde es unzumutbar, dass der Bus nur einen Stellplatz für Rollstuhlfahrer hatte. Das reicht einfach nicht aus bei der Anzahl von Fahrgästen, die täglich im Rollstuhl oder mit einem Buggy unterwegs sind.

Laut einem weiteren Bericht im Guardian hatte Hr. Paulley sogar angeboten, seinen Rollstuhl zusammenzuklappen und sich auf einen regulären Platz zu setzen. Dies hatte der Fahrer jedoch abgelehnt, weil es nicht möglich war, Paulleys Rollstuhl angesichts der kurvigen Strassen von West Yorkshire sicher im Bus zu befestigen. Dann frage ich mich: Was wäre passiert, wenn die Mutter ihren Buggy hätte zusammenfalten können, um Paulley den Platz zu überlassen? Ich meine, wenn es keine Möglichkeit gibt, einen zusammengeklappten Rollstuhl sicher in einem Bus zu verstauen, dann wird es auch keine Möglichkeit für einen zusammengefalteten Buggy geben. Wie kann der Busfahrer in so einem Fall den Konflikt lösen, wenn das Fahrzeug nicht über die notwendige Infrastruktur verfügt?

Zum Glück bin ich in der Schweiz noch nie in eine solche Situation gekommen. Obwohl es keinen klar gekennzeichneten Bereich für Buggys gibt, finden meistens alle Fahrgäste in Bussen oder Zügen einen Platz. Ausserdem sind die meisten Fahrgäste in der Schweiz sehr kooperativ. Meistens schaffen wir es, die Platzprobleme zwischen Fahrgästen mit Rollstuhl, Buggy und Fahrrad selbst zu lösen. Nur manchmal wünsche ich mir, dass gewisse Fahrgäste etwas sensibler wären und sich einen anderen Platz im Zug suchen würden, anstatt den Bereich für Rollstühle oder Fahrräder zu belegen.

Wie funktioniert eine Vorrichtung wie diese hier? Es braucht klare Angaben und Richtlinien, um Konflikte zwischen Fahrgästen zu vermeiden.

Das Dilemma beim Reisen mit Buggy

In Bezug auf den Vorfall mit Herrn Paulley tut es mir leid für ihn, aber ich sehe auch, dass die Situation für die Mutter schwierig war. Obwohl sie nicht behindert ist, sollte man die Herausforderungen beim Reisen mit Kind und Buggy nicht unterschätzen.

Im Nachrichtenartikel „Parents tired of folding strollers on buses compare kids to disabled people“ (DE: Eltern, die es leid sind, den Kinderwagen im Bus zusammenzufalten, vergleichen Kinder mit behinderten Personen) teilen ein paar Eltern ihre Meinungen darüber, dass sie nicht reisen können, ohne den Buggy zusammenzufalten:

„Wir haben keinerlei Probleme bei Rollstuhlfahrern – selbst in den Hauptverkehrszeiten halten sie [Busse] an und finden Platz für einen Rollstuhl. Ich verstehe nicht, warum mein Kind, das weniger Platz braucht, das nicht darf [d. h. sich im Bus in einem aufgeklappten Buggy aufhalten].“

„Es ist gefährlich und für Eltern ein Umstand, mit einem oder zwei Babys und ausserdem Taschen in den Händen die Buggys zusammenzufalten. Als Vater einer 4- und einer 10-jährigen Tochter kann ich gut verstehen, dass es fast unmöglich ist einen Buggy zusammenzufalten, wenn eines der Babys schläft und man auch andere Dinge zu tragen hat.“

Ich erinnere mich daran, wie ich das Problem des Buggy-Zusammenfaltens vor dem Einstieg in den Bus mit meinen Freunden in Hongkong diskutierte, die auch Eltern sind. Fast alle waren sich einig, dass sie den Bus vermeiden würden, wenn sie mit einem Buggy in Hongkong unterwegs sind. Manche schlugen vor, stattdessen mit der U-Bahn zu fahren, wo man den Buggy eher nicht zusammenklappen muss. Andere wiederum fanden es schwierig, die U-Bahn zu nehmen, weil sie das Gefühl hatten, mit anderen Rollstuhlfahrern um den begrenzten Platz und die barrierefreien Vorrichtungen zu kämpfen. Deshalb entschliessen sich viele Hongkonger Eltern dazu, öffentliche Verkehrsmittel zu meiden oder Babys, die noch nicht laufen können, in einer Babytrage zu transportieren, auch wenn sie schon über 10 Kilo wiegen!

Sollte es zwischen Rollstuhl und Buggy einen Vorrang geben? Habt Ihr als Rollstuhlfahrer mit öffentlichen Verkehrsmitteln ähnliche Erfahrungen wie Doug Paulley gemacht?

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (4)

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...ich kenne das Problem, dass es im öffentlichen Verkehr manchmal eng wird, gut. Kinderwagen beanspruchen manchmal besonders viel Platz. Trotzdem hat mir das noch nie Ärger bereitet. Meistens sin es Frauen, die Mütter, die mit dem Kinderwagen...
...ich kenne das Problem, dass es im öffentlichen Verkehr manchmal eng wird, gut. Kinderwagen beanspruchen manchmal besonders viel Platz. Trotzdem hat mir das noch nie Ärger bereitet. Meistens sin es Frauen, die Mütter, die mit dem Kinderwagen unterwegs sind. Sie sind immer sehr hilfsbereit, unternehmen alles, dass es Platz für alle hat. Frauen sind rücksichtsvoller, umsichtiger und solidarischer, behaupte ich aufgrund meiner Erlebnisse. Nehmst ihr das auch so wahr?
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...In der S-Bahn nehme ich die Situation genau so wahr. Aber ich habe auch mit Männern sehr gute Erfahrungen gemacht. Besonders beim Aussteigen bzw. Ausfahren sind sie sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Mit Bus oder Tram habe ich noch keine...
...In der S-Bahn nehme ich die Situation genau so wahr. Aber ich habe auch mit Männern sehr gute Erfahrungen gemacht. Besonders beim Aussteigen bzw. Ausfahren sind sie sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Mit Bus oder Tram habe ich noch keine Erfahrung.
Herzlich grüsst
cucusita
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Wenn wir es unterscheiden wollen: Frauen bieten von sich im richtigen Moment Hilfe an, Männer nur, wenn man sie fragt. Auf seine Art ist beides richtig. Trotzdem ziehe ich den weiblichen Stil vor. Es interessiert mich, wie andere das wahrnehmen:...
Wenn wir es unterscheiden wollen: Frauen bieten von sich im richtigen Moment Hilfe an, Männer nur, wenn man sie fragt. Auf seine Art ist beides richtig. Trotzdem ziehe ich den weiblichen Stil vor. Es interessiert mich, wie andere das wahrnehmen: Er ist doch ausdrucksstärker, anteilnehmender und wärmer - oder nicht??
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So nun kann auch ich mitreden. Wir waren in den letzten Tagen öfters in Bus und Tram in Bern unterwegs, da hatte es etliche Mamis und Papis mit Kinderwagen. Auch wenn es manchmal eng wurde, es funktionierte absolut problemlos. Jeder gab sein...
So nun kann auch ich mitreden. Wir waren in den letzten Tagen öfters in Bus und Tram in Bern unterwegs, da hatte es etliche Mamis und Papis mit Kinderwagen. Auch wenn es manchmal eng wurde, es funktionierte absolut problemlos. Jeder gab sein bestes um Platz zu machen, Fussgänger mit oder ohne Kinder. Also wir sind uns nie in die Quere gekommen. Ganz viel Hilfsbereitschaft und freundliches Entgegenkommen machten unsere ÖV Fahrten zum positiven Erlebnis. 
Grüessli, Silvia
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