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Porträts & Geschichten

Wie ich bin, bin ich glücklich

Nico Langmann, Paraplegiker und Spitzensportler, hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben

In der Geschichte der vierköpfigen Familie Langmann gibt es ein Vorher und ein Nachher. Dazwischen liegt ein Autounfall.

Mit 17 beginnt Nicos Leben

Für Nico gibt es kein bewusstes Vorher – beim Unfall war er zwei Jahre alt.

Dafür unterteilt sich bei ihm das Nachher: Sein heutiges, selbstbestimmtes Leben beginnt erst im Alter von 17 Jahren. Dann endlich ist er stark genug, um sich gegen einen zuvor erlittenen, schier endlosen Traum aufzulehnen. Ihn kennzeichnete das folgende ungeschriebene Gesetz: «Der Rollstuhl kommt nicht in die Wohnung. Nico soll sich gar nicht erst an das Ding gewöhnen.»

Folgerichtig heisst Nicos 2023 erschienenes Buch «Wie man einen Traum aufgibt, um ein Leben zu gewinnen». Geschrieben hat er es zusammen mit dem Journalisten Christian Bartlau.

Entstanden ist ein leicht lesbares, 200 Seiten umfassendes hintergründiges Werk. Süffig geschrieben, lehrreich und spannend: Am Ende deutet der 26-jährige Nico an, dass er bald wieder neu starten muss und will. Im Rollstuhl Tennis auf höchstem Niveau zu spielen, verschleisst schon früh.

buch nico langmann

2023 erschien Nicos Buch: süffig geschrieben, informativ und eindrücklich ist es. (Bild: © Brandstätter Verlag)

Nicos Autounfall – mit zwei Jahren

Am 17. März 1997 wird Nico geboren. Knapp zwei Jahre später, am 7. Februar 1999, «fährt meine Mutter mit meinem Bruder Alex, damals vier Jahre alt, und mir nach Tirol zum Skifahren, und plötzlich steht dieses Auto auf unserer Spur, ohne Licht». Es kommt zum Aufprall. «Drei Verletzte: meine Mutter, mein Bruder, ich.»

Zunächst scheint es, als kämen sie glimpflich davon. Erst einige Wochen später zeigt sich, dass mit Nico etwas nicht stimmt. Viel zu spät bestätigt die Bildgebung: Auf der Höhe des achten Brustwirbels ist Nicos Rückenmark durchtrennt.

Gelähmt wuselt Nico herum

«Paraplegiker, Th8 komplett», heisst es im Jargon unserer Community. Besonderes Merkmal: Zwei Jahre jung. Zu jung für einschlägige Rehabilitationszentren. Sie lehnen ihn ab.

Anfangs ist das nicht weiter schlimm. Inkontinent ist der Zweijährige ohnehin. Ansonsten wuselt er herum, krabbelt, robbt. Wenn er seine Bauchmuskeln anspannt, kann er die Beine nachziehen, kommt sogar Treppen rauf und runter. Für längere Strecken gibt es den Buggy und den Kinderwagen.

Nur eines gibt es nicht: einen Rollstuhl. Es kann nicht sein, was nicht sein darf, findet vor allem sein Vater. «Der Nico wird wieder gehen lernen», betont er immer wieder.

nico langmann als kind mit bauchrutsche

Trotz Paraplegie wuselte Nico anfänglich auf dem Boden herum. (Bild: © Nico Langmann)

Als Jugendlicher bei allerlei Wunderheilern

Für Nico wird der väterliche Wunsch zum Befehl, Mutter und Grossmutter spielen brav mit. Die Schulmedizin bietet wenig, und sich den unfallbedingten Gegebenheiten anzupassen, lässt die Familie nicht zu.

So muss Nico als Kind und Jugendlicher praktisch alles erdulden, was die «Alternativen» und die «Heiler» dieser Welt vortäuschen – ob in Österreich, Russland, Indien oder Brasilien.

Wenn ihre Wunderwege nicht zum Ziel führen, so ist er der Versager, der Widerspenstige, und er fühlt sich auch so. Dazu bekommt er zu hören, dass er vermutlich Untaten aus früheren Leben auszubaden habe.

Nico erzählt uns diese schreckliche Geschichte frisch von der Leber weg, unterhaltsam und mit Anekdoten angereichert. Er beweist damit, dass er sich mit all diesen «Scharlatanen», wie er sie bezeichnet, versöhnt hat. Auch mit ihren Auftraggebern: seinen Eltern. Das ist nicht selbstverständlich und verdient umso mehr Applaus.

nico langmann als kind im rollstuhl

Es dauerte lange, bis der querschnittgelähmte Nico endlich einen Rollstuhl bekam. (Bild: © Nico Langmann)

Nicos Geschichte ist schrecklich – aber kein Einzelfall

Trotzdem können wir als Leser erahnen, welchem sinnlosen Druck Nicos Kinderseele jahrelang ausgesetzt war. Und das alles nicht in grauer Vergangenheit, sondern in unserer Zeit. Von 1999 bis 2017.

Übrigens ist Nicos Geschichte weniger einzigartig, als es erscheinen mag. Einzigartig ist vielmehr, dass Nico Langmann stellvertretend für viele andere schreibt, deren soziales Umfeld ihren «Makel» nicht zulässt, also behindert zu sein.

Wieder andere sind ihm sicher dankbar für das vorletzte Kapitel: «Unter der Gürtellinie», ist es betitelt. So offen, ehrlich und umfassend habe ich das noch nie von einem Betroffenen gehört oder gelesen.

In seinem neuem Leben darf Nico den Rollstuhl akzeptieren

«Ich könnte auch einfach so glücklich sein, wie ich bin.» Den hinderlichen Umständen ist es geschuldet, dass Nico das erst mit 17 erkennen darf. Er geht aufs Gymnasium, wird bald die Matura bestehen. Gleichzeitig setzt er selbstbestimmt auf Rollstuhltennis und freiwillig auf den Leistungsdruck im Spitzensport. Auch hier berichtet er offen und ehrlich von Höhen und Tiefen, steigt aber immer höher, holt Titel. 2016 nimmt er an den Paralympics in Rio de Janeiro teil, 2021 in Tokio.

nico langmann beim rollstuhltennis

Bereits als Gymnasiast setzt Nico voll auf Rollstuhltennis. Die Schule wird zur Nebensache. (Bild: © Gianmaria Gava / Brandstätter Verlag)

Aktuell beginnt er, sein «Leben nach dem Sport» zu gestalten. Sein 2023 erschienenes Buch ist ein erster gelungener Schritt, ein weiterer die Gründung der Nico Langmann Foundation. Sie ermöglicht mobilitätseingeschränkten Kindern den Zugang zum Sport durch die Bereitstellung von Sportgeräten und -rollstühlen.

Nico Langmann | Christian Bartlau

Wie man einen Traum aufgibt, um ein Leben zu gewinnen

ISBN: 978-3-7106-0687-8

208 Seiten

25 Abbildungen

Link zum Buch

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