Im klinischen Umfeld riskieren wir, laufend kränker zu werden. Seht zu, dass es Euch nicht ergeht wie Adrian

Frühmorgens in einer kalten Februarnacht stand Adrian, der nunmehr 72-jährige Junggeselle, auf, packte seine sieben Sachen und schlurfte in die Notfallstation der Universitätsklinik. Was ihn dazu bewog, weiss niemand genau, am wenigsten er selbst.

Morgens um halb vier kam er an. Es dauerte nicht lange, und sie fanden heraus, dass er Covid-19 hatte. Sie steckten ihn in ein Isolierzimmer.

Nur Mara, seine Schwester, durfte ihn besuchen und sich erkundigen, wie es um ihn steht. Er selbst berichtete Wochen später, dass er keine drei Tage dort verweilt habe, ehe sie ihn verlegten. In der Zeit habe Mara mal kurz vorbeigeschaut.

Tatsächlich war er vierzehn Tage dort, zwei davon auf der IPS, der Intensivpflegestation. Mara besuchte ihn jeden Tag.

Täglich entdecken sie Neues

Covid hatte er offenbar durchgestanden, ohne es wahrzunehmen. Doch tags darauf erfuhr Mara, die Pflege habe entdeckt, dass Adrians Puls unregelmässig ist. Zur Überwachung kam er wiederum auf die IPS.

Therapeutische Massnahmen gegen Vorhofflimmern waren inzwischen eingeleitet. So wurde fortan auch sein Blut verdünnt. Stützstrümpfe sorgten dafür, dass er trotzdem keine ‹schweren Beine› bekäme. Die Spitex würde sie ihm anziehen müssen, oder er käme in ein Heim.

Beim nächsten Besuch erfuhr Mara, der Nachtwache sei aufgefallen, dass sein Atem immer wieder aussetze. Schlafapnoe lautete die Diagnose. Ab sofort trug Adrian nachts eine Nasenmaske. Sie gewährleistete, dass anhaltend genügend Luft in seine Lunge drang.

kaffeemühle und kaffeebohnen

In der klinischen Untersuchungsmühle entsprechen unsere Organe, unsere Knochen und unsere Seele den Kaffeebohnen.

Bipolar und osteoporotisch

Überdies betonten die Ärzte und die Leiterin des Pflegedienstes wiederholt, dass Adrian wohl starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt sei. Mara bestätigte, dass sich ihr Bruder nach Phasen als jauchzender Hofnarr, der alle glänzend zu unterhalten vermag, oft für Wochen zurückzieht. «Und unverhofft zu uns in den Notfall dringt», fiel ihr der Oberarzt ins Wort. Er verordnete eine psychiatrische Abklärung. Schon am selben Abend brachten sie ihm zu den Kreislaufmitteln zusätzlich ein Psychopharmakon.

Die psychiatrische Einschätzung lag nach einigen Tagen vor: Bipolare Störungen. Angesichts der multiplen anderen Komplikationen rieten die Psychiater indes ab, ihn zu ihnen zu verlegen.

Die Wirbelsäulenchirurgen gaben ihnen recht: Sie stellten eine für Männer ungewöhnlich starke Osteoporose in den Wirbelköpern fest. Sie erkläre Adrians schlechte Körperhaltung. Für eine Operation sei es der allerletzte Moment, liessen die Operateure verlauten. Dazu rieben sie sich die Hände, fiel Mara auf.

Sie riet ihrem Bruder, dem Erste-Klasse-Patienten, dringend von einem solchen Eingriff ab. «Altes Eisen operieren wir nicht», bedeutete sie ihm augenzwinkernd. Nach dieser Absage hiess es bald, Adrian gehöre nicht mehr in eine universitäre Klinik.

alter mann geht am stock

Schlussendlich führte Adrians Weg ins Altersheim.

Im Altersheim geht es weiter

Adrian kam in ein Altersheim. Zur Überwachung erhielt er dort dreimal wöchentlich Besuch des Hauspsychiaters. Es drückte ihn aber an anderer Stelle, und zwar unentwegt, dabei entsprang der Harnröhre jeweils nur ein Rinnsal. «Ein Spitalkäfer», lachte die Pflegefachfrau und ergänzte: «Wenn Sie Glück haben, ist er nicht resistent gegen Bactrim.»

Schon zwei Stunden später stand der Urologe an Adrians Bettrand. Er legte ihm einen Dauerkatheter und setzte den Termin für eine Intervention an der Prostata fest. Mara äusserte sich nicht dazu. Adrian selbst brachte die Kraft nicht auf, sich zu erwehren. «Ich bin in der Mühle», erklärte er mir am Telefon. Tags zuvor hatte er seinen Fahrausweis abgegeben, auf Anraten des Psychiaters, der auf die starken Medikamente verwies.

Seinen schön protzigen Range Rover schenkte er Maras Sohn. «Die einen spült’s in die Mühle, die andern in den Rollstuhl!», schloss er seine Schilderung schnippisch und legte den Hörer auf.

Kommentare (2)

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Lieber Fritz

Dein Beitrag hat mich ziemlich aufgewühlt. Als Hemiplegikerin gehöre ich zu den Patientinnen, die nicht oft in Spitälern oder Arztpraxen anzutreffen sind.
Vor ein paar Tagen wurde ich wieder einmal vom Augenarzt zu einem Termin...

Lieber Fritz

Dein Beitrag hat mich ziemlich aufgewühlt. Als Hemiplegikerin gehöre ich zu den Patientinnen, die nicht oft in Spitälern oder Arztpraxen anzutreffen sind.
Vor ein paar Tagen wurde ich wieder einmal vom Augenarzt zu einem Termin aufgeboten. Nebst den üblichen Tests wurde mir zum ersten Mal ein neuer Apparat zur Gesichtsfeldmessung vorgestellt. Kaum war dieser gemacht, schlug mir der Augenarzt vor, mich in den nächsten Tagen zum MRI des Kopfes anzumelden, da ich einige Punkte im unteren Bereich nicht erkannt hätte. Das müsse radiologisch geklärt werden. Also lag ich über eine Stunde in dieser Rattermaschine. Anschliessend konnte mir weder die Radiologin noch der Augenarzt Auskunft geben. Ich erhielt lediglich ein paar Tage später einen Anruf der Praxisassistentin, ich solle mich an meine Hausärztin wenden für das weitere Vorgehen.
Zum Glück erhielt ich noch am gleichen Tag ihren Anruf. Sie hatte die Bilder bereits mit einem Facharzt geprüft. Es war kein Hirntumor auffindbar. Zwei sehr kleine Spuren von Mikroinfarkten aus der Zeit vor ca. 20 Jahren waren erkennbar. Das wurde damals schon abgeklärt.
In Zukunft werde ich mich an den Wert einer Zweitmeinung halten und mich an Fritz's Beitrag über Adrian erinnern.

Liebe Grüsse von

cucusita

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Ferienbeingt antworte ich etwas spät. Dein Erlebnis bestätigt, was ich meine.
Auch du hast dich irgendwo zwischen ärztlicher Menachenliebde und Geschäftemacherei bewegt bzw. mahlen lassen...
Weiterhin alles Gute und danke für dein Echo!

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