Kopf und Wirbelsäule in der Achse: So sitzen wir aufrecht und fühlen uns wohl. Auch Rollstuhlfahrern steht das offen.

«Gerade sitzen», hiess es einst in der Schule und bei Muttern. Das bedeutete, Kopf und Wirbelsäule in aufrechter Achse zu halten, ohne anzulehnen. Wer so sitzt, passt auf und faulenzt nicht. Das wussten unsere Erzieher.

Gleichgewicht ist das Ziel

Solange wir in der Achse verharren, ertüchtigen wir uns körperlich am besten, können uns gut konzentrieren und ins Gleichgewicht bringen, gelehrt formuliert: in die Homöostase.

Die folgenden therapeutischen Ansätze, die nach ihren Begründern heissen, halten sich ebenfalls an diese Maxime, auch wenn sie im Einzelnen Unterschiedliches verfolgen: die Alexander-Technik (nach Frederick Matthias Alexander, 1869-1955), Pilates (nach Joseph Pilates, 1883-1967) und Feldenkrais (nach Dr. Moshé Feldenkrais, 1904-1984).

junge frau trainiert in aufrechtem sitz

Kopf und Wirbelsäule in der Achse zu halten, gereicht uns immer zum Wohl.

Wie so oft beschreiben es die alten Inder am bildhaftesten: Entlang und in unserer Wirbelsäule liegen unsere Energiezentren, die sogenannten Chakras. Das wichtigste von ihnen ist das Herz. Am Ende unserer Wirbelsäule schlummert im untersten Chakra, schön eingerollt, Kundalini. Sie ist eine Schlange und wartet darauf, dass wir sie rufen, um unsere sieben Chakren zu spüren. Kundalini-Yoga führt uns zu ihr.

Die Achse ist das Mittel

Ob wir geheimnisumwitterte oder klar abgesteckte Heilswege gehen, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass wir uns wohlfühlen und unserer Lebensenergie den nötigen Raum geben, dass sie uns durchdringen kann. Dazu müssen wir im Fitnessstudio gleichermassen wie im Yoga unsere Achse pflegen und die Wirbelsäule gerade halten. Verkrümmen sollten wir sie weder seitlich (Skoliose) noch nach vorne, und noch weniger nach hinten hin. Sonst bildet sich ein Buckel (Kyphose).

junge frau lächelnd bei einer übung

Auch wenn die Dame freundlich lacht: Die Wirbelsäule zu verkrümmen, ist weder angenehm noch gesund.

Der indische Lotossitz, bei uns weniger poetisch «Schneidersitz» genannt, zwingt uns förmlich, schön aufrecht zu sitzen. Den meisten von uns Rollstuhlfahrern ist es allerdings nicht möglich, die Beine so zu verschränken, dass sich das Rückgrat wie von selbst aufrichtet.

Vielleicht hilft schon die Vorstellung

Hier könnte uns aber helfen, dass es möglicherweise genügt, uns Bewegungen und Körperhaltungen auch nur vorzustellen. Es klingt etwas abenteuerlich: Allein die Einbildung, bestimmte Muskeln anzuspannen, soll die entsprechenden Hirnareale aktivieren und die Muskulatur stärken. Noch wirkungsvoller soll es sein, wenn wir einem Athleten oder einem Yoga-Praktizierenden zuschauen. Die Neuronen in unserem Gehirn nehmen diese Signale auf und verarbeiten sie.

Diesen Effekt beschreibt zumindest David R. Hamilton in seinem erfolgreichen Buch «How your mind can heal your body». (In die deutsche Sprache übersetzt ist sein Buch «Achte auf Deine Gefühle! Wie der Geist den Körper heilt».) Der britische Wissenschaftler mit Doktortitel ist schulmedizinisch ausgebildet und arbeitete lange für die Pharmaindustrie.

Aus dieser Erfahrung kennt er sich bestens mit dem Placebo-Effekt aus: Allein der Glaube, die eben eingenommene Tablette tue uns gut, wirkt lindernd. Hamilton überträgt diesen Effekt auf andere mentale Wirkmechanismen – insbesondere Liebe und positive Gedanken –, die ihm zufolge ebenfalls unser körperliches Wohlbefinden verbessern.

junge frau zieht am boden ihre knie zu sich her

Angeblich genügt schon das Zuschauen: In unserem Gehirn werden die entsprechenden Areale aktiviert, die Muskulatur verstärkt sich.

Der Placebo-Effekt ist längst bekannt und tausendfach nachgewiesen; das Konzept, sich Bewegungsmuster nur vorzustellen und so Wirkung zu erzielen, hingegen weniger. Ein interessanter Ansatz ist es allemal. Denn hätte Hamilton recht, stünden solche Gleichgewichts-Techniken, die unsere körperliche und mentale Fitness steigern, auch allen Menschen mit einschränkenden Behinderungen offen – nur dank unserer Einbildungskraft.

Nichts ist einfacher als meditieren

Verknüpfen wir solche Ansätze zusätzlich mit einem bewusst gewählten Atemrhythmus, versetzen wir uns in die Meditation. Dabei dachten wir doch, meditieren zu können, sei einer Gilde von besonders weisen Menschen vorbehalten. Das Gegenteil trifft zu: Meditieren können wir alle. Sich in der Achse zu halten, steht ebenfalls allen offen, ist aber etwas anspruchsvoller.

junge frau beim meditieren

Meditieren können wir alle und überall – sei es im stillen Kämmerlein, in der Natur oder an einer Autobahnraststätte.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare vorhanden.
Sei der Erste, der dies kommentiert!

Beitrag bewerten