Im Alter müssen auch wir uns nochmals anpassen

Alt ist, wer sich im Leben an veränderte körperliche Bedingungen anpassen muss, habe ich unlängst an einer Tagung von ParaHelp und der Klinik Balgrist gelernt. Nach dieser Definition sind es funktionale Kriterien, die bestimmen, ob wir alt sind, und nicht unsere Jahresringe. In den Industriestaaten erreichen wir diesen Zustand in der Regel mit 80, 85 Jahren. Ich habe darüber berichtet.

Das Thema geht mir nach. Die funktional begründete Altersregel gilt nämlich für uns, die wir nach Eintritt unserer Rückenmarksverletzung schon mal einen solchen Anpassungsprozess durchgespielt haben, gleichermassen. Auch wir sind erst alt, wenn wir unsere Lebensgestaltung noch einmal umkrempeln müssen.

Typischerweise äussert sich das, indem wir für alle Alltagsverrichtungen noch mehr Zeit beanspruchen, vermehrt auf die Hilfe Dritter zurückgreifen müssen und mit dem Rollstuhl weniger aktiv sind. Bei uns Rückenmarksverletzten und anderen Körperbehinderten setzt das früher ein, weil uns schon kleinste funktionale Verschlechterungen stark beeinträchtigen. Was gestern zur Not noch ging, ist heute nicht mehr möglich.

Ich selbst transferiere nicht mehr wie früher. Seit einigen Jahren rutsche ich rüber, statt den Rumpf anzuheben und rüber zu schwingen. Ins Auto komme ich nur noch mit Hilfe. Ich ziehe mich auch anders an als früher. Die Hemden bleiben im Schrank hängen. Poloshirts tun’s auch, wenn ich einigermassen schick daherkommen will. Ein Unterhemd und drüber ein Pulli mit Rundkragen sind noch einfacher. In manchem bin ich wieder dort, wo ich nach meinem Unfall vor 42 Jahren angefangen hatte.

Die Transfers gingen auch schon schwungvoller. Bin ich alt?

In der Stadt rolle ich nicht mehr Kilometer weit wie früher. Auch die Trainings-Spazierfahrten sind kürzer geworden. Dafür benütze ich vermehrt den SwissTrac oder verweile in meinem schönen Haus – im Sommer auf der Gartenterrasse, im Winter hinter dem Ofen. Schleichend hat sich mein Alltag seit einigen Jahren verändert. Dabei bin ich erst 65.

Ich erlebe das mit Wehmut. Etwas Trost finde ich bei unserem inzwischen 16 Jahre alten Kater. Er trinkt deutlich mehr als früher. Das muss seinen Grund haben, vielleicht sind seine Nieren geschädigt. Dieses Problem habe ich nicht, frohlocke ich. Andere, durchaus vergleichbare dagegen schon: Beim Treppensteigen ist augenfällig, dass er sein rechtes Sprunggelenk schont. Es scheint arthrotisch zu sein. Er springt auch langsamer und vorsichtiger. Seine Kräfte lassen nach, er ist mager geworden, die Mäuse im recht grossen Garten leben wieder sicherer.

Vor allem hört er nicht mehr so gut. Deswegen miaut er herzergreifend laut, so wie schwerhörige Menschen oft dazu neigen, schon fast zu schreien. Der ätzende Klang seiner Stimmbänder dringt durch das ganze Haus und hilft ihm, sich selbst wahrzunehmen. Uns zieht er wie von ihm gewollt in den Bann. Er verschafft sich im wörtlichen und übertragenen Sinne Gehör.

kater auf zeitungsstapel

Von dieser Stelle aus überblickt der Kater das ganze Erdgeschoss. Die Augen ersetzen das schlecht gewordene Gehör.

Um stets zu wissen, was im Haus geschieht, hält er sich vermehrt an Orten auf, die ihm den nötigen Überblick verschaffen. Im Erdgeschoss ist es der Zeitungsstapel in der Küchenecke. Von dort aus sieht er, wer ins Haus kommt, überblickt das ganze Wohnzimmer und nimmt wahr, was in der Küche geschieht. So hält er sich verfügbar, um jederzeit gefüttert werden zu können. Als geschwächter Jäger freut er sich heute mehr denn je über unsere Nahrungsmittelhilfe.

Im Obergeschoss liegt er am liebsten unter meinem Schreibtisch. Von dort aus blickt er immer häufiger etwas melancholisch durchs Fenster in die Ferne, ohne etwas zu verpassen. Er braucht den Kopf nur leicht zu drehen, um zu sehen, was im Raum nebenan und im Treppenhaus geschieht, ob sich eine Türe öffnet. Dank geschickt ausgewählten, zudem sicheren Standorten gleichen seine Augen aus, was die Ohren nicht mehr leisten.

kater unterm schreibtisch

Auf dem kuscheligen alten Teppich unter meinem Schreibtisch liegt er gerne und sieht jederzeit, was im Obergeschoss geschieht.

So hält sich auch unser Kater an die Empfehlung der Referentin, immer «ressourcenorientiert zu handeln». Massgeblich ist, was wir können, noch können, nicht das, was wir nicht mehr können. Die Ressourcen sind unsere Fähigkeiten. Sie nehmen zwar ab, doch sie bleiben eine Stütze, wenn wir sie geschickt einsetzen.

Kommentare (6)

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Lieber Fritz

Euren Kater habe ich bereits aus der Ferne liebgewonnen. Wie heisst er eigentlich? Ich glaube Dir aufs Wort, dass das Zusammenleben mit diesem schönen, klugen Tier etwas Versöhnliches, Tröstliches an sich hat. Trotz meiner 74 Jahre...

Lieber Fritz

Euren Kater habe ich bereits aus der Ferne liebgewonnen. Wie heisst er eigentlich? Ich glaube Dir aufs Wort, dass das Zusammenleben mit diesem schönen, klugen Tier etwas Versöhnliches, Tröstliches an sich hat. Trotz meiner 74 Jahre hat sich meine Mobilität noch nicht stark verändert. Der grosse Einbruch fand vor 5 Jahren statt. Aber auch ich brauche für alltägliche Arbeiten bedeutend länger, ob es ums Kochen, Waschen, Aufräumen oder um Körperpflege geht. Ohne Unterstützung meines Mannes schaffe ich den Einstieg in sein Auto nicht. Der Einstieg ist viel zu hoch. Hingegen kann ich in die Fahrzeuge meiner Freundinnen problemlos allein einsteigen. Damit mein Treuliebender einen Pferdetransporter anhängen kann, braucht er eben ein starkes Zugfahrzeug. Genau wie Euer Kater, höre ich offenbar auch nicht mehr so gut, was immer wieder zu Diskussionen führt. Offenbar stelle ich die Lautstärke beim Fernseher immer höher ein. Zwar habe ich einen Kopfhörer. Nach einer knappen Stunde muss ich ihn weglegen, weil mein Schädel brummt. Meine Einschränkungen machen sich besonders stark bemerkbar, wenn ich einige Treppenstufen überwinden will. Dann klammere ich mich wie ein kleiner Affe am Handlauf fest und hieve mich hoch. Hauptsache es klappt. Das gleiche Procedere (Treppen überwinden) sieht bei Eurem Kater bestimmt eleganter aus, trotz Arthrose. Ca 1 Mal pro Monat verlässt mich meine Feinmotorik, und schon liegen Scherben auf dem Boden, die schliesslich Glück bringen sollen. Dass ich mich beim Schreiben am Computer viel häufiger vertippe, sieht zum Glück niemand ;-)

Jetzt steht mir noch eine grosse, wichtige Aufgabe bevor: Seit jeher war ich immer stärker im Geben als im Annehmen. Letzteres wird in Zukunft zweifellos immer wichtiger. Ich bleibe eine Lernende.

Mit herzlichem Gruss an Dich und den geschwächten Jäger.

cucusita

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Liebe cucusita

Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar und die Einblicke in Deinen Alltag. Du bist sicher nicht die Einzige, bei der mit 74 Jahren zunehmend vieles mühsamer und anfälliger für Missgeschicke wird. Dass Du Dich aber auch beim...

Liebe cucusita

Vielen Dank für Deinen schönen Kommentar und die Einblicke in Deinen Alltag. Du bist sicher nicht die Einzige, bei der mit 74 Jahren zunehmend vieles mühsamer und anfälliger für Missgeschicke wird. Dass Du Dich aber auch beim Schreiben vertippst, hätte ich wirklich nicht vermutet, denn Deine Texte sind stets geschliffen und fehlerfrei. Danke für das Wort "Treuliebender", das kannte ich nicht und ich vermute einen leicht ironischen Unterton dahinter, der mir gut gefällt :-)

Einen herzlichen Gruss
Johannes

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Liebe Cucusita,
Ich komme etwas spät mit meiner Antwort. Er heisst Charly. Ich selbst nenne ihn den "Gräulichen", auch im pejorativen Sinne des Wortes. Ich bin kein grosser Tierfreund bz. ich habe ihn etwa gleich gern wie der Hund, den wir noch...

Liebe Cucusita,
Ich komme etwas spät mit meiner Antwort. Er heisst Charly. Ich selbst nenne ihn den "Gräulichen", auch im pejorativen Sinne des Wortes. Ich bin kein grosser Tierfreund bz. ich habe ihn etwa gleich gern wie der Hund, den wir noch haben. Er macht einen Bogen um ihn herum, wahrt seit jeher Distanz zu ihm, als wäre er Träger des Corona-Virus. An beide Vierbeiner habe ich mich inzwischen gewöhntund freue mich daran, dass sie meine Frau erfreuen...

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Lieber Fritz

Du tolerierst Eure Vierbeiner, weil sie Deine liebe Frau erfreuen? Das bedeutet, dass Du eine grosse Portion Toleranz in peto hast. Inzwischen habe ich auch gelernt, was hinter dem Wort Pejoration steckt (Dudens Fremdwörterbruch...

Lieber Fritz

Du tolerierst Eure Vierbeiner, weil sie Deine liebe Frau erfreuen? Das bedeutet, dass Du eine grosse Portion Toleranz in peto hast. Inzwischen habe ich auch gelernt, was hinter dem Wort Pejoration steckt (Dudens Fremdwörterbruch weiss viel ;-). Ich kuschle gerade virtuell mit Euren Hauswächtern, in Vertretung Deiner Frau.

Einen angenehmen Tag wünscht Dir

cucusita

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Lieber Johannes

Herzlichen Dank für deine lieben Worte. Tatsächlich brauche ich im Alltag je eine Portion Ironie und Selbstironie. Das gehört auch zur Resilienz :-).

Einen guten Wocheneinstieg wünscht Dir

cucusita

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Liebe cucusita

Danke sehr, das wünsche ich Dir auch.

Herzliche Grüsse

Johannes

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