Im Rollstuhl Patienten behandeln

Im vergangenen Jahr wurden vielerlei Erfahrungen von Patienten mit Querschnittlähmung in der Community geteilt. Heute möchte ich mit Euch die Geschichte eines Querschnittlähmungs-Arztes teilen. Er ist jedoch kein Arzt, der Querschnittlähmung behandelt, sondern ein Arzt mit einer Querschnittlähmung.

Seit 2017 arbeitet Dr. Dinesh Palipana als Arzt am Gold Coast Universitätsspital in Queensland, Australien. Für niemanden ist es einfach, Arzt zu werden. Doch für Dr. Palipana war es noch viel schwieriger, denn hat eine Tetraplegie.

2010 wurde Dr. Palipana durch einen Autounfall zum Tetraplegiker. Damals war er im dritten Jahr seines Medizinstudiums – er hatte also gerade mal die Hälfte des Studiums absolviert. Mit solch einer schwerwiegenden Querschnittlähmung, sagte man ihm, würde er es nie schaffen, Arzt zu werden. Hätte Dr. Palipana darauf gehört, wäre er nie der erste Medizinabsolvent mit Tetraplegie im Staat Queensland geworden – und der zweite in ganz Australien.

Heute lebt Dr. Palipana seinen Traum, wie er selber sagt. Obwohl er Tetraplegiker ist, hat er Mittel und Wege gefunden, seine medizinischen Techniken durchzuführen. In seinem Interview mit Australiens Nachrichtendienst 9News könnt Ihr sehen, dass er die meisten medizinischen Aufgaben genauso professionell wie viele andere Ärzte erledigen kann.

Lernen, eine intravenöse Kanüle einzuführen – einer der grössten Erfolge von Dr. Palipana während der medizinischen Ausbildung. (Foto: Griffith University)

Doch vertrauen ihm seine Patienten? Der Arzt, der in einem der grössten Spitäler Queenslands arbeitet, sagte: “Keiner meiner Patienten hat bisher negativ auf mich reagiert.” Tatsächlich sind es weniger die Patienten, die Ärzten mit Behinderungen das Leben schwer machen – es ist die Bildungsbehörde.

Kurz nachdem Dr. Palipana zur medizinischen Fakultät zurückkehrte, erfuhr er, dass die Medizinischen Dekane Australiens und Neuseelands (MDANZ) ein Grundsatzdokument erstellt hatten, welches Menschen mit einem breiten Spektrum von körperlichen und psychologischen Problemen potenziell davon abgehalten hätte, den Arztberuf auszuüben.

Dr. Palipanas Kommentar dazu: „Bildung sollte eine expansive Aktivität sein, welche die Grenzen menschlichen Strebens erweitert.“ Er hinterfragte, warum Ausbilder Menschen mit Behinderungen davon abhalten wollten, den Arztberuf auszuüben – wenn es doch genügend Bestimmungen gibt, die es diesen Menschen ermöglichen, ohne Gefährdung und mit angemessenen Einschränkungen in der Praxis zu arbeiten.

Tatsächlich warf Dr. Palipana diese Frage gegenüber seinen Vorgesetzten auf, als er seine Famulatur in der Radiologie der Harvard-Universität absolvierte. Dort erhielt er eine überzeugende und positive Stellungnahme:

„Wenn Sie die Leistung erbringen, dann dürfen Sie nicht wegen Ihrer Behinderung diskriminiert werden.“

Im Kampf um Chancengleichheit in der medizinischen Ausbildung hat sich Dr. Palipana mit ein paar anderen Ärzten mit diversen körperlichen Beeinträchtigungen zu einer Organisation namens Doctors with Disabilities – Australia (DWDA) (DE: Ärzte mit Behinderungen – Australien) zusammengeschlossen. Die Organisation bietet Rechtsbeistand und Peer-Unterstützung bei Angelegenheiten in Bezug auf Medizinstudium und Ärzte mit einer Behinderung.

Erfahrt hier mehr über Dr. Palipanas Geschichte: „I might be quadriplegic, but I’m your doctor” (DE: Ich bin vielleicht Tetraplegiker, aber ich bin Ihr Arzt) und “No Barriers ahead for Dinesh“ (DE: Keine Barrieren für Dinesh).

Würde es Euch etwas ausmachen, von einem Arzt mit Querschnittlähmung oder einer anderen Behinderung behandelt zu werden? Welche Qualitäten eines Arztes sind Euch am wichtigsten?

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (4)

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Liebe Kitwan Danke für diesen eindrücklichen Beitrag.
Warum sollte ich weniger Vertrauen haben zu einem behinderten Arzt? Er hat seine Prüfungen in Theorie und Praxis bestanden. Ein vertauenerweckendes Erstgespräch ist mir auch bei einem...
Liebe Kitwan Danke für diesen eindrücklichen Beitrag.
Warum sollte ich weniger Vertrauen haben zu einem behinderten Arzt? Er hat seine Prüfungen in Theorie und Praxis bestanden. Ein vertauenerweckendes Erstgespräch ist mir auch bei einem nichtbehinderten Arzt wichtig. Fühle ich mich verstanden und ernst genommen? Geht der Arzt auf meine Fragen ein? - Mitleid wäre an dieser Stelle völlig deplatziert. - Ich möchte den Menschen im Arzt spüren. Der behinderte Arzt kennt seine Einschränkungen am besten und weiss, wo er Unterstützung braucht. Auch meine Hausärztin ruft einen Kollegen in der Gemeinschaftspraxis, wenn letzterer auf einem Gebiet mehr Erfahrung hat.
Herzlich grüsst
cucusita
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Liebe cucusita, 

das finde ich auch. In Hongkong haben wir immer das Problem, dass die Ärzte zu wenig Zeit für die Patienten haben. Jede Sprechstunde dauert nur ein paar Minuten…:womansad:

In der Schweiz ist viel besser, aber manchmal habe...
Liebe cucusita, 

das finde ich auch. In Hongkong haben wir immer das Problem, dass die Ärzte zu wenig Zeit für die Patienten haben. Jede Sprechstunde dauert nur ein paar Minuten…:womansad:

In der Schweiz ist viel besser, aber manchmal habe ich noch Problem mit dem Arzt, der nicht so gern Englisch spricht. Und manchmal ist es schlimmer, wenn der Arzt/die Ärztin keine Augenkontakte mit mir hat. Ich habe keine Idee, ob er/sie wirklich meine Erklärung versteht…:womanfrustrated:

Ich habe die Idee, dass ein guter Arzt zu haben wie eine Lotterie zu gewinnen ist. :womanindifferent:

Herzliche Grüsse

Kit Wan
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Liebe Kit Wan
15 Minuten pro Patient/in, das ist bei uns ja leider auch an der Tagesordnung. Ich stelle mir vor, ich wäre Patientin bei einem nur englisch sprechenden Arzt/Aerztin und ich müsste meine Krankheit erklären; da fühlte ich mich auch...
Liebe Kit Wan
15 Minuten pro Patient/in, das ist bei uns ja leider auch an der Tagesordnung. Ich stelle mir vor, ich wäre Patientin bei einem nur englisch sprechenden Arzt/Aerztin und ich müsste meine Krankheit erklären; da fühlte ich mich auch recht verunsichert oder sogar hilflos. Wenn der Arzt hingegen keinen Augenkontakt zu Dir herstellen kann, dann bestehen deutliche Lücken in seiner Sozialkompetenz.  Zum Glück können wir uns in der Schweiz für freie Arztwahl entscheiden. Ich wünsche Dir, dass Du bald eine vertrauenswürdige Person findest. Eine Umfrage im Bekanntenkreis hat mir schon oft zu einer guten Adresse verholfen.
Herzliche Grüsse von
cucusita
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Liebe Kit Wan,
vielen Dank für diesen spannenden Bericht.
Ganz klare Antwort: Natürlich würde ich Vertrauen zu einem Arzt haben, der selbst betroffen ist. Er hätte sogar einen großen Vertrauensvorschuss bei mir. Ich merke ja selber im Austausch...
Liebe Kit Wan,
vielen Dank für diesen spannenden Bericht.
Ganz klare Antwort: Natürlich würde ich Vertrauen zu einem Arzt haben, der selbst betroffen ist. Er hätte sogar einen großen Vertrauensvorschuss bei mir. Ich merke ja selber im Austausch mit anderen Betroffenen, dass es schon einen Unterschied macht, ob man etwas selber erlebt hat oder nicht - da ist teilweise schon noch mal Verständnis auf einer anderen Ebene möglich, weshalb ja auch Foren wie dieses so wichtig sind.
Wer selber betroffen ist, kennt vermutlich auch Symptome, auf die die medizinische Forschung noch keine Antwort hat. Allein das macht schon einmal einen großen Unterschied, weil ein ganz grundlegendes Problem - die Frage, ob Ärzte den Aussagen ihrer Patienten Vertrauen schenken, wenn diese von Symptomen berichten, die so nicht im Lehrbuch stehen - damit schon einmal wegfällt. Auch, wie belastend es sein kann, wenn man so oft von Entscheidungen anderer abhängig ist (Arztbriefe, Ämter etc.), weiss ein Arzt, der selber betroffen ist, aus eigener Erfahrung, und wird wissen, wie er seine Patienten an dem Punkt am besten unterstützen kann.
Also ein ganz klares ja von mir!
Und Du hast recht: Einen guten Arzt zu finden ist, wie in der Lotterie zu gewinnen. Ich kann auch gar nicht oft genug sagen, wie dankbar ich den Ärzten bin, die mich begleiten.
Liebe Grüße,
odyssita
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