Meine Schultersehnen sind dahin, meine Selbständigkeit auch. Wieder einmal beginne ich von vorne

Am 15. April 2021 habe ich mich nach über zweimonatigem Aufenthalt in Kliniken bei euch zurückgemeldet. Heute tue ich das wieder. Meine zweite Leidensgeschichte in diesem Unglücksjahr begann am Abend des 29. September um 23.30 Uhr. Zum vorläufig letzten Mal kam ich selbständig und unbeschwert ins Bett. Kurz danach begann mich der rechte Oberarm zu schmerzen. Seither ist alles anders – (fast) wie seinerzeit nach meinem Töff-Unfall am 19. April 1977.

«Eigentlich wollte ich’s mir nochmals überlegen», wisperte ich. Wie versteinert starrte mich Piet an und entschwand mir. Ich mahnte zu spät. Das Gift begann zu wirken, meine Haut runzelte, das Skelett schrumpfte, ich erbleichte zum blutleeren Scheusal.

Der Glöckner von Notre Dame, dieser kleine und hässliche Krüppel, erschien mir; schliesslich Dracula, diese Schauerfigur mit ihrem ätzenden Blick, ihrem kreideweissen Gesicht und grauenvollen Gebiss. Er hob den Deckel seines Sargs und zog seine Lippen hoch, um mir seine ekelerregenden Eckzähne zu zeigen.

Da erwachte ich und wusste: Sich dem Tode freimütig entgegen zu bewegen, ist womöglich qualvoller als andere Wege. Ein typischer solcher Weg verlangt, weitere Verluste, Enttäuschungen und Abbau klaglos hinzunehmen. Dabei sind es doch längst genug! An jeder Wegscheide stellt sich die Sinnfrage. Irgendeinmal kommt der Punkt, an dem es sich als sinnlos erweist, diesem Pfad weiter zu folgen.

Meine Schultersehnen sind gerissen – auch am Tag ein Albtraum

Wie es scheint, hatte sich diese Einsicht bei mir so eingekerbt, dass sie mir diesen fürchterlichen Albtraum bescherte. Er übertraf alles, was mich die Alben schon träumen liessen, zum Beispiel das: Ich bin in Gesellschaft, unterhalte mich, vermag aber meine Augen nicht zu öffnen. Oder: Ich fühle mich verfolgt, muss fliehen und komme nicht vom Fleck. Dieses Mal gingen mir die nächtlichen Traumelfen direkt ans Leben, stachen mir förmlich ins Herz.

Am Nachmittag zuvor lag ich in der bildgebenden Röhre. Dort legte die schauderhaft hämmernde Magnetresonanz gestochen scharf offen, dass in meinem rechten Schultergelenk zwei Sehnen durch-, zwei andere angerissen waren.

röntgenbild schulter

Dank verschiedenen Muskeln und ihren Sehnen bildet sich das Schultergelenk. Wir können es in alle Richtungen bewegen. Reisst eine Sehne, wird es zu «lotterig».

Der Befund überraschte nicht. Schliesslich kam ich kaum mehr alleine ins Bett und wieder raus, nicht auf die Toilette, vom Schwung ins Auto gar nicht zu reden. Viele kleinere Bewegungen, wie ich sie beispielsweise zum Anziehen oder zum Steuern des Swiss-Trac brauche, fielen mir schwer. Selbst das Computer-Mäuschen war weniger leicht zu handhaben.

Es war augenfällig: Zumindest vorübergehend hatte ich meine Selbständigkeit verloren. Für mich eine Katastrophe, eigentlich selbst zu lichtvollen Tageszeiten ein Albtraum.

Im Albtraum zu dunkler Stunde war ich wesentlich hilfloser. Nur meinen Kopf konnte ich noch leicht anheben. Mehr nicht. Piet, mein vertrauter Freund, war ergriffen. Wohl wissend, dass es streng verboten ist und unter hoher Strafe steht, bot er mir an, mir zu helfen. Er war schon immer ein Draufgänger, ermöglichte mir viele Abenteuer, in diesem Traum sogar das allerletzte: So gut es mir möglich war, kam ich mit meinem Mund dem Giftbecher entgegen. Piet leerte ihn hinein.

Das Leben beginnt immer wieder neu

Nach der Bildgebung blieb ich sechseinhalb Wochen hospitalisiert. Ich stellte mich dem vermeintlichen Albtraum. Ganz neu war und ist er nicht, wurde mir bewusst. Vor 44 Jahren erging es mir nach meiner Rückenmarkverletzung – «C5/C7 inkomplett, Asia C» – sehr ähnlich. Zudem war alles ganz neu.

Heute ist es wieder neu.

Im Zentrum für Paraplegie einigten wir uns schnell darauf, eine Operation zu umgehen. Die Schmerzen liessen recht schnell nach, die funktionalen Ausfälle erwiesen sich als überschaubar, und das Gelenk blieb vergleichsweise stabil. Eine Operation würde mit vorübergehender völliger Ruhigstellung, Schonzeit und Wiederaufbau insgesamt rund sechs Monate verstreichen lassen, und dies bei einer Erfolgsquote von rund zwei Dritteln. Mit 67 Jahren auf dem Buckel spricht mich diese Vorgehensweise nicht an.

mann mit armschlaufe

Nach der Schulteroperation müssen wir es sechs bis acht Wochen ruhigstellen und uns rundum pflegen lassen.

Mehr spricht für die ressourcenorientierte Denkweise, auch wenn sie vieles von mir abverlangt, ich zuweilen an ihr zweifle. Trotzdem ist sie der einzige begehbare Weg: Noch ist vieles erhalten, noch lässt sich vieles wieder aufbauen. Noch werde ich mit jedem Tag wieder geschickter, und noch ist es denkbar, dass ich wieder selbständiger werde.

Das Leben geht weiter. Es beginnt immer wieder neu.

fritz mit freund jörg im restaurant

Von der Klinik aus ging ich scheinbar unbekümmert in Restaurants. Niemand sieht, dass meine Schulter verletzt ist.

Kommentare (4)

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Lieber Fritz,

Deine neuesten Nachrichten haben mich erschüttert. Zum zweiten Mal im gleichen Jahr wurdest du auf eine härteste Probe gestellt: weg von der familiären Geborgenheit, allein mit schlimmen Schmerzen, ganz auf Hilfe angewiesen.

Dass...

Lieber Fritz,

Deine neuesten Nachrichten haben mich erschüttert. Zum zweiten Mal im gleichen Jahr wurdest du auf eine härteste Probe gestellt: weg von der familiären Geborgenheit, allein mit schlimmen Schmerzen, ganz auf Hilfe angewiesen.

Dass Deine Gedanken immer wieder einmal um den Punkt kreisen, ob es sich noch lohnt, diesen mühsamen, schmerzvollen Weg weiterzugehen, kann ich sehr gut nachvollziehen. Es ist wunderbar, wie Du immer wieder die Kraft findest für einen Neuanfang.

Ich wünsche Dir ganz aufrichtig und von Herzen viel Liebe, Mut und Zuversicht.

fidelia

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Danke vielmals für deinen Zuspruch. Ich kann ihn wahrlich gebrauchen!

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Trost?

Die entscheidende Wendung von Camus ist wohl der Hinweis, dass es kein übergeordnetes Schicksal geben kann, wenn man sein eigenes, „persönliches Geschick“ annimmt. Was immer das heißen mag. Frei ist man dann, wenn das Unabänderliche ins...

Trost?

Die entscheidende Wendung von Camus ist wohl der Hinweis, dass es kein übergeordnetes Schicksal geben kann, wenn man sein eigenes, „persönliches Geschick“ annimmt. Was immer das heißen mag. Frei ist man dann, wenn das Unabänderliche ins eigene Leben integriert wird. Auch wenn die Dinge nicht zusammenhängen, die einem widerfahren sind. Wenn ich sie durch das Filter des Eigenen schicke, also das Wechselspiel von Subjekt und Kontext unterbreche, dann wächst Freiheit in mir und ich kann das Konkrete bearbeiten hin zum Besseren.
So die Theorie. Aber wie viele können das? Du, lieber Fritz bist einer der Wenigen, die ich kenne, die diese zutiefst existentialistische Lebensauffassung versuchen umzusetzen. Meine Bewunderung hast du und meinen Respekt kann ich dir nur hier über die Sprache versuchen zu vermitteln.
mit besten Grüßen
Jörg Partsch

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Danke, lieber Jörg, für deinen Kommentar und Zuspruchh
Genauso ist es gemeint.
Im Ursprung kommt das existenzielle Gefühl der Angst dazu. Die Angst im Umgang mit dem uns gesetzten Freiraum, sagt der Begründer der Existenzphilosophie, Soren...

Danke, lieber Jörg, für deinen Kommentar und Zuspruchh
Genauso ist es gemeint.
Im Ursprung kommt das existenzielle Gefühl der Angst dazu. Die Angst im Umgang mit dem uns gesetzten Freiraum, sagt der Begründer der Existenzphilosophie, Soren Kierkegard.
Ihm bin ich inzwischen auf der Spur.
Unsere Mitleser wissen allerdings nicht, worauf du dich beziehst, nämlich auf Exktrakte aus einem Essay von Albert Camus über Sisyphos:
"Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. [...] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. Wenn es ein persönliches Geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes Schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet. Darüber hinaus weiß er sich als Herr seiner Tage. In diesem besonderen Augenblick, in dem der Mensch sich seinem Leben zuwendet, betrachtet Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, die Reihe unzusammenhängender Handlungen, die sein Schicksal werden, als von ihm geschaffen, vereint unter dem Blick seiner Erinnerung und bald besiegelt durch den Tod. Derart überzeugt vom ganz und gar menschlichen Ursprung alles Menschlichen, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, dass die Nacht kein Ende hat, ist er immer unterwegs. Noch rollt der Stein. […] Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
– Der Mythos des Sisyphos: 6. Aufl., Reinbek, 2004. S. 159f.
[/i]

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