Selbstwirksam ist, wer an sich glaubt. Wir können das trainieren.
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- 16. April 2026
- fritz
Laut Forschungsergebnissen zu Menschen mit Querschnittlähmung schneiden wir nicht schlecht ab: Mit einem Wert von 6,6 auf einer Skala von eins bis zehn erweisen wir uns als recht optimistisch. Zudem sind wir auch einigermassen «selbstwirksam», mit einem Wert von 3,6 auf einer Skala von eins bis fünf.
Diese Ergebnisse ergaben sich im Jahr 2022 aus der Langzeitstudie SwiSCI der Schweizer Paraplegiker-Forschung. Die Sozialforscher haben sie aus unseren Antworten abgeleitet; direkt haben sie uns nicht gefragt, wie «selbstwirksam» wir uns einstufen.
«Selbstwirksam» in der Psychologie
Den meisten von euch geht es wohl wie mir: Der Begriff «selbstwirksam» klingt interessant, aber ich weiss nicht, was er bedeutet. Es lohnt sich, ihm nachzugehen.
Er geht auf den kanadischen Verhaltenspsychologen Albert Bandura (1925-2021) zurück. Er sprach von «self-efficacy», was sich mit «Selbstwirksamkeit» oder noch genauer mit «Selbstwirksamkeitserwartung» übersetzen lässt. Hier ein Erklärvideo zum Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung.

Die Zitate veranschaulichen die Unterschiede zwischen Selbstwirksamkeit, Selbstbild und Selbstwertgefühl.

Die Ebenen der Selbstwirksamkeit und ihr Verhältnis zu Selbstbild und Selbstwertgefühl.
Die Selbstwirksamkeit spiegelt wider, wie wir uns fühlen und einschätzen. Dahinter steht die Frage, mit welcher Erwartungshaltung wir Herausforderungen angehen und wie wir unsere Ziele am besten erreichen können. Bandura hat daraus einen leistungsorientierten psychologischen Ansatz entwickelt, der im deutschen Sprachraum als «sozialkognitive Lerntheorie» bekannt ist.
Wie packen wir Herausforderungen an?
Albert Bandura geht von Erfahrungen aus, die wir alle kennen: Wenn wir gut gelaunt sind, trauen wir uns vieles zu, fühlen uns stark und sind zuversichtlich. Je besser wir diese Bedingungen erfüllen, desto selbstwirksamer sind wir und erreichen unsere Ziele schneller.
Gleichermassen wissen wir alle, dass wir mutlos sind, uns schwach fühlen und verzweifeln, wenn es uns schlecht geht – so etwa nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung. In diesem Moment wissen wir nicht, wie wir aus diesem fürchterlichen Elend herausfinden sollen. Wir sind zurückgeworfen, hilflos und gedemütigt, so dass wir jede Selbstwirksamkeit verloren haben. Genau hier setzt Albert Banduras Lerntheorie an.
Erfolgserlebnisse, Vorbilder, Trainer, Emotionen
Es gibt vier Bedingungen, die uns dabei helfen, unsere Selbstwirksamkeit wiederzuerlangen und schrittweise zu steigern.
Erstens müssen wir danach streben, uns durch Erfolgserlebnisse anzuspornen. Ob in der Schule, im Sport oder in der Reha – wichtig ist, sich Etappenziele zu setzen, die erreichbar sind. Je mehr wir erreichen, desto mutiger werden wir. Entsprechend können wir es auch besser wegstecken, wenn einmal etwas misslingt. Denn die vergangenen Erfolge motivieren uns.

Im Sport können wir Ziele erreichen, Erfahrungen austauschen und Anerkennung finden. Das stärkt unsere Selbstwirksamkeit. (Bild: © Schweizer Paraplegiker-Stiftung, Fotograf: Joel Najer)
Zweitens müssen wir bedenken, dass wir allein nur schwer vorankommen. Vorbilder zeigen uns, wo und wie es auch bei uns langgehen könnte. Sie weisen mögliche Wege.
Drittens brauchen wir, wie auf Hochgebirgstouren, Führer, unter gewissen Umständen auch Lehrer, Trainerinnen oder Therapeuten. Sie leiten uns, loben uns, wenn wir gut sind, und ermutigen uns, wenn wir einen Tiefpunkt haben. Mit ihrer Anteilnahme sorgen sie dafür, dass wir dranbleiben.
Viertens müssen wir uns überlegen, was emotional, physisch und intellektuell zu uns passt. Draufgänger verfolgen andere Ziele als stille Denker. Da wir alle unterschiedlich sind, geht jeder von uns seinen eigenen Weg.
Gute Trainer fördern unsere Selbstwirksamkeit
Ob gewollt oder nicht: Gute Lehrerinnen, gute Trainer und gute Therapeutinnen folgen der Theorie von Albert Bandura. So gelingt es ihnen, unsere Selbstwirksamkeit aufzubauen und zu steigern – und damit auch ihre eigene, denn unser Erfolg ist ebenso ihr (beruflicher) Erfolg.

In der Seniorenresidenz sind alte Menschen gut betreut. Selbstwirksamer werden sie dort aber kaum.
Zusammen werden wir alle selbstwirksamer, sei es in der Schule, im Weiterbildungskurs oder in der Reha. Es zeigt sich, dass Menschen, die sich als selbstwirksam einstufen, auch gerne Frageserien von Sozialforschern beantworten, während andere lieber schweigen.