Menschen mit Behinderungen auf der Suche nach sexueller Lust und besserem Wohlbefinden

Eine weit verbreitete falsche Vorstellung über Menschen mit Behinderungen ist, dass sie asexuell sind. Im Gegenteil: Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit Behinderungen sexuelles Verlangen haben und sich wie alle anderen nach sexueller Befriedigung sehnen. Dies gilt für Männer wie für Frauen.

Doch Menschen mit Behinderungen haben oft grössere Schwierigkeiten beim Sex, sowohl körperlich als auch mental – aufgrund von Stereotypen und fehlender Sexualerziehung, die auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist. Daher steigt ihre Nachfrage nach sexueller Unterstützung weiter an. Wie kann Sexualassistenz Menschen in Not helfen?

Was ist Sexualassistenz?

Sexualassistentinnen und Sexualassistenten, auch Surrogatpartner/-innen genannt, sind Fachleute, die Menschen mit Bedarf intime Unterstützung anbieten. In der Schweiz gilt die Beauftragung von Sexualassistent/-innen verfassungsrechtlich als Prostitution, die legal und geregelt ist. Dagegen ist der Kauf und/oder Verkauf von Sex in vielen anderen europäischen Ländern illegal, wie auf dieser Karte zu sehen ist.

rechtliche situation der sexarbeit in den ländern der eu

Die rechtliche Situation der Sexarbeit in der EU. Wenngleich auf dieser Karte nicht verzeichnet, gehört die Schweiz zu den (blauen) Ländern in Europa, in denen der Kauf und Verkauf von Sex legal und geregelt ist. (Quelle: https://www.statista.com)

Sexualassistent/-innen sind jedoch keine herkömmlichen Sexarbeiter. Sie sind in der Regel professionell ausgebildet und verfügen so über ein besseres Wissen und Bewusstsein, um Menschen mit Behinderungen im Bereich der Sexualität zu unterstützen. Und es gibt einen weiteren grossen Unterschied: Das Ziel von Sexualassistent/-innen sollte nicht sein, dass Kund/-innen zu ihnen zurückkommen. Vielmehr geht es darum, einer Person zu helfen, sich mit ihrer Sexualität besser zu fühlen – damit sie dieses Vertrauen mit einer anderen Person teilen und eine reale sexuelle Beziehung aufbauen kann.

Ausbildung zum/zur Sexualassistent/-in

Kann jeder und jede Sexualassistent/-in werden? Lothar Sandfort ist Psychologe und Leiter des Instituts zur Selbst-Bestimmung Behinderter in Deutschland. Das Institut bietet Kurse für Sexualberater/-innen sowie Ausbildungskurse für Sexualassistent/-innen an. In einem Interview mit swissinfo.ch sagte Lothar, dass sie nicht jede/-n für die Ausbildung akzeptieren. Er betonte, dass der Kurs nicht für Menschen mit dem Helfersyndrom gedacht ist, die glauben, dass Menschen mit Behinderungen leiden und gerettet werden müssen.

In Europa unterstützt die European Platform Sexual Assistance (EPSEAS) Menschen und Organisationen, die Sexualassistenz für Menschen mit Behinderungen anbieten. Sie weist darauf hin, dass professionelle Sexualassistent/-innen ihre Grenzen kennen und respektieren müssen.

Partnerinnen von EPSEAS in der Schweiz sind Corps Solidaires und SExualité et Handicaps Pluriels (SEHP). Beide Organisationen bieten Ausbildungen für Menschen an, die sich für eine Tätigkeit als Sexualassistent/-in für Menschen mit Behinderungen interessieren. In der Deutschschweiz bietet Sexcare sowohl Sexualassistenzdienste für Menschen mit Behinderungen als auch Seminare für zukünftige Sexualassistentinnen an. Einige Teilnehmerinnen arbeiten bereits als Sexarbeiterinnen. Sie melden sich für das Seminar an, weil sie mit einer steigenden Nachfrage von Kunden mit Behinderungen konfrontiert sind.

Dieses Video zeigt ein Seminar, das im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil stattgefunden hat. Isabelle Kölbl, die Gründerin von Sexcare und selbst Sexualassistentin, vermittelte den Teilnehmerinnen Wissen und praktische Tipps, wie sie Menschen mit Querschnittlähmung Sexualassistenz anbieten können. Dazu gehört auch, wie man einen Kunden vom Rollstuhl ins Bett transferiert.

Sexualassistenz ohne Sex

Was kann man von einer Sexualassistenz erwarten? Sexualassistent/-innen können allein mit ihren Kund/-innen arbeiten. Sie können auch mit Sexualtherapeut/-innen zusammenarbeiten. Manchmal sind die Sexualassistent/-innen sogar selbst klinisch ausgebildet. Eine von ihnen ist Joslyn Nerdahl. Sie ist klinische Sexologin und Intimitätscoach.

Auch wenn Sexualassistentinnen Sex mit dem Kunden haben können, geschieht das nicht immer. Anstatt Sex zu haben, stellt Joslyn ihren Kunden normalerweise viele Fragen über Sexualität, bevor und während sie sich treffen. Sie bespricht mit ihnen verschiedene Möglichkeiten des Zugangs zu ihrem Körper. Sie beschreibt den Prozess als «Body Mapping», bei dem sie mit ihren Klienten verschiedene Bereiche des Körpers und vielfältige Formen der Berührung durchgeht. Ziel ist es herauszufinden, wozu ihre Klienten fähig sind, was sie mögen und was nicht. In einem Interview sagte Joslyn, dass sich ihre Klienten oft isoliert und deprimiert fühlen, weil es ihnen an erotischer oder intimer Berührung fehlt.

Eine lebensverändernde Erfahrung für beide

Auch Cheryl Cohen Greene, zertifizierte klinische Sexologin und Sexualassistentin, kennt die Macht der intimen Berührung für Menschen mit Behinderungen sehr gut. Ihre Arbeit mit dem amerikanischen Dichter Mark O'Brien wurde im Film «The Sessions» (Originaltitel «The Surrogate») porträtiert. Er gewann 2012 den «Audience Award: U.S. Dramatic» auf dem Sundance Film Festival, dem grössten unabhängigen Filmfestival der USA. Hier der Trailer:

Der mittlerweile verstorbene Mark O'Brien war vom Hals abwärts gelähmt, seit er im Alter von sechs Jahren an Polio erkrankte. In seinen späten Dreissigern begann er, sich mit einer Sexualassistentin – Cheryl – zu treffen, um seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Im CNN-Interview unten erinnert sich Cheryl an einige denkwürdige Momente, die sie mit Mark verbracht hat, darunter den ersten Kuss auf seine Brust, der ihn zu Tränen rührte.

«Er erzählte mir, wie viel es ihm bedeutete, dass dieser Teil seines Körpers berührt wurde, weil er in Bezug darauf verlegen war und nicht dachte, dass das jemand tun würde.»

Das gleiche Bedürfnis und Recht auf Sexualität

In einem TED Talk teilte Cheryl mehr ihrer Erfahrungen als Sexualassistentin. Sie berichtete von ihrer ersten Begegnung mit Mark. Er erzählte ihr, wie ausgegrenzt er sich in Bezug auf Sexualität fühlte: als stünde er vor dem Fenster eines Restaurants und sähe durch das Fenster eine ganze Gruppe von Menschen, die ein Festmahl zu sich nehmen, von dem er niemals probieren dürfte. Cheryl sagte zu ihm: «Du verdienst einen Platz an diesem Tisch.»

Vielen Menschen mit Behinderungen geht es wie Mark: Sie würden gerne einen Platz an «diesem Tisch» finden – um sexuelles Vergnügen zu geniessen wie alle anderen. Vielleicht haben sie selbst einen Partner oder eine Partnerin, vielleicht auch nicht. Vielleicht haben sie aufgrund ihrer Behinderung oder anderer Faktoren Schwierigkeiten mit der Sexualität. Durch die Sexualassistenz begeben sie sich auf eine Reise der Selbstentdeckung, auf der sie lernen, ihre Bedürfnisse zu spüren und auszudrücken. Dadurch gewinnen sie nicht nur das Vertrauen in Sex und Beziehung zurück, sondern auch allgemeines Wohlbefinden.

Mann, Frau, jeder hat das Bedürfnis und das Recht auf Sexualität. Eine Frau mit Muskelschwund geht zu privaten intimen Sitzungen mit einem Mann, der einen Nebenjob als Sexualassistent hat.

Was haltet Ihr von Sexualassistenz? Was sind Eure Erfahrungen und Tipps für Intimität und sexuelle Befriedigung?

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Nach fünf wunderbaren Jahren ist es für mich an der Zeit, die Community mit diesem letzten Blogartikel zu verlassen und eine neue Reise zu beginnen. Worte können nicht beschreiben, wie dankbar ich bin, Bloggerin für die Community gewesen zu sein, wo ich viele steile Lernkurven erklimmen und mich mit vielen lieben Menschen über Behinderungen austauschen durfte. Ich freue mich, dass ich EUCH durch die Community persönlich oder virtuell kennengelernt habe. Macht es gut und lebt wohl!

Kit Wan

Kommentare (2)

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Liebste Kit Wan

Es fehlen mir die Wörter zu wissen das dies dein Letzter Blog für uns war, und wie immer waren deine Blogs neben die auch von Fritz, einer der wichtigstes überhaupt.

Von Ganzen Herzen danke ich dir, für deine Atemberaubende...

Liebste Kit Wan

Es fehlen mir die Wörter zu wissen das dies dein Letzter Blog für uns war, und wie immer waren deine Blogs neben die auch von Fritz, einer der wichtigstes überhaupt.

Von Ganzen Herzen danke ich dir, für deine Atemberaubende Gesichten, und noch mehr das ich dich persönlich kennenlernen dürfte.

Ich habe viel im Kopf doch kann es eifach nicht schreiben, ausser dir zu sagen Danke.! Leb wohl.! Und nur alles alles liebe in Zukunft dir und deine Liebsten.

Vielleicht schreibst du uns der eine oder anderes mal trotzdem, hier.

Lieber Gruss

Francesco

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Nun im Bezug dieses Atemberaubendes Thema SEX und Behinderung möchte ich folgendes schreiben:

Als aller erstes, stimme ich vollkommen zu. Denn ja Sex gehört zu einer der wichtigstes Stabilisation/Harmonie im Leben.

Ich unterscheide immer Sex...

Nun im Bezug dieses Atemberaubendes Thema SEX und Behinderung möchte ich folgendes schreiben:

Als aller erstes, stimme ich vollkommen zu. Denn ja Sex gehört zu einer der wichtigstes Stabilisation/Harmonie im Leben.

Ich unterscheide immer Sex ist nicht gleich Liebe und Liebe ist nicht gleich Sex. Und doch beide sind wichtige Bestanteil des Leben.

Als ich Querschnittsgelähmt wurde, muss ich lachen oder lass euch lachen, war mein erster Gedanke Kakke.!! Funktioniert mein Teil?? ;-)

Und ja ich musste neu lernen und neue wegen finden, doch nach gute 2 bis 3 Jahren nach der QS, habe ich es endlich geschafft, das mein Sex Funktionsfähig ist, selbstverständlich ist es verbunden zum, teil von Schmerz sei es Psychisch oder Physisch, doch heute habe ich praktisch der perfekte weg gefunden, neue das ganze gut zu kontrollieren, und neue Erkenntnis über Orgasmus und Höhepunkt gewonnen. Also kann nur sagen an Alle die sie es wünschen es klappt, natürlich ist es anders doch wenn man es gefunden hat und auch reifer im Bezug geworden ist, dann glaubt mir die Erlebnissen beim Sex sind Heute so gut wie vor meiner QS, sogar intensiver wag ich zu sagen.!

Nun zu Stichwort sex selbst, ist natürlich kein einfacher weg ein Sexual Partner zu Finden, das war und ist meisten die Grösste Herausforderung.!
Ob es im Hetero Bi oder Homo, ist zuletzt meines erachten die Offenheit beider Parteien zu kommunizieren und offen denken von grösster Bedeutung.!

Selbst kann ich nicht sagen woran es liegt, aber hier in der Schweiz (zumindest in meine Gay Community), ist es noch ein Riesen Tabu gar fast unmöglich ein Williger Sex Partner zu finden, das komische ist sobald ich aber Deutschland Frankreich Österreich Italien oder Belgien befinde, dann bekomme ich eine Menge Sex anfragen, hier zulande ist fast eine Totale Blockade, und zuletzt bekomme ich auch dumme Sprüche zu hören wie, ( Hey ich bin nicht vom Roten Kreuz...) Etc...etc... Aber Jetzt kommt, doch wenn ich zahlen würde, dann könnte ich wann immer ich will sex haben..

Aber zum Schluss, finde ich wie du auch im Artikel/Blog geschrieben hast, Sexual Begleiter für Menschen mit Behinderung ein absolutes Muss, zumindest eine breite öffentliche sensibilisieren wäre auch gut der dinge.

Bin gespannt wer noch Erfahrung oder Meinung dazu hat.

Lieber Gruss

Francesco

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