Paul, der schon ältere Paraplegiker, «grübelt» über sein Jahr

Immer am dritten Adventssonntag ging Paul abends in sich und blickte zurück, was das Jahr ihm alles beschert hatte. «Einmal im Jahr grüble ich, das tut gut, mehrere Male ist gefährlich», antwortete er Freunden schnippisch, wenn sie ihn fragten, wie er mit seiner Paraplegie zurechtkomme, nach all den Jahren. Scherzhaft schob er nach: «Du musst’s einfach so nehmen, wie’s kommt.»

Das Jahr war nicht gut

Er sass an seinem Esstisch, vor sich sein «Grübel-Heftchen». Drei Adventskerzen beleuchteten es. Über einen guten Jahrgang konnte er ihm nicht berichten. Das stand schon mal fest.

Fest stand auch bald, dass er sich nicht an seine markig vorgetragenen Lebensweisheiten hielt. Nur wenn’s gut kam, nahm er’s, wie es kam, schrieb er beschämt ins Heftchen. Dieses Jahr grübelte er entschieden zu viel, erwog sogar, aus dem Leben zu scheiden.

Dabei war er wiederhergestellt, lebte wieder ganz selbständig, die trüben Zeiten in der Klinik lagen hinter ihm. «Sie hadern», hatte ihm der Oberarzt vorgehalten, und ergänzte «in einigen Wochen sind Sie wieder dort, wo Sie waren. Wir haben alles im Griff.»

Paul hatte es ihm nicht geglaubt. Erschüttert war er, als er in die Klinik musste, erinnerte sich, was er seinem Heftchen vor einem Jahr anvertraut hatte: «Weitere Komplikationen verträgt es nicht mehr.»

älterer mann beim grübeln

Nachdenken und in sich gehen bezeichnet Paul spöttisch als «grübeln». Am besten nur einmal im Jahr.

Zufrieden ist, wer wenig erwartet

«Sei einfach zufrieden mit dem, was du hast», riet ihm sein Bettnachbar. Die ungebetene Bemerkung kerbte sich bei Paul ein. Er grübelte, ob es ihm genügte, zufrieden zu sein. «Eigentlich nicht», vermerkte er und erinnerte sich an eine Psychologin. Sie hatte ihm gesagt, namentlich ältere Menschen neigten zu «resignativer Zufriedenheit». Sie finden sich ab mit dem, was ihnen bleibt. Das bedeutet doch, sie sind im Grunde unzufrieden.

Unzufrieden sind freilich auch jene, die immer nach mehr streben, unersättlich sind. Zu ihnen mochte er ebenfalls nicht gehören. Daraus schloss er: «Je weniger du vom Leben erwartest, desto schneller bist du zufrieden.» In Klammern schrieb er noch: «Zumindest resignativ».

Was braucht es, um glücklich zu werden?

Nur zufrieden zu sein, machte ihn nicht froh. Glücklich wollte er sein, in der Wonne des Lebens schwelgen, sich seinen Freuden hingeben, sie nehmen, wie sie kommen, und das erst recht an den Weihnachtstagen.

Vor Jahren hatte er mal ein Weihnachtskärtchen erhalten, in dem sie ihm «Besinnliche Weihnachten» wünschten. Es vergrämte ihn. Besinnen mochte er sich an Weihnachten über gar nichts, im Gegenteil: Vergessen, was ihm unter dem Jahr Übles widerfahren war. So verlegte er die Besinnung auf den dritten Adventssonntag und wertete sie hochmütig zur «Grübelei» ab.

schwein schläft zufrieden im schlamm

Ob wir zufrieden sind oder nicht, hängt nur von unseren Erwartungen an, hat Paul am jüngsten «Grübelabend» herausgefunden.

Plötzlich stimmt alles

Pauls Jahr endete schlussendlich gut. Während seines fünfzehnwöchigen Klinikaufenthalts hatte er eine kluge Engländerin kennengelernt. Sie arbeitete in der Forschung. Immer öfter trafen sie sich in der Cafeteria. Paul lebte auf, die Trübsal war weggeblasen. Gerne zeigte er ihr, dass er recht gut Englisch sprechen konnte. Sein frecher Bettnachbar kommentierte es auf seine Weise: «Du hast dich zum Krankheitsgewinnler gemausert.»

Nun lud sie ihn an Heiligabend zur grossen «Christmas Party» im «English Club» ein. Sie traf damit genau, wonach er sich sehnte, hielt er im Heftchen fest. Jetzt war er mehr als zufrieden. Rundum so glücklich, dass er versöhnlich weiterschrieb: «Erst die Besinnung, dann die Party – wem’s umgekehrt lieber ist, dem sei das vergönnt. Eine schöne Weihnachtspause haben alle verdient.»

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