Widerfährt uns Unangenehmes, so werden wir als Opfer schon bald zum Täter

Sorglos radelte Cristina in ihrem Rollstuhl durch die Stadt, vorbei an kleineren Baustellen bis zu einer grossen: Dort war das Trottoir gesperrt. Sie musste auf die Strasse ausweichen, und schon klingelte es. Ein E-Biker schlenkerte geräuschlos an ihr vorbei, erhob den Stinkefinger und blickte kurz zurück.

Da hielt er inne. Cristinas Ausstrahlung zog sogar ihn, den schnöden Rechthaber, in den Bann. Er wartete, bis sie kam, die Bildhübsche: «Das hätte ins Auge gehen können, meine Liebe», mahnte er freundlich belehrend, bevor er wieder dreist wurde: «Du wärst schuldig gewesen.» Cristina schüttelte den Kopf und wies auf die Absperrung.

fahrradfahrer

Mit Fahrradfahrern ist nicht immer gut Kirschen essen. Sie weisen uns Rollstuhlfahrer gerne zurecht, damit die Bahn frei ist für sie.

Noch nie hat sich jemand beschwert

Auf Diskussionen mochte sie sich nicht einlassen. Sie war verabredet und fuhr weiter. Im Restaurant, einem bekannten Lokal, waren sie sich schnell einig: Um zu feiern, sich nach vielen Jahren wieder gefunden zu haben, leisten sie sich den teuren Fisch. Er schmeckte nicht, die Seezunge war nicht frisch, ihr Fleisch mehlig. Sie beschwerten sich.

Die Wirtin entgegnete, das sei ihr noch nie vorgekommen, das Gericht sei sehr beliebt, der Lieferant schweizweit bekannt als der beste. Es sei nicht ihre Schuld, dass sie den Fisch bestellt haben, bemerkte sie schnippisch und empfahl: «Nehmen Sie doch nächstes Mal den Burger!»

fischgericht

Das Gericht sieht gut aus, aber der Fisch ist nicht frisch. Wir hätten ja was Anderes bestellen können, findet die Wirtin.

Der Rollstuhl ist schuld

«Entschuldigen hätte sie sich müssen, diese freche Schnepfe», fand Ramon. Er war ein alter Schulschwarm von Cristina. Sie waren noch schüchtern zu jener Zeit, deshalb nie intim geworden.

An seine Stelle trat später ein anderer. Doch zu ihm zerbrach die einst leidenschaftliche Beziehung, nachdem sie verunfallt war und in den Rollstuhl kam. Anfänglich rangen die beiden darum, sich wieder zu verkitten, doch alles schien dagegen zu sprechen, erzählte sie Ramon.

Ihr Psychologe verwies auf seine Erfahrungen: Namentlich bei jungen Menschen überstehen Beziehungen einen solchen Einschnitt nur selten. Ihre Freundinnen warnten sie, zu viel dürfe sie von ihrem Mann nicht erwarten. Ihre Mutter meinte: «Weder du noch er sind schuld, der Rollstuhl ist es.» «Als Lohn für mein Unglück bin ich seither mit ihm verheiratet», zwinkerte sie Ramon zu. Mit einem Augenaufschlag und einem zögerlichen Lächeln antwortete er.

Unzufriedene lieber nicht!

Etwas angeekelt, knabberten sie weiter am mehligen Fisch, spülten ihn mit dem guten Weisswein runter und wurden gesprächiger. Cristina korrigierte ihre Aussage: «Mit meinem Rollstuhl bin ich nur verbandelt, zwangsverheiratet dagegen mit den Sperenzien meines Nervensystems.» Wochenlag plagte es sie, raubte ihr den Schlaf, liess die Muskulatur am ganzen Körper verkrampfen, Puls und Blutdruck ansteigen. Sie begab sich in die Klinik.

Der zuständige Oberarzt trat nicht auf ihre Beschwerden ein, untersuchte sie kaum. Für die Nacht verordnete er Beruhigungsmittel, für den Tag Reizmittel, um den Darm zu entleeren. Er sei verstopft, mithin ursächlich schuldig, dass sich Cristinas gereiztes Nervensystem gegen sie auflehnte, lautete sein Befund.

Nach einer Woche schob er sie mit 41 Grad Fieber und bedrohlichen Blutwerten ins Universitätsspital ab. Dort kamen sie den Ursachen näher, päppelten sie wieder auf. Sie bedankte sich überschwänglich.

Dagegen schickte sie dem Direktor der ersten Klinik einen zweiseitigen Beschwerdebrief. In der Folge empfahl er ihr, sich fortan anderswo behandeln zu lassen. Im Übrigen seien gemäss der jüngsten Umfrage 89 Prozent der Patienten vorbehaltlos zufrieden mit den Dienstleistungen seiner Klinik.

klinik ohne menschen

Gottverlassen in einer schlechten Klinik, aber der Direktor kennt nur zufriedene Patienten, lässt er verlauten.

Ausnahme zur Regel: Auto-Haftpflicht-Fall

«Er hätte ja wenigstens seinem Bedauern Ausdruck verleihen können», warf Ramon ein. «Nein», erwiderte Cristina, «ich muss bedauern, dass ich mich beklage, lehrt uns die Welt». Sie zeigt auf das letzte Stück des halbfaulen Fischs. «Nur ein einziges Mal hat mich keiner angeödet: Nach meinem Unfall. Ein Automobilist hat mich zusammengefahren, er war schuldig, die Haftpflichtsumme wurde sofort fällig.»

Ramon strahlte: «Dann bist du schön im Tuch.» Es stellte sich heraus, dass der alte Schulkumpan Vermögensverwalter geworden war. Cristina kam das sehr gelegen. Schon bald wechselte sie zu ihm.

Ihr bisheriger Berater, «ein schleimiger Schwadroneur», wie sie sagte, nahm ihr das sehr übel, sprach von Vertrauensbruch. Dabei habe er nur zufriedene Kunden, trage Verantwortung für ihr Vermögen, im Gegensatz zu dem leichtsinnigen Schnösel, dem sie jetzt in die Arme falle.

mann im anzug mit affenmaske

Anlageberater sind stets zur Stelle. Wenn’s schief läuft, ist’s aber unser Fehler.

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