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Gesellschaft

Lebensqualität

Lebensqualität müssen wir uns immer wieder erschaffen, auch wenn uns viele und vieles gerne daran hindern.

Was Lebensqualität bedeutet, erfahren wir am besten, wenn sie uns genommen wird.

Zum Beispiel so: Die Basler Verkehrsbetriebe erneuern die Gleise zwischen drei der meistfrequentierten Haltestellen im Herzen von Basel. Ersatzbusse gibt es keine. Das blockiert und verärgert Zehntausende, darunter auch mich im Rollstuhl, einen ganzen Monat lang.

Oder so: An zahlreichen Ferienorten wie etwa Grindelwald tummeln sich inzwischen so viele Touristen, dass sie die Einheimischen regelrecht vertreiben. Gleichzeitig beklagen sich die geldbringenden Gäste, dass sie die Hoteliers, Gastwirte und Transportunternehmer wie Tiere behandeln und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen.

Rollstuhlfahrer in Menschenmasse

Touristenmassen vertreiben die lokale Bevölkerung und schmälern auch ihr eigenes Reisevergnügen.

Umgehen kann hilfreich sein …

Selbst im Alltag müssen wir uns ständig geschickt anpassen, um nicht zu resignieren. Überall lauern vermeintlich freundliche Mitmenschen, darunter unbedarfte Bauplaner und geschäftstüchtige Reiseveranstalter, die uns und oft auch sich selbst das Leben schwer machen.

Wenn wir ihnen aus dem Weg gehen, können sie uns nicht vergrämen. In Grindelwald sind meine Frau und ich nicht mehr anzutreffen. In Basel schon, aber seltener: In den vier Wochen, in denen sich mir die nahe gelegene Stadt verweigert hat, ist mir bewusst geworden, dass ich kaum etwas verpasse, wenn ich sie nicht besuche.

… doch manchmal müssen wir die Kröte schlucken

Natürlich können wir nicht immer ausweichen: Am Telefon teilt mir die etwas sture Disponentin mit, dass der früheste Termin beim zuständigen Facharzt in drei Monaten morgens um acht Uhr sei. Zehn Minuten vorher soll ich mich anmelden. Das bedeutet, dass meine Frau und ich um fünf Uhr morgens aufstehen müssen, um rechtzeitig einzutreffen.

Verlockend wäre es, den ungelegenen Termin auszuschlagen. So lasse ich mir den Tag nicht verderben, riskiere aber, meine Lebensqualität langfristig zu gefährden. Es ist nun mal so: Ohne Mediziner, Pflegepersonal sowie Therapeutinnen und Therapeuten können wir nicht bestehen. Sie haben uns aus dem Dreck gezogen, nachdem sie diagnostiziert hatten: «Rückenmarksverletzung mit konsekutiver Querschnittlähmung.»

Andere zu akzeptieren, bringt Lebensqualität

Noch leben wir, aber unsere Lebensqualität ist nicht nur beschnitten, sondern wurde uns geraubt. Wir müssen sie neu erschaffen. Dafür kämpfen wir und beginnen uns zu fragen, was uns wichtig ist und wonach wir streben.

fritz vischer auf dem podium

Einmal auf dem Podium zu sein, kann Lebensqualität bedeuten. Hinten rechts im Rollstuhl bin ich, vorne links Dr. Guido A. Zäch.

Allein schaffen wir das nicht. Andere müssen uns helfen, beraten und aufzeigen, was überhaupt möglich ist. So kommen wir mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt. Sie treten uns nahe. Wir sind gezwungen, Intimitäten mit ihnen auszutauschen.

Nicht alle liegen uns, manche sind uns sogar zuwider. Wegstossen können wir sie nicht. Wir können nur lernen, mit ihnen umzugehen. Was uns im Moment anstrengt, macht uns auf lange Sicht reifer. Wer gelernt hat, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, wirkt souveräner und gewinnt an Lebensqualität.

Wir Querschnittgelähmte müssen ständig unser Gleichgewicht finden

Lebensqualität entfaltet sich auf körperlicher und geistiger Ebene. Wie wir sie empfinden, hängt davon ab, was wir vom Leben erwarten, was uns Freude bereitet und was überhaupt möglich ist. Sie ist ein Gleichgewichtszustand, der sich im Laufe des Lebens ändern kann und anzeigt, ob wir uns körperlich und emotional gut fühlen.

Wer, wie wir «QS’ler», Einschränkungen und immer wieder medizinische Komplikationen zu erdulden hat, muss dieses Gleichgewicht laufend neu ausloten und einpendeln. Das fordert uns jahrein, jahraus, lässt uns dünnhäutig werden und zuweilen auch leicht reizbar.

Symptomatisch ist dabei, dass uns scheinbar Belangloses besonders frustriert: Der versperrte Behindertenparkplatz, das Selbstbedienungsrestaurant, in dem wir fast immer Hilfe beanspruchen müssen, und Baustellen, die uns seit Wochen den Weg versperren. Hinzu kommen Türen, die kaum zu öffnen sind, und in ganz Europa immer mehr, weil es angeblich so schön ist: Kopfsteinpflaster.

Die einen fressen dieses alltägliche Ungemach in sich hinein, die anderen bellen lauthals. Beides ist ungesund, macht uns launisch und lässt uns unausgeglichen erscheinen. Unsere Lebensqualität leidet enorm.

kopfsteinpflaster

Was dem Denkmalpfleger gefällt, ist für Menschen im Rollstuhl ziemlich unbequem.

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