Wenn’s um Hilfe oder auch nur Begleitung geht, passt es selten allen. Umso schöner ist's, wenn's mal klappt

Es ist Sonntag. Ich weiss, dass ich übermorgen, einem stinknormalen Dienstag, alleine sein werde. Kochen kann und will ich als Tetra nicht. Ein kaltes Plättchen mag ich nicht, alleine sein erst recht nicht. Ich will in ein Restaurant, unter Leuten sein.

Ich habe ja Freunde

Nichts liegt näher, als mir einen Freund zu suchen, der mir Gesellschaft leistet. Andi, der erste, an den ich mich wende, ist auf Geschäftsreise, wäre aber am Donnerstag für ein Mittagessen zu haben. Alex, den Zweiten, würde es sehr freuen, allerdings erst gegen 21 Uhr. Dany, dem Dritten, trage ich mein Anliegen auf dem Telefonbeantworter vor und bitte, mir schnell zu antworten. Ich höre nichts von ihm. Ich schreibe ihm, ebenfalls erfolglos. Sonst ist er immer schnell und spontan. Hat er vielleicht Covid, ist er im Urlaub, oder will er nichts mehr mit mir zu tun haben? Ich weiss es nicht.

Dagegen weiss ich, dass es noch den Toni gibt. Liebend gerne würde er kommen, mit mir noch lieber als mit jedem anderen. Indes: Am Freitag hat ihm der Hausarzt eröffnet, dass er eine schwere Gallenblasentzündung hat. Seither gilt strikte Diät, kein Alkohol, keine Restaurantbesuche. In vier Wochen geht's hoffentlich wieder, fügt er mit Bedauern an. Hugo, ein alter Schulfreund, hat’s ähnlich, allerdings auf der Niere. Ihn brauche ich gar nicht zu fragen.

drei fröhliche personen sitzen an einem tisch in einer bar

Gemütlich zusammen zu essen, bedeutet auch, sich gegenseitig zu unterstützen.

Die Einsamkeit wird plötzlich schön

Inzwischen ist es Dienstag, 19 Uhr. Das kleine Gericht mit Wursträdchen, Käse und etwas Salat stehen auf dem Tisch. Eben habe ich mir ein Glas passenden Weisswein dazu eingeschenkt. Da klingelt das Telefon. Es ist Dany: «Superidee, das mit dem Nachtessen! Ich bin auch alleine und hole dich gleich ab.» «Nein danke», antworte ich, «ich verbringe den Abend lieber alleine und bescheide mich nach der Schlemmerei am Wochenende mit einem kalten Plättchen.»  

Ich konnte mich nicht mehr umpolen, war bereits auf Kurs, den Tag etwas trübselig mit diesem kleinen Weinchen, Rockmusik und Sinnieren ausblenden zu lassen. Das Angebot von Dany kam mir zu spät. Statt zeitig zu antworten, verfügte er über mich, benahm sich fast schon übergriffig, überlegte ich mir.

Ich spann den Gedanken weiter. Selten kommen Unterstützung und Beistand genau dann, wenn ich mir das wünsche. Noch seltener ist es, dass alles für alle stimmt, sich alle gegenseitig unter die Arme greifen und sich gemeinsam tragen.

fünf arme halten sich gegenseitig fest

So gut wie auf diesem Stockfoto funktioniert der Zusammenhalt im realen Leben eher selten.

Es gibt sie, die wunderbaren Fügungen!

Am Bahnhof Basel führt eine kurze, mir aber zu steile Rampe zum Platz hinaus. Tausende hetzen jeden Tag über sie zum Ausgang. Es müsste doch möglich sein, sinniere ich weiter, dass mich dort mal eine Studentin – erstmals überhaupt – unaufgefordert hochschiebt. Ich würde mich so überschwänglich bei ihr bedanken, dass sie mich etwas zu fragen getraut, das sie schon lange beschäftigt. Ich kann es ihr ausführlich erläutern, erfreue mich nebenbei an ihrem Charme, und schliesslich fliessen meine Erklärungen in ihre Diplomarbeit.

Sie studiert an der Fachhochschule neben dem Bahnhofareal. In ihm hat sie lediglich Brot, dazu Wurst, Käse und etwas Salat gekauft, vernehme ich. Offenbar steht auch ihr ein trübseliger Abend in ungewollter Einsamkeit bevor, und ich fantasiere weiter: Wir könnten uns ja zusammentun. Ich könnte ihr noch viel erzählen, die ganze Diplomarbeit fertigstellen. Was sie sich mühselig erarbeiten muss, weiss ich alles.

Inzwischen war das dritte Gläschen Wein leer. Mit einem letzten Schluck beschliesse ich den überraschend anregenden Dienstagabend.

Wundersame Fügungen dieser Art sind selten, und doch stellen sich immer wieder einmal ein. Nicht nur in der Weinseligkeit, sondern meistens genau dann, wenn wir sie am wenigsten erwarten.

bahnhof basel

Bahnhof Basel: Von innen her führt eine kurze Rampe zu den Ausgangsportalen links und rechts. Dort hat mich noch nie ein lieber Mitmensch spontan hochgeschoben.

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