Drei Betroffene erzählen, wie sie als Patienten das SPZ kennenlernten – und warum sie heute dort arbeiten

Wer durch Unfall oder Krankheit plötzlich im Rollstuhl sitzt, durchlebt eine prägende Zeit. Die Rehabilitation ist fordernd und die Perspektiven verschieben sich gewaltig. Oft lässt sich der aktuelle Job nicht länger bewältigen, der Berufswunsch nicht verwirklichen. Viele Betroffene müssen sich beruflich umorientieren.

Die Schweizer Paraplegiker-Gruppe beschäftigt insgesamt 2074 Mitarbeitende, von denen einige im Rollstuhl sitzen. Drei Menschen, die in Nottwil bereits ihre Rehabilitation durchlebten, erzählen von ihren Beweggründen, hier nun auch zu arbeiten.

Peter Roos gibt Besuchern einen Einblick

Im Besucherzentrum ParaForum in Nottwil erfahren Interessierte alles über das Leben mit einer Querschnittlähmung. Zum siebenköpfigen Team gehören vier Rollstuhlfahrer – so auch Peter Roos. Behinderung hin oder her, «wir werden hier alle gleich behandelt», betont der 38-Jährige. Dennoch weiss der Tetraplegiker, dass seine Arbeitsgspänli viel Verständnis mitbringen, wenn es um gesundheitliche Komplikationen oder persönliche Unpässlichkeiten geht. «Es braucht keine langen Erklärungen, alle nehmen Rücksicht.»

Peter Roos sitzt inmitten vieler Rollstühle und spricht zu einer Besuchergruppe.

Erklären und erzählen: Peter Roos führt Besucher durch die Klinik in Nottwil und gibt Einblick in sein Leben als Tetraplegiker.

Er war Maurer, hatte die Schulung zum Vorarbeiter abgeschlossen und wollte sich zum Polier und Bauführer weiterbilden. Doch zuvor unternahm er eine Reise durch die USA – und dort, in Florida, vor elf Jahren, geschah der Unfall: Peter machte einen Köpfler in den Pool, prallte auf den Grund und brach sich zwei Halswirbel. Wochen später kam er im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) wieder zu sich, «hier wurde ich aufgepäppelt».

Beruflich war der Wiedereinstieg für den jungen Mann schwierig: «Wenn ich eine Baustelle sah, bekam ich Augenwasser». Es folgte eine bewegte Phase: Mit dem Handelsdiplom kehrte Peter Roos ins Baugeschäft zurück, bildete sich zum technischen Kaufmann weiter, war im Aussendienst von Coloplast tätig, wurde Eventmanager. «Und als Freelancer machte ich Führungen im SPZ.» Er sei immer enorm dankbar gewesen, dass es dieses Zentrum gab – darüber, was man hier alles für ihn tat.

«Ich bin mega gerne ein Botschafter für das SPZ – so kann ich etwas zurückgeben.»

Peter Roos

Als das neu eingerichtete ParaForum im Sommer 2019 Mitarbeitende suchte, bewarb er sich. «Hier herrschen für uns paradiesische Zustände: Es gibt Behindertenparkplätze im Trockenen, alles ist rollstuhlgängig und optimal für unsere Bedürfnisse eingerichtet.» Längst ist das SPZ für Peter Roos ein zweites Zuhause, das der Familienvater auch gerne mit seinen Kindern besucht und mit ihnen ins Schwimmbad geht. Einblicke in sein Familienleben im Rollstuhl gibt Peter auf Instagram.

Peter Roos sitzt am Empfangstisch des ParaForum und reicht einem Besucher einen Audioguide.

Peter Roos arbeitet im Besucherzentrum ParaForum und betreut die Gäste.

Für Karin Schmutz ist kein Weg zu lang

Dieses Gefühl der Dankbarkeit spürt auch Karin Schmutz. Die 42-Jährige arbeitet im Mitgliedermarketing der Schweizer Paraplegiker-Gruppe, ist Fussgängerin und pendelt vom Thunersee nach Nottwil. Dafür nimmt sie einen Arbeitsweg von eineinhalb Stunden in Kauf – einfach. «Es war schon immer mein Wunsch, mich für das Zentrum einzubringen», erzählt sie.

«Die Erinnerungen an meine Rehabilitation begleiten mich jeden Tag, jede Stunde. Ich bin froh und dankbar, nun hier zu arbeiten.»

Karin Schmutz

Sie war 18 Jahre alt, Gymnasiastin und auf einer Höhlenforscher-Expedition in Frankreich unterwegs. Da kam Karin in der Nacht beim Zeltplatz vom Weg ab und stürzte zehn Meter in die Tiefe. Die Notoperation erfolgte in einem Regionalspital, die Rehabilitation in Nottwil. «Mir wurde eine komplette Querschnittlähmung diagnostiziert, nach dem Unfall hatte ich unterhalb der Bruchstelle im Muskelstatus nur Nullwerte.» Wenn sie sich an die sieben Monate in der Klinik erinnert, denkt sie vor allem an die liebevolle, fürsorgliche und professionelle Betreuung.

Karin Schmutz sitzt an ihrem Bürotisch in Nottwil und lächelt in die Kamera.

Ihr Verständnis für Querschnittgelähmte beruht auf eigener Erfahrung: Karin Schmutz arbeitet heute im Marketing.

Trotz der wenig hoffnungsvollen Diagnose versuchte sie nächtelang, ihren grossen Zeh zu bewegen. Lange vergebens. Doch dann war da plötzlich ein Zucken. «Von diesem Moment an habe ich fest daran geglaubt, dass ich irgendwann wieder gehen kann.»

Mit Therapien und Geduld erkämpfte sich Karin Schmutz ihr Leben als Fussgängerin. Sie studierte Betriebswirtschaft, lebte lange im Ausland, lernte ihren Mann kennen und wurde Mama. «Und immer war da diese Sehnsucht, nach Nottwil zurückzukehren.» Das Verständnis für die Situation der Betroffenen ist in ihr verankert, ihr Wissen und Können stellt sie nun in den Dienst der Querschnittgelähmten.

Florian Bickel darf man alles fragen

Das tut auch Florian Bickel. Seit zehn Jahren arbeitet der Tetraplegiker bereits in Nottwil, zuerst im Marketing und seit 2019 im ParaForum. «Ich fühle mich hier als Arbeitnehmer ernst genommen, das ist gut für das Selbstwertgefühl», sagt der 36-Jährige.

Seit er sich 2008 bei einem Unfall mit dem Snowboard zwei Halswirbel brach, möchte er aufklären und die Menschen darüber informieren, wie ein Leben mit Querschnittlähmung funktioniert. «Denn ich will nicht, dass sich jemand in meiner Gegenwart unwohl oder gehemmt fühlt.» Also hilft reden, reden, reden. Und fragen! «Ich mag es, wenn die Besucher viel wissen wollen. Denn ich gebe gerne Auskunft – über alles.»

Florian Bickel sitzt an seinem Arbeitsplatz vor dem Computer.

Führungen organisieren und Administratives erledigen gehört zum Job von Florian Bickel im Besucherzentrum.

Florian war einst Zimmermann, wollte dann mit seiner Zwillingsschwester eine Auszeit in Australien nehmen – doch der Unfall machte die Pläne zunichte. Bereits auf der Intensivstation in Nottwil stellte sich das Team der Berufsfindung vor; er entschied sich schliesslich für die Handelsschule. Schnell kam ihm der Gedanke, dereinst für das Zentrum zu arbeiten. «Ich fühlte mich hier immer wohl, verstanden und vor allem auch sicher.»

«Ich kann hier die ganze Infrastruktur nutzen, Termine bei der Physio, beim Zahnarzt oder Coiffeur wahrnehmen.»

Florian Bickel

Ein Porträt-Bild von Florian, der im Rollstuhl sitzt und in die Kamera lächelt. Er träge eine schwarze Mütze, seine Arme sind tätowiert.

Florian Bickel arbeitet seit zehn Jahren für die Schweizer Paraplegiker-Gruppe und fühlt sich hier sicher.

Übrigens: Zum allerersten Mal in Nottwil war Florian Bickel als jugendlicher Fussgänger für die Aushebung im benachbarten Militärspital. Er erinnert sich noch gut, «als wir beim Nachtessen in der Klinik dann die Rollstuhlfahrer sahen». Karin Schmutz wiederum kannte das SPZ vor ihrer Rehabilitation nicht persönlich. Peter Roos flitzte oft mit dem Rennvelo am SPZ vorbei, bis er an der Jungbürgerfeier erstmals dort Halt machte – als Fussgänger und Gönner, «da ein Schulfreund von mir nach einem Autounfall eine Paraplegie erlitten hatte».

Florian, Karin und Peter haben im SPZ eine schwierige Zeit durchgemacht, sich neu orientieren müssen – und stehen heute als Mitarbeitende für die Institution ein. Mit viel persönlicher Erfahrung und Engagement.

Wie verständnisvoll sind Arbeitgebende gegenüber Mitarbeitenden mit einer Behinderung? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

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