• Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

  • Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

  • Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde

Reha gestern und heute

Höhenluft und strikte Tagesstrukturen wirkten gegen Tuberkulose

«Mit der Zeit dürfen wir auf Dauererfolge zurückblicken, auf Männer, die mit früher offener Tuberkulose jetzt als Soldaten und Offiziere ihre Pflicht erfüllen, und auf Frauen, welche die ersten Kinder schon glücklich aufziehen.» Das schreibt 1942 der Chefarzt des Kindersanatoriums Pro Juventute Davos.

Zwanzig Jahre zuvor hatte er sein «Sani» gegründet. Es gehörte zur Gruppe der sogenannten Volkssanatorien. Ursprünglich hätte es «der Prävention» dienen sollen, damit geschwächte Kinder nicht an Tuberkulose (TBC) erkranken. Tatsächlich entwickelte es sich schon bald zu einer Kombination von Akut- und Rehabilitationsklinik. Ohne dass er es geplant hätte, wurde er zum Rehabilitationsmediziner.

Mit drei Patienten begann er im Mai 1922, im Durchschnitt waren es bis Ende des ersten Jahres 30. Die Tagespauschale betrug Fr. 4.50, im Winter 5 Franken, dafür war geheizt. In eleganteren Privatsanatorium waren 8 Franken oder noch mehr zu entrichten. Eines davon beschrieb Thomas Mann im 1924 erschienenen Roman «Zauberberg». Insgesamt gab es 1922 22 ärztlich geleitete Sanatorien in Davos.

kindersanatorium pro juventute

22 ärztlich geleitete Sanatorien für Lungenkranke gab es 1922 in Davos.

1941 beherbergte das Kindersanatorium Pro Juventute im Jahresdurchschnitt 179 tuberkulöse Jugendliche und Kinder. Über 90 Prozent von ihnen genasen, rehabilitierten sich, würden wir heute sagen. Nicht nur das: Der Chefarzt freute sich auch, immer wieder zu hören, «dass die Zöglinge auch erzieherischen und moralischen Gewinn von der Sanatoriumszeit – manchmal stellt man sich das Gegenteil vor! – nach Hause bringen». Diese Sanatoriumszeit dauerte in der Regel zwischen drei und sechs Monaten.

jugendliche beim tischtennis

Im Sanatorium waren während des mehrmonatigen Aufenthalts auch Sport und Schulunterricht angesagt.

Dabei waren die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten, die den Nachweis der Wirksamkeit hätten erbringen können, beschränkt. Der Röntgenapparat und die Bronchoskopie ermöglichten klare Diagnosen, wirksame Heilmittel gab es aber nicht. Der schon 1921 entwickelte BCG-Impfstoff setzte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg europaweit durch.

Trotzdem überzeugten die Behandlungserfolge. Zur Zaubermischung trugen die frische und trockene Bergluft, die Sonne, klare Tagesstrukturen, gesundes und reichliches Essen, aber auch altersgerechte Aktivitäten bei. Die Älteren hatten im «Sani» Schul- und Werkunterricht, die Jüngeren waren im hauseigenen Kindergarten. Über allem stand die «Freiluftliegekur». Warm eingepackt, lagen die Patienten nach dem Mittagessen auch im Winter auf der Terrasse, atmeten und setzten sich der Sonne aus. So stärkten sie ihr Immunsystem.

freiluftliegekur

Im Sommer und Winter galt für die Tuberkulose-Patienten jeden Tag ‹Freiluftliegekur› auf der Sonnenterrasse des Sanatoriums.

Ungeteilte Anerkennung fand die Heilmethode nie. Der Aufenthalt im Hochgebirge tat aber allen Patienten gut. Niemand konnte das bestreiten. Es wäre auch nicht sinnvoll gewesen, denn die TBC war eine zurecht gefürchtete, ansteckbare Infektionskrankheit, die sich bedrohlich ausbreitete. Deshalb trat 1928 das «Bundesgesetz betreffend Massnahmen gegen die Tuberkulose» in Kraft. Es half, Institutionen wie das Kindersanatorium in Davos zu finanzieren. In der Entstehungszeit dieses Gesetzes brachte die «Tuberkulose-Million» schon 1923 einen ersten Finanzsegen im Kampf gegen Tuberkulose.

Wenn wir diesen Ablauf mit der Therapie von Rückenmarksverletzungen vergleichen, so zeigen sich erstaunliche Parallelen. Das 1959 in Kraft getretene Gesetz über die Invalidenversicherung schaffte die finanzielle Grundlage, um Rückenmarksverletzte überhaupt in geordnetem Rahmen zu rehabilitieren. In der Folge entstanden ab 1964 Paraplegikerzentren.

Wie im Sanatorium für Lungenkranke bieten diese «Zentren» einen atmosphärischen Rahmen, dank dem Rückenmarksverletzte in einem sechs- bis neunmonatigen Rehabilitationsaufenthalt lernen, mit den Verletzungsfolgen umgehen zu können. Auf diese Weise heilen sie sich und kehren zurück in die Gesellschaft und die Arbeitswelt. Unter ihnen sind vielleicht auch solche, die sich «erzieherisch und moralisch» gestärkt fühlen. Offiziere können sie allerdings nicht mehr werden, obschon ihnen Ärzte und Therapeuten beigebracht haben, was Tagesstruktur und Disziplin bedeuten.

schweizer paraplegiker zentrum

Die verschiedenen «Zentren» für Paraplegiker führen die Idee des Sanatoriums weiter. Das Krankheitsbild ist freilich ein anderes.

Die medizinischen Mittel, um die Verletzung ursächlich zu behandeln, sind wie seinerzeit bei TBC sehr beschränkt. Die Bildgebung ermöglicht präzise Diagnosen, Cortison wirkt gegen Schwellungen. Von einer medikamentösen oder chirurgischen Wiederherstellung des Nervengewebes sind die Ärzte aber weit entfernt. Gelegentliche Spontanheilungen können sie genauso wenig wie erklären wie die wundersame Genesung der Tuberkulosekranken in der zauberhaften Höhenluft.

Diese Höhenluft bekam 1943 einen ernstzunehmenden Konkurrenten namens Streptomycin. Dieses Antibiotikum machte dem Mycobacterium tuberculosis den Garaus. Das ist gut so. Dennoch zeigt das Angebot der «Sanis» zauberhaft anschaulich, dass psychosomatische Wege durchaus zum Heil führen können. Ein durchtrenntes Rückenmark wächst so nicht zusammen. Im Umgang mit den begleitenden Fehlfunktionen bis hin zu Infektionen sind die Zauberwege aber immer wieder erwägenswert.

Kommentare (1)

This comment was minimized by the moderator on the site

Lieber Fritz

Danke für diesen berührenden Bericht. Der Vergleich zwischen früheren Lungenkranken und heutigen Querschnittgelähmten ist spannend. Es bestehen tatsächlich etliche Parallelen. Dabei denke ich auch an die Kameradschaft und die...

Lieber Fritz

Danke für diesen berührenden Bericht. Der Vergleich zwischen früheren Lungenkranken und heutigen Querschnittgelähmten ist spannend. Es bestehen tatsächlich etliche Parallelen. Dabei denke ich auch an die Kameradschaft und die heilsame Atmosphäre, die auch heute noch - nebst optimaler medizinischer Betreuung - einen wichtigen Teil der Heilung ausmachen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit meiner Krankheit ziemlich gut zurechtkomme. Dies verdanke ich Familie, Freundschaften, aber auch diesem Forum, weil ich weiss, dass ich mit den alltäglichen Problemen nicht allein bin.

Herzlich grüsst
cucusita

Weiterlesen
cucusita
Noch keine Kommentare vorhanden.
Sei der Erste, der dies kommentiert!
Forum
Neueste Antworten
39 carken
Fachtagung am 3. Dezember 2019: Selbstbestimmtes Wohnen für Menschen mit...
Liebe Tulipe Ich weiss noch nicht ob ich an die Tagung gehen werde. Das Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit...
2 carken 21.09.2019
Wichtig: Erfahrungen zum Thema Reisen
Liebe Tulipe, lieber Carken Ganz herzlichen Dank auch Euch für Eure Erfahrungen und Tipps zum Thema Reisen! Die helfen uns sehr weiter ? Es...
9 Johannes 21.09.2019
39 carken
Recht an keine sexuelle Lust
Danke cucusita für deine Rückmeldung. Respekt für sich selbst haben ist für mich sehr wichtig. Das heißt erkennen, sagen, mitteilen was uns weh...
2 carken 20.09.2019
59 carken
Restaurant in Luzern
Guten Morgen liebe Tulipe Ganz herzlichen Dank für Deinen Restaurant-Tipp in Luzern. Das "Ambiente" habe ich mir sofort virtuell angesehen: einfach...
3 cucusita 18.09.2019
39 carken
Fremder Duft von Frauen in unserem Paarzimmer
Lieber Carken Ich kann das sehr gut nachvollziehen, denke aber es ist nicht nur das Parfüm das stört. Es ist ein tagtägliches Eindringen in eure...
3 Tulipe 17.09.2019
Frag den Experten
Neueste Antworten
76 carken
Amitiza umstellen
Lieber Carken herzlichen Dank für Deine Anfrage. Wir haben hier auch bereits von dem Medikament gehört, es aber nicht regelmässig im klinischen...
1 ANKS 10.09.2019
172 hanspeda
Kribbeln vom Rücken bis in den Fuss
Hallo lieber Hanspoeda  Danke für diene promet Antwort, und Erfahrung, Ok scheint wirklich eine sache der Posiotion zu sein, leider kan ich...
9 Francescolife 09.08.2019
Ansteckungsrisiko Harnwegsinfektion
Hallo, wenn ich das hier so lese komme ich nicht umhin, ganz kurz meine Erfahrungen bez. Harnwegsinfekt zu schildern: Ich habe durch meinen...
3 Salieri 26.07.2019

Blog
Neueste Blog-Artikel
«Solange dein Herz schlägt, kannst du deine Träume leben!»
Sean Stephenson erklärt, wie man starke Beziehungen zu Menschen knüpfen kann – denn gemeinsam ist alles möglich.
0
Reha gestern und heute
Höhenluft und strikte Tagesstrukturen wirkten gegen Tuberkulose
Unternehmertum und Behinderung
Was sie miteinander zu tun haben – und ein paar Erfolgsgeschichten
0
Wiki
Am meisten gelesen
Neuropathischer Schmerz
Schmerz ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, die wir vielfach in unserem Leben machen, manchmal sogar täglich. Man schlägt sich den Ellenbogen an, die Weisheitszähne drücken oder der Kopf brummt, wenn das Wetter umschlägt. Es gibt...
Gefahren bei eingeschränkter Sensibilität
Was wir unter Sensibilität verstehen Unter Sensibilität verstehen wir den fünften Sinn, das Fühlen. Anders als bei den anderen vier Sinnen hat die Sensibilität kein eigenes Sinnesorgan, wie zum Beispiel der Sehsinn das Auge. Das sensible System...
Abhusten und Sekretmobilisation
Das Abhusten von Sekret ist sehr wichtig, damit ein freies Atmen möglich bleibt. Husten ist ein Schutzreflex zur Reinigung der Atemwege, da so der Schleim gelockert und aus den Atemwegen herausgefördert werden kann. Zum Husten werden die Bauch-...

Über diese Community
Neueste Themen
03.09.2019 In Aktuelle Hinweise
«Stand-up-Comedy» im Rollstuhl
RSI News porträtiert in einer zehnteiligen Serie die „generazione globale“: zehn Personen, die für die Herausforderungen unserer heutigen Gesellschaft stehen. Mit dabei ist auch Eddie Ramirez,...
0
06.08.2019 In Aktuelle Hinweise
Migros-Magazin porträtiert Künstlerin im Rollstuhl
Gestern war im Migros-Magazin ein Artikel über Nina Mühlenegger. Die 35-jährige ist Rollstuhlfahrerin, lebt in Zürich und möchte mit ihrer Kunst die Gesellschaft für die Anliegen und...
0
28.07.2019 In Aktuelle Hinweise
Junioren-WM der Leichtathleten mit Behinderungen in Nottwil
Vom 1. bis 4. August 2019 findet in Nottwil die Junioren-WM der Leichtathleten mit Behinderungen statt. Mehr Informationen inkl. Vorstellung der Schweizer Teilnehmer/innen gibt es unter...
0

Kontakt

Schweizer Paraplegiker-Forschung
Guido A. Zäch Strasse 4
6207 Nottwil
Schweiz

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
T 0800 727 236 (aus der Schweiz, kostenlos)
T +41 41 939 65 55 (aus anderen Ländern, kostenpflichtig)

Sei ein Teil der Community – melde dich jetzt an!