Die Online-Community für Menschen mit Querschnittlähmung, ihre Angehörigen und Freunde
abbrechen

Veränderungen der Sexualfunktion und Behandlungsmöglichkeiten bei Männern mit Querschnittlähmung

Erektile Dysfunktion
Bei Männern mit einer Querschnittlähmung kann es zu Erektionsproblemen kommen, die auch „erektile Dysfunktion“ genannt werden. Hierbei handelt es sich um die anhaltende Unfähigkeit, eine für den Geschlechtsverkehr ausreichende Erektion zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Ihr Auftreten ist stark von der Höhe und der Vollständigkeit der Querschnittlähmung abhängig. Im Allgemeinen gilt: Je höher das Lähmungsniveau, desto grösser die Chancen, eine vollständige Reflexerektion zu erreichen und aufrecht zu erhalten. Bei einer tiefen Lähmung besteht dafür die Möglichkeit einer psychogenen Erektion. Spastisch gelähmte Männer haben eine grössere Chance, eine Erektion zu erreichen, als Männer mit einer schlaffen Lähmung.

Erektionsstörungen können sich auf verschiedene Weise zeigen: Spontane, nächtliche oder morgendliche Erektionen fehlen; der Penis wird auf sexuelle Reize hin nicht steif oder nicht steif genug, um ihn einzuführen; die Erektion ist nur von kurzer Dauer und lässt nach, bevor oder kurz nachdem der Mann in den Geschlechtspartner eindringen kann.


Die verschiedenen Erektionstypen
Psychogene Erektion
Anziehungskraft und Ausstrahlung des Geschlechtspartners sind wirksame psychische Reize, die zu einer Erektion führen können. Gerüche, optische und akustische Reize wie auch eigene Fantasien, Erwartungen und sexuelle Wünsche können ebenfalls eine psychogene Erektion auslösen.
Die Bewertung dieser Stimulationen erfolgt im Gehirn. Von dort aus werden die Informationen über Nervenfasern ins Rückenmark und schliesslich zum Penis geleitet; es kommt zur Erektion.
Bei Männern mit einer Querschnittlähmung kann prinzipiell eine psychogene Erektion auftreten, wenn die Lähmungshöhe unterhalb Th11 bis L2 liegt. Die Erektion ist allerdings nur stabil, solange die Stimulation im Gehirn andauert, und daher meist von kurzer Dauer, falls eine ergänzende Reflexerektion (siehe nächster Abschnitt) nicht möglich ist.


Reflexogene Erektion
Reflexogene Erektionen entstehen durch direkte Berührungen und Zärtlichkeiten im Genitalbereich. Die Reize werden ins Reflexzentrum im Rückenmark weitergeleitet und verarbeitet. Von dort aus gelangen sie durch Nervenfasern wieder zum Penis und leiten die Erektion ein.
Eine Reflexerektion ist nur bei einer Querschnittlähmung oberhalb des Reflexzentrums (S2-5) möglich. Falls das Signal vom Gehirn fehlt (psychogene Erektion, siehe vorheriger Abschnitt), muss anhaltend stimuliert werden, um die Erektion zu erhalten. Diese ist dann oft ungenügend und dauert zu kurz für den Geschlechtsverkehr. Die grösste Wahrscheinlichkeit, dass beide Erektionsarten möglich sind, besteht bei einer Lähmungshöhe zwischen Th11 und S1. Es gibt jedoch zahlreiche Ausnahmen, so dass immer geltende Aussagen schwer zu treffen sind.


Hilfsmittel bei erektiler Dysfunktion
Medikamente
Die Behandlung der erektilen Dysfunktion erfolgt heute überwiegend mit Medikamenten. Die Medikamente der ersten Wahl stammen aktuell aus der Gruppe der Phosphodiesterase-5-Hemmer. Sildenafil (Viagra) ist seit 1998 verfügbar und hat in zahlreichen Studien auch bei Paraplegikern eine ausgezeichnete Wirkung gezeigt. Weitere Medikamente aus der gleichen Stoffgruppe sind Tadalafil (Cialis) und Vardenafil (Levitra, Vivanza). Prinzipiell sind diese Medikamente ähnlich aufgebaut. Allerdings bedeutet dies nicht, dass, wenn eines dieser Präparate nicht den gewünschten Erfolg erbracht hat, die anderen Präparate ebenfalls unwirksam sind. Tadalafil unterscheidet sich von den beiden anderen Präparaten durch seine längere Wirkdauer (36 Stunden im Vergleich zu 4-5 Stunden). Die Wirkung dieser Medikamente setzt nur in Abhängigkeit von sexueller Stimulation ein.

Wichtig
Diese Medikamente dürfen keinesfalls mit Nitroglyzerinpräparaten kombiniert werden, weil dies zu einer lebensbedrohlichen Verschlechterung der Herzdurchblutung führen kann. Nitroglyzerinpräparate (z.B. bei Blutdruckkrisen) werden aufgrund einer autonomen Dysreflexie relativ häufig bei querschnittgelähmten Menschen eingesetzt.


Medikamente auf natürlicher Basis
Es gibt Pflanzen mit potenzsteigernder Wirkung, wie zum Beispiel Ginseng oder Maca, ein Knollengewächs aus den peruanischen Anden. Die Blätter und die Rinde des Yohimbin-Baumes können bei Erektionsproblemen helfen.
Die Wirkstoffe dieser Pflanzen sind in verschiedenen Medikamenten auf natürlicher Basis enthalten, die Maca-Knolle beispielsweise in Androxan600 Forte.
Ein weiteres Medikament auf natürlicher Basis, das eine Potenzsteigerung bewirken soll, ist Libidoxin. Im Vergleich zu den Phosphodiesterase-5-Hemmern ist die Wirkung dieser Präparate jedoch meist weniger stark.


Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie (SKAT)
SKAT ist seit der Einführung von neuen Medikamenten in Tablettenform nicht mehr die Therapie der ersten Wahl. Für einige Patienten ist sie jedoch immer noch eine wichtige Therapiemöglichkeit, besonders wenn die Medikamente nicht wirken oder nicht angewendet werden können. Bei der SKAT wird ein Wirkstoff (Alprostadil) in den Penis gespritzt. Diese Substanz verteilt sich im Schwellkörpergewebe und bewirkt dort durch Erschlaffung der Muskulatur einen vermehrten Bluteinstrom, einen verminderten Blutabstrom und somit schliesslich eine Erektion. Die Wirkung tritt unabhängig von einer sexuellen Stimulation ein. Bei Tetraplegikern kann der Geschlechtspartner instruiert werden, die Injektionen durchzuführen.

Wie funktioniert SKAT?

Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie (SKAT) (Quelle: Onmeda)
Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie (SKAT) (Quelle: Onmeda)

Der Schwellkörper wird mit einer Spritze punktiert:

  • Nach sorgfältiger Reinigung und Desinfektion der Einstichstelle mit einem Alkoholtupfer wird das Medikament körpernah in den seitlichen Penisrücken gespritzt. Dabei sollte der Einstich in sichtbare Venen vermieden werden.
  • Der Wirkungseintritt ist nach fünf bis zehn Minuten zu erwarten.
  • Die Dosis sollte so gewählt werden, dass die Erektion nicht länger als 60 Minuten anhält.
  • Die Einstichstellen und die Penisseiten müssen bei jeder Anwendung gewechselt werden.

Bevor mit der ersten Anwendung durch den Patienten selbst begonnen werden kann, erfolgt eine Austestung der Dosis beim behandelnden Arzt. SKAT muss durch einen Urologen verschrieben werden.


Mechanische Hilfsmittel
Vakuum-Pumpe
Die Vakuum-Pumpe ist eine mechanische Therapie. Die Vakuum-Erektionshilfe ist ein Kunststoff-Zylinder, der über den Penis gestülpt und fest an die Peniswurzel gedrückt wird. Mit einer Pumpe wird dann ein Unterdruck erzeugt, durch dessen Sog sich die Schwellkörper mit Blut füllen. Der Penis wird steif.
Um die Erektion zu erhalten, wird nach dem Pumpen ein Penisring vom Zylinder auf den Penis übergestreift, der an der Peniswurzel den vorzeitigen Blutabfluss aus den Schwellkörpern verhindert.

Bei Männern mit einer Querschnittlähmung ist diese Lösung in aller Regel nicht sehr erfolgreich, da der Penis oft an der Wurzel abknickt. Der Penisring muss nach dem Geschlechtsverkehr unbedingt entfernt werden, da es sonst zu Druckschäden oder Nekrosen kommen kann.

Vakuum-Pumpe (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic)
Vakuum-Pumpe (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic)

Schwellkörper-Implantat
Das Schwellkörper-Implantat („Penisprothese“) ist eine operative Therapie, bei der zwei Plastikzylinder in die Schwellkörper eingesetzt werden, die sich durch eine im Hodensack implantierte Pumpe bei Bedarf füllen lassen und somit eine mechanische Gliedversteifung erzielen. Risiken sind Infektionen und mechanische Defekte, zudem zerstört diese Operation einen grossen Teil des Schwellkörpers.

Schwellkörper-Implantat (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic)
Schwellkörper-Implantat (Quelle: AMEDS Centrum/VEDI Clinic)

Veränderter Orgasmus
Die Orgasmusfähigkeit ist bei einer Rückenmarksverletzung fast immer betroffen. Die rhythmischen, unwillkürlichen Muskelkontraktionen, die beim Orgasmus auftreten, können nach Eintritt einer Querschnittlähmung länger anhalten und von den Betroffenen als unangenehm empfunden werden. Bei einer Querschnittlähmung oberhalb Th12 gehen einem Orgasmus oft spastische Reaktionen in den Beinen voraus.
Bei sensibel inkompletten Lähmungen können Orgasmusgefühle den Empfindungen vor dem Eintreten der Querschnittlähmung entsprechen.
Querschnittgelähmte mit sensibel kompletter Lähmung im Genitalbereich erzählen, dass es möglich ist, einen „Orgasmus im Kopf“ zu erleben oder dass sich ein allgemeines Wohlbefinden und eine Entspannung einstellen kann, wie sie es von früher her kennen. Hier sind Fantasie, Abenteuerlust und Experimentierfreude der Betroffenen von grosser Bedeutung.
Trotz verminderter oder erloschener Sensibilität gibt es Paraplegiker und Tetraplegiker, die einen Orgasmus erleben.


Ejakulation
Bei der Ejakulation spielen verschiedene Nerven zusammen. Nach Eintritt einer Querschnittlähmung ist dieses Zusammenspiel oft gestört und die Ejakulation beeinträchtigt. Sie ist nur tropfenweise vorhanden, entfällt ganz, oder findet rückläufig in die Harnblase statt (retrograde Ejakulation), wenn der Verschluss des Blasenhalses nicht funktioniert.


Fruchtbarkeit
Auch bei einer Querschnittlähmung kann ein Mann genetisch eigene Kinder haben. Sexualfunktionen wie Erektion und Ejakulation können trotz Querschnittlähmung erhalten bleiben, wie auch eine ausreichende Samenqualität. Bei eingeschränkten oder fehlenden Funktionen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, einen Kinderwunsch zu erfüllen. Diese Möglichkeiten werden im nächsten Abschnitt beschrieben. Grundsätzlich wird empfohlen, dass sich ein Mann frühzeitig über seine Möglichkeiten informiert, da auch das biologische Alter der Frau bei einem Kinderwunsch ein wichtiger Faktor ist.
Die Spermaqualität ist nach Eintritt einer Querschnittlähmung fast immer vermindert. Über die Ursachen der meist schweren Fertilitätsstörung liegen umfangreiche Studienergebnisse vor. Einflüsse von veränderten Lebensumständen wie erhöhte Hodentemperatur durch die sitzende Position eines Rollstuhlfahrers, seltene Ejakulationen, Harnwegsinfektionen, Antibiotika, histologische Veränderungen des Hodengewebes oder die Dauer der Lähmung konnten entgegen entsprechenden Annahmen nicht als Ursache bestätigt werden. Da alle Organe, welche die Spermaqualität beeinflussen, vom vegetativen Nervensystem kontrolliert werden, liegt die vermutete Ursache hier.
Das Einfrieren des Sperma (Kryokonservierung) ist auf Wunsch grundsätzlich möglich. Dabei muss beachtet werden, dass durch das Auftauen des Depots die Mobilität und die Vitalität der Spermien gegenüber vor dem Einfrieren deutlich reduziert wurde. Da ausserdem die Qualität des Spermas nicht, wie früher angenommen, mit zunehmender Dauer der Querschnittlähmung schlechter wird, ist eine frisch gewonnene Spermaprobe vorzuziehen. Die Verwendung von eingefrorenem Sperma, um Kinder zu zeugen, ist aber prinzipiell möglich.


Kinderwunsch
Intrauterine Insemination
Bei einer ausreichenden Anzahl an genügend beweglichen Spermien kann bei einem Kinderwunsch eine intrauterine Insemination (Samenzellübertragung mittels eines Katheters in die Gebärmutterhöhle der Frau) erfolgen. Jedoch ist die Anzahl der querschnittgelähmten Männer, die eine ausreichende Spermienqualität für diese Methode haben, gering.


Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)
Bei einer weniger guten Spermien-qualität, die aber noch einige mobile Spermien aufweist, kann eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt werden. ICSI ist eine Methode der künstlichen Befruchtung. Dabei wird die Samenzelle direkt in die Eizelle eingespritzt.
Durch assistierte Ejakulation (siehe nächster Abschnitt) und ICSI sind auch bei querschnittgelähmten Männern Kinderwünsche realisierbar geworden, da pro Eizelle nur noch ein mobiles Spermium benötigt wird.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) (Quelle: Kinderwunschzentrum Regio Basel)
Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) (Quelle: Kinderwunschzentrum Regio Basel)

Zur Beurteilung der Spermaqualität ist ein Spermiogramm (Untersuchung der Spermien unter dem Mikroskop und Analyse der Spermaflüssigkeit) erforderlich.

Gutes Spermiogramm
Gutes Spermiogramm
Schlechtes Spermiogramm
Schlechtes Spermiogramm

Eine Behandlung zur Verbesserung der Spermaqualität ist noch nicht bekannt.

Zur Gewinnung des Spermas kann eine Vibratorstimulation des Penis eingesetzt werden. Durch Vibratorstimulation an der Eichel kommt es bei intaktem sakralem Reflexbogen zur Ejakulation. Lässt sich keine Ejakulation auf diese Weise auslösen, bleibt die Möglichkeit einer Elektrostimulation durch den Enddarm. Dabei werden über Elektroden, die in den Enddarm eingeführt werden, bestimmte Nerven stimuliert, was zu einem Ausfliessen des Spermas führt. Die Methode ist nicht an den intakten sakralen Reflexbogen gebunden und kann daher auch bei einer Paraplegie mit Läsionshöhe unter L3 eingesetzt werden. Ist auch diese Methode erfolglos, können Spermien durch einen operativen Eingriff aus dem Gewebe des Hodens entnommen werden.

Häufig gestellte Fragen
Können die Medikamente, die ich jeden Tag einnehmen muss, Auswirkungen auf meine Libido haben?
Ja, es gibt Medikamente, von denen bekannt ist, dass sie die Libido vermindern. Wenn Sie das Gefühl haben, dass dies bei Ihnen der Fall ist, ist es allerdings wichtig, dass Sie nur in Rücksprache mit Ihrem Urologen Änderungen an Ihrer Medikation vornehmen. Nie selbständig einfach Medikamente weglassen!

Werden die Medikamente für die Behandlung der Erektionsstörungen von der Versicherung bezahlt?
Dies ist unterschiedlich geregelt. In der Schweiz werden die Tabletten in der Regel nicht bezahlt, die Spritzen (SKAT) hingegen schon.

Kann ich zu jedem Urologen gehen, wenn ich unter Erektionsproblemen leide oder ich und meine Partnerin uns Kinder wünschen?
Es empfiehlt sich, einen Urologen aufzusuchen, der grosse Erfahrung mit Querschnittlähmung besitzt. Am besten wenden Sie sich an Ihren behandelnden Urologen im Querschnittzentrum.

Referenz:

  • Ducharme, S.H. & Gill, K.M. (2006): Sexualität bei Querschnittlähmung. Antworten auf Ihre Fragen. Bern: Verlag Hans Huber.

Zur Autorin:

  • Therese Kämpfer ist Verantwortliche Patientenbildung in der Abteilung Pflegeentwicklung und Bildung am Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil/Schweiz, wo sie seit 1999 arbeitet. Sie ist Mitautorin der Standardwerke zu Querschnittlähmung "Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung" (Hrsg. Ute Haas) und "Paraplegie. Ganzheitliche Rehabilitation" (Hrsg. Guido A. Zäch & Hans Georg Koch).

aktualisiert: Dezember 2013