Schlägt das Schicksal übel zu, spricht man von «Zäsur». Hans, dem Paraplegiker, widerfährt das immer wieder

«Sie haben im Laufe Ihres Lebens gelernt, mit Zäsuren umzugehen», lobte ihn die klinische Psychologin. Hans besuchte sie, weil sie ihn aufgeboten hatte. Er verstand sie nicht. Entblössen mochte er sich freilich nicht. Er verschwieg auch, dass er tags zuvor Exit, der Sterbehilfeorganisation, beigetreten war.

Er hatte nun einen Grund, in seinem Elektrorollstuhl in die Klinikbibliothek zu fahren. Dort bat er Mara, die ihm schon öfter sehr angenehm aufgefallen war, um «das ‹Z› des grossen Lexikons». Sie brachte ihm Band 12 eines grossen Nachschlagewerks.

Er bedankte sich überschwänglich und fügte an: «Wissen Sie, ‹Z› wie Zäsur, dazu möchte ich was nachschauen.» Hans hatte seinen rechten Arm hochgelagert, konnte ihn und seine Hand kaum gebrauchen. «Soll ich dir helfen?», fragte sie ihn liebevoll. Sie duzte ihn. Das rührte Hans. Er entgegnete: «Gerne, liebe Mara.»

Zuvorkommend schlug sie ihm die gewünschte Seite auf. Hans las: «Zäsur, von lateinisch ‹caesura›, Einschnitt, Begriff aus der Verslehre und Musiktheorie, bildungssprachlich, Epochenwechsel, Lebensbruch.» Diese ersten Zeilen genügten ihm schon.

«Lebensbruch», das war es, was sie meinte. Hans lehnte sich zurück, sank in sich. Die Bizepssehne hatte er sich vorne beim Ellbogen gerissen. Dieses Unglück spülte ihn wieder mal in die Klinik. Er war zu viel unterwegs mit dem Handbike, von einem «degenerativen Ermüdungsriss» sprach der Orthopäde und nähte ihm die Sehne wieder an. Fünf Wochen hatte er den ganzen rechten Arm zu schonen, sich pflegen zu lassen wie ein Säugling. Vier hatte er schon hinter sich.

schulterverletzung

Nach Schulteroperationen sind Querschnittgelähmte wochenlang immobilisiert.

Wachsen oder untergehen?

Es kotzte ihn an, zermürbte ihn wie noch nie. Deshalb schloss er sich Exit an. Nun schlug ihm die Psychologin vor, diesen Sehnenriss als Lebensbruch zu betrachten – als einen von vielen, mit denen er angeblich umzugehen wusste.

Hans wusste vor allem, warum es so weit gekommen war: So viel, dass seine Sehne nicht mehr mithielt, radelte er erst, nachdem sie ihm vor einem Jahr gekündigt hatten. Seine berufliche Welt brach zusammen.

Zehn Jahre zuvor entriss ihm ein Krebsleiden Lisa, seine Frau. Es war zum Heulen. Er blieb zurück mit ihren gemeinsamen Kindern, dem siebzehnjährigen Sohn und der fünfzehnjährigen Tochter.

Damals redete niemand davon, sein Leben sei gebrochen, von «Zäsur» schon gar nicht. Vielmehr hiess es: «Es ist bitter, aber das Leben geht weiter». Es ging auch weiter, Hans stellte sich, suchte auch nach dem Rausschmiss eine neue Stelle, doch dann riss die Sehne.

Er arbeitete gerne als Bauzeichner. Ursprünglich hatte er Maurer gelernt. Diesen schönen Beruf übte er aus, bis er an einem nasskalten Freitag im November vor 14 Jahren vom Gerüst stürzte. «Paraplegie komplett auf Höhe Th6», lautete die Diagnose.

gebrochener stift

Den Eintritt einer Querschnittlähmung bezeichnen viele als «Zäsur», als Lebensbruch.

Immer wieder schneidet es ein

«Dein Leben beginnt neu», sprachen sie ihm in der Erstrehabilitation zu, auch das berufliche. So liess er sich zum Zeichner umschulen. Drei Jahre später fand er sich wieder bei seinen alten Kollegen, lieferte ihnen die Pläne, die sie brauchten.

Lisa hielt immer zu ihm: «Alles hat sich verändert, aber wir packen es.» Das trieb Hans auf. Umso tiefer stürzte er, als sie ihrer Krankheit erlag, nur ein Jahr, nachdem sich ihr Leben wieder schön eingependelt hatte.

Drei Jahre alt war sein Sohn, als Hans verunfallte. So alt war auch er, als sein Vater tödlich verunglückte, schoss es Hans durch den Kopf. Seine Mutter war es, die ihn grosszog. Ihr Leben war karg, und karg fühlte es sich im Elektrorollstuhl wieder an.

Ganz unrecht hatte sie nicht, diese Psychologin. Immer wieder brockte ihm das Leben was ein, vergällte ihm seine Freuden. Immer wieder konnte er es überwinden, doch dieses Mal war es ihm zu viel. Das Schicksal schnitt sich zu tief ein.

Mara kam und blickte ihm eindringlich in die Augen: «Schon eine Stunde sitzt du vor diesem Wälzer, brauchst du noch was?» «Dich», entfloh es Hans und errötete. Sanft klopfte sie ihm auf die Schulter, auf die linke.

«Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Ist das auch eine Zäsur?»

Mara strahlte ihn an, flüsterte: «Nein, das ist keine Zäsur. Das ist der Weg zu weiterem Lebensglück.»

Nun strahlte auch Hans wie schon lange nicht mehr.

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