Im Sommer 2025 überquerten Ben Spencer und Peter Smorthit die Schweizer Alpen in manuellen Rollstühlen. Die 420 Kilometer lange Strecke mit 6 000 Höhenmetern legten sie in 18 Tagen zurück.
- 7 Minuten Lesezeit
- 03. Februar 2026
- Frieda Laura
Ben Spencer und Peter Smorthit kamen diesen Sommer aus dem Vereinigten Königreich in die Schweiz, mit einer besonderen Mission: Als Erste überquerten sie die Schweizer Alpen in manuellen Rollstühlen. Auf ihrer Route legten sie in 18 Tagen rund 420 Kilometer und über 6.000 Höhenmeter zurück. Sogar die renommierte britische Zeitung «The Independent» berichtete über ihre unglaubliche Tour.
Neben der Geschichte von Ben und Peter findet ihr in diesem Blogartikel praktische Ideen für das Training und die Planung sowie Tipps für eure eigenen Rollstuhlabenteuer.
Extremsportler im Rollstuhl
Wer sind die beiden Freunde, die hinter diesem Rekord stecken? Ben erhielt im Jahr 2022 die Diagnose Ataxie, nachdem er bereits seit 15 Jahren Symptome gespürt hatte. Seitdem setzt er sich dafür ein, die Krankheit bekannter zu machen. Dazu gehören seine Teilnahme am London-Marathon und die 16,5-stündige Besteigung des Mount Snowdon in Wales im Jahr 2023.
Peter erlitt im Alter von 19 Jahren eine Rückenmarksverletzung, als auf einer Baustelle ein Gerüst einstürzte. Seitdem ist er querschnittgelähmt. In den folgenden Jahren hat er mehr als 200 Marathons und 150 Ultramarathons im Rollstuhl absolviert.

Das kurze Video auf Instagram zeigt den Aufstieg von Peter und Ben auf den Gotthardpass. Die beiden Freunde machen auf Bens seltene neurologische Erkrankung Ataxie aufmerksam. (Bild: Szene aus dem Video)
Kampf gegen sichtbare und unsichtbare Barrieren
Anfang Juli 2025 startete das Abenteuer in Vevey (VD) in der Schweiz. Die Route führte Ben und Peter über den Furkapass und die alte Gotthardstrasse bis nach Como in Italien. Hier seht ihr die genaue Rollstuhlroute über die Alpen.

Die Route der Alpenüberquerung führte von Vevey in der Schweiz nach Como in Italien. (Bild: https://alps4ataxia.com)
Die Tour stellte Ben und Peter vor sportliche, organisatorische und mentale Herausforderungen. Gleich zu Beginn verlangsamte eine Hitzewelle im Rhônetal ihren Fortschritt erheblich. Steile Anstiege und lange Passagen bergauf erforderten enorme Kraftreserven.
Ben erinnert sich, dass es auf der EuroVelo-Route einen Offroad-Abschnitt voller grosser Baumwurzeln und Felsen gab. Dort musste sich Peter auf dem Hintern fortbewegen und seinen Stuhl hinter sich herziehen. Ben selbst musste sich über die Rückenlehne seines Stuhls beugen und versuchen, ein paar Meter zu gehen – beziehungsweise zu stolpern. Die beiden brauchten mehrere Stunden, um diesen 800 Meter langen Abschnitt zu überwinden.

Während ihrer Alpenüberquerung erreichten Ben und Peter die Aletsch Arena im Wallis. (Bild: Wheelchair Across the Alps Press Photos)
Auf die Frage «Wenn ihr etwas an der Route ändern könntet, was wäre das?» antwortet Ben: «Barrierefreiheit». Er führt aus: «Unser Abenteuer war extrem. Es war daher klar, dass es die Herausforderungen für Menschen mit Behinderung hervorheben und die Hindernisse beim Reisen aufzeigen würde.
Vor Ort stellten wir jedoch fest, dass die Herausforderungen dieselben waren, denen wir auch in unserer gewohnten Umgebung begegnen. Die Campingplätze verfügten nicht über geeignete Toiletten oder Waschmöglichkeiten. Rampen fehlten oder es gab Stufen, die den Weg versperrten. Mit wenig Aufwand könnten diese Wege für Menschen im Rollstuhl mit der richtigen Ausrüstung barrierefrei gemacht werden.»

18 Etappen in 18 Tagen: Auf Instagram teilten Peter und Ben täglich Eindrücke ihrer Reise, die von Ausdauer, Mut und unvergesslichen Augenblicken geprägt war. Im Instagram-Reel ist zu sehen, wie Peter den Furka-Pass hinunterfährt. (Bild: Wheelchair Across the Alps Press Photos, Video-Szene)
Mentale und finanzielle Herausforderungen
Die grössten Hindernisse lagen jedoch nicht nur auf der Strecke. Ben betont: «Die Barrieren beim Reisen für Menschen mit Behinderung sind physisch, aber auch psychologisch. Das Verlassen der vertrauten Umgebung und der Sicherheit des eigenen Zuhauses ist ein grosser Schritt.»
Die mentale Vorbereitung war daher entscheidend. Ben erklärt: «Wer sich darauf einstellt, dass unterwegs Probleme auftreten können, lernt, sie zu akzeptieren – und ist damit schon halb am Ziel.» Trotzdem bleibt die ernüchternde Realität: «Es sollte keine Barrieren geben. Die Welt sollte für alle zugänglich sein. Aber die Realität ist, dass diese überwunden werden müssen.»
Neben den physischen und psychologischen Hürden gab es auch finanzielle Belastungen. Abenteuerreisen im Rollstuhl sind mit erheblichen Kosten verbunden und erfordern viel Eigenorganisation. Für ihr Abenteuer benötigten Ben und Peter 18 Tage Planungsvorbereitung und mussten rund 8'000 CHF aufbringen, inklusive An- und Abreise aus dem Vereinigten Königreich.
«Vom Punkt, an dem ich gar nicht reisen wollte, bis hin zu diesem Abenteuer war es ein weiter Weg. Es hat mir gezeigt – und ich hoffe auch anderen Menschen mit Behinderung –, dass es jeder schaffen kann.»
Ben Spencer

Peter an Tag 13 auf der alten Gotthardstrasse. Dieses Instagram-Video zeigt weitere Eindrücke von der Strecke. (Bild: Wheelchair Across the Alps Press Photos, Video-Szene)
Training und Planung von Rollstuhltouren
Eine Alpenüberquerung im Rollstuhl ist eine extreme Herausforderung, die eine gründliche Vorbereitung verlangt. Ben und Peter trainieren dafür regelmässig ihre Ausdauer und Oberkörperkraft, indem sie jedes Jahr mehrere Marathons bestreiten. Zusätzlich absolvieren sie spezielles Bergtraining, um sich auf lange Steigungen und unebenes Gelände vorzubereiten.
Auch technische Hilfsmittel wie stationäre Rollstuhltrainer oder Oberkörper-Ergometer können dabei helfen, Kondition und Technik systematisch zu verbessern. Für Interessierte gibt es strukturierte Trainingspläne wie den Rollstuhl-Trainingsplan des London Marathons (auf Englisch).
Doch nicht jede Alpentour erfordert eine so umfangreiche Vorbereitung. Einige barrierefreie Routen sind landschaftlich wunderschön und lassen sich ohne Marathontraining bewältigen. Ein Beispiel ist der Wysswasser-Weg, der zu den Favoriten von Ben und Peter gehört.
Die beiden haben diese Route auf der EuroVelo-Website entdeckt. Sie betonen jedoch, dass sich nicht jede Fahrradroute automatisch für Rollstühle eignet. Es empfiehlt sich immer, vorab zu überprüfen, ob die Route tatsächlich rollstuhltauglich ist.
Für eine erfolgreiche Planung stehen hilfreiche Plattformen zur Verfügung. SchweizMobil listet über 80 hindernisfreie Wege mit detaillierten Angaben zu Länge, Beschaffenheit und Anbindung. Auch Procap bietet in Zusammenarbeit mit SchweizMobil geprüfte Touren an, die sich mithilfe der App MyWay Pro (nur für iOS) barrierefrei navigieren lassen.
Fazit: Durch gezieltes Training, passende Ausrüstung und eine sorgfältige Routenauswahl lässt sich ein Rollstuhlabenteuer realistisch vorbereiten. Dabei sollte nicht der Rekord, sondern das Erlebnis im Vordergrund stehen.
Einblicke von Ben zur Alpenüberquerung im Rollstuhl
Im Gespräch auf Instagram erzählt uns Ben von seinen persönlichen Erfahrungen auf der Reise:

Was war der schönste Moment?
«Für manche sind es die Alpenpässe oder die Aussicht vom Glacier d’Aletsch. Für mich war es das Eis bei Riva Pubblica di Morcote am Lago di Lugano. Es war wunderschön, nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch, weil es so gut zugänglich war. Wir wussten, jetzt schaffen wir es!»
Was war der schwierigste Moment?
«Kurz vor dem Ziel bekam ich eine Harnwegsinfektion, bei 35 °C und nach Tagen voller Steigungen. Ich war völlig erschöpft, aber mein Motto war, niemals aufzugeben!»
Wenn du etwas an der Route ändern könntest?
«Barrierefreiheit. Punkt. Es gab Abschnitte mit Wurzeln und Felsen, auf denen Peter seinen Rollstuhl ziehen musste, das war brutal.»
Was hat dich am meisten motiviert?
«Ich wollte zeigen, dass Aufgeben keine Option ist und dass Menschen mit Behinderung zu unglaublichen Leistungen fähig sind.»
Gab es Begegnungen, die dir in Erinnerung geblieben sind?
«Unzählige! Am Gotthardpass blieben viele Menschen stehen, staunten und gratulierten uns. Das war unglaublich motivierend.»
Was würdest du dir für die Zukunft wünschen?
«Mehr Barrierefreiheit. Rampen statt Stufen, angepasste Wege. Viele Hindernisse sind unnötig und könnten leicht beseitigt werden.»
Acht Tipps für ein barrierefreies Abenteuer
Ben und Peter haben bewiesen, dass Abenteuer im Rollstuhl möglich sind. Es muss aber nicht gleich eine Alpenüberquerung sein. Diese Checkliste soll euch inspirieren und zeigen, wie ihr euer eigenes Abenteuer angehen könnt:
- Klein anfangen: Nicht jede Reise muss ein Rekord sein. Auch ein Tagesausflug auf einer hindernisfreien Route kann ein tolles Erlebnis sein.
- Psychologische Barrieren überwinden: Mut bedeutet, die Komfortzone zu verlassen – selbst wenn es sich nur um eine kleine Herausforderung handelt.
- Reisen selbst planen: Individuelle Touren sind oft günstiger und besser an die eigenen Bedürfnisse anpassbar.
- Gut informieren: Vorab prüfen, ob Campingplätze barrierefrei sind und welche Infrastruktur vorhanden ist.
«Es gab Abschnitte der EuroVelo-Route, die voller Wurzeln und Felsen waren. Peter musste seinen Rollstuhl ziehen und ich mich Meter für Meter vorarbeiten. Es sollte nie davon ausgegangen werden, dass eine Route rollstuhlgerecht ist.»
Ben Spencer
- Unterstützung suchen: Gemeinsam mit Freunden, Familie oder einer Community unterwegs sein – denn das gibt Sicherheit und macht Mut.
«Wir hatten so viele Menschen, die uns unterwegs und von zu Hause aus unterstützt haben. Das hat uns besonders in den schwierigsten Momenten getragen.»
Ben Spencer
- Ausrüstung prüfen: Ob Rollstuhl, Handbike oder Swiss-Trac, das richtige Equipment und eine gute Wartung erleichtern die Tour.
«Die Eisweste half Peter bei der Hitze enorm, da er unter autonomer Dysreflexie leidet. Wichtig waren auch Wasserflaschenhalter, Ersatzreifen, Werkzeuge und ein GPS-Gerät. Ohne all das hätten wir es nicht geschafft.»
Ben Spencer
- Finanzierung bedenken: Fördermöglichkeiten, Sponsoring oder Stiftungen können helfen, hohe Kosten abzufangen.
- Flexibel bleiben: Hindernisse unterwegs sind normal. Wer offen für Planänderungen bleibt, erlebt die schönsten Überraschungen.
«Einmal brach mitten im Nirgendwo Peters Achse. Wir dachten, das war’s. Doch plötzlich tauchte ein Bosch-Servicetransporter auf und der Mechaniker half uns mit Werkzeug. Das war eine göttliche Fügung.»
Ben Spencer
Welches Rollstuhlabenteuer würdet ihr gern einmal erleben? Erzählt uns davon.