Den Sinn von Aktivitäten zur Simulation von Behinderungen überdenken

Zum Thema Mitgefühl habt Ihr vermutlich schon so ähnliche Aussagen gehört:

«Eine andere Perspektive kann man nur haben, wenn man sich in die Lage eines anderen hineinversetzt. Nur dann kann man Mitgefühl lernen.»

junger mann im rollstuhl vor einer wand mit zitaten über empathie

Kann man Empathie durch Simulation einer Behinderung lernen? (Quelle: Facebook @empathymuseum)

Die Simulation von Behinderungen ist eine sehr beliebte Aktivität, um bei Nichtbehinderten das Bewusstsein und das Einfühlungsvermögen gegenüber Menschen mit Behinderung zu fördern. Während der Simulation können die Teilnehmenden erleben, wie es ist, mit bestimmten Behinderungen zu leben – für einen begrenzten Zeitraum und unter künstlichen Bedingungen. Ein klassisches Beispiel für eine Simulation ist, wenn Nichtbehinderte einen Rollstuhl benutzen. So sollen sie erfahren, wie schwierig es ist, sich fortzubewegen und Zugang zu erhalten.

Die Simulation von Behinderungen ist zweifellos eine Aktivität mit guten Absichten. Die Ergebnisse können jedoch unterschiedlich ausfallen – je nachdem, wie die Simulation durchgeführt wird.

Das Gesamtbild der Behinderung nicht im Blick

Derartige Simulationen sind unter Menschen mit Behinderung sehr umstritten, weil sie oft das Gesamtbild der Behinderung nicht berücksichtigen. Zum einen sind Behinderungen komplex und die gesundheitlichen Einschränkungen vielfältig. Es ist unmöglich, alle Arten von Behinderungen zu simulieren. Simulationen allein können kaum die ganze Wahrheit über eine Behinderung darstellen.

Zum anderen erlebt jeder Mensch seine Behinderung anders. Die Erfahrung hängt nicht nur von der Behinderung selbst und den damit einhergehenden Gesundheitsproblemen ab. Sie wird auch durch die Einstellung, das Lebensumfeld und die erhaltene Unterstützung der Betroffenen beeinflusst.

sichtbare und unsichtbare behinderungen

Es ist unmöglich, alle Arten von Behinderungen zu simulieren. Auch die persönlichen Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen sind sehr unterschiedlich – je nachdem, wie sie sich an ihre Behinderung anpassen und welche Unterstützung sie erhalten. (Quelle: Facebook @islandcrisiscaresociety)

Das generelle Problem von Behinderungssimulationen ist, dass die Teilnehmenden sehr wenig Zeit haben – einige Stunden bis zu einem Tag, und meist nicht regelmässig –, um das Leben mit ihrer vorübergehenden Behinderung zu erfahren. Was Menschen bei einer Behinderungssimulation erleben, entspricht daher eher den anfänglichen Schwierigkeiten bei Eintreten einer Behinderung, als den erfolgreichen Anpassungsprozessen. Zudem wissen diese Personen, dass sie wieder in ihr «normales» Leben zurückkehren werden – und können so niemals das endgültige Gefühl einer Behinderung nachvollziehen.

Fördern von Vorurteilen statt von Mitgefühl

In Studien wurden die Auswirkungen von Behinderungssimulationen und Empathieaktivitäten auf die Teilnehmenden untersucht – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Einer Studie zufolge hatte sich die Einstellung von Krankenpflegeschüler/-innen gegenüber Menschen mit Behinderungen nach der Empathieaktivität verbessert. In einer anderen Studie kam heraus, dass angehende Lehrer/-innen nach Teilnahme an einer Empathieaktivität mit höherer Wahrscheinlichkeit empathisch gegenüber Schüler/-innen mit Behinderungen waren und sich in Zukunft für sie einsetzen wollten.

Eine 2017 veröffentlichte Studie wies jedoch auf die unbeabsichtigten negativen Folgen von Behinderungssimulationen hin. Für diese Studie wurden 60 Studierende nach dem Zufallsprinzip in Simulationen zur Sensibilisierung für Legasthenie, Hörschäden oder Mobilitätseinschränkungen eingeteilt. Alle Teilnehmenden wurden vor und nach der Simulation zu ihrer Stimmung, ihren Vorstellungen und ihrer Einstellung zum Thema Behinderung befragt.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Behinderungssimulationen bei den Teilnehmenden ein negativeres Gefühl und mehr Angst vor einer möglichen eigenen Behinderung hervorriefen. Diejenigen Studierenden, die während des Experiments einen Rollstuhl benutzten oder Legasthenie simulierten, fühlten sich nach den Simulationen besonders ängstlich, verlegen und hilflos.

Wenngleich die Teilnehmenden mehr Mitgefühl für Menschen mit Behinderungen entwickelten, stimmten sie eher Aussagen zu wie «Ich bin dankbar, dass ich nicht so eine Last (der Behinderung) zu tragen habe» und «Mir macht der Gedanke Angst, dass ich eines Tages so enden könnte wie sie (Menschen mit Behinderungen)». Die Teilnehmenden fühlten sich auch weniger wohl damit, in Zukunft mit Menschen mit Behinderungen zu tun zu haben.

prinz william mit augenbinde beim bogenschiessen

Prinz William bei einer Blindheitssimulation: Aktivitäten zur Simulation von Behinderungen, an denen bekannte Persönlichkeiten beteiligt sind, können viel Aufmerksamkeit erregen. Allerdings könnte der Schuss nach hinten losgehen, wenn diese Simulationen Mitleid hervorrufen, anstatt Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen. (Quelle: BBC News)

Simulationen mit gezielter Anleitung

Die in der obigen Studie genannten negativen Folgen sind der Grund, warum Simulationsaktivitäten von Behindertenaktivist/-innen nicht besonders empfohlen werden. Dr. Arielle Silverman erklärt Simulationsaktivitäten näher.

Arielle ist seit Geburt blind und hat 2014 ihren Doktor in Sozialpsychologie gemacht. Nachdem sie sich mit Ansätzen zur Aufklärung der Öffentlichkeit über Behinderung beschäftigt hat, forscht sie im Bereich Behinderung und bietet Schulungen an, um ein akkurates Verständnis von Behinderungen und eine positive Anpassung an diese zu fördern.

Arielle hat nichts gegen Simulationen von Behinderungen. Sie weist aber darauf hin, dass bei vielen herkömmlichen Simulationen ein entscheidendes Element fehlt: die Techniken zur Bewältigung. Ihre Forschung deutet darauf hin, dass dies die Ängste und Nöte der Teilnehmenden vergrössert, was wiederum falsche Vorstellungen über Behinderung begünstigt. Damit eine Simulation zu positiven Ergebnissen führt, sollten die Teilnehmenden mit bestimmten Techniken vertraut gemacht werden, die ihnen helfen, die simulierte Behinderung zu bewältigen. Sie sollten lernen, dass Behinderung nicht gleichzusetzen ist mit Machtlosigkeit.

2017 veröffentlichte Arielle eine Forschungsarbeit, in der sie eine Simulationsaktivität für angehende Ergo- und Physiotherapeut/-innen entwickelte. Die Auszubildenden mussten dabei alleine von einem Stuhl in einen manuellen Rollstuhl transferieren und durch den Raum fahren. Sie wurden auch gebeten, ein Sandwich mit ihrer nicht-dominanten Hand und einer Reihe von Hilfsmitteln zuzubereiten. Die Aktivität war bewusst so angelegt, dass die Auszubildenden die Aufgaben ohne grosse Schwierigkeiten bewältigen konnten, indem sie Anweisungen zu Bewältigungstechniken erhielten.

Das Ergebnis: Nach der Simulation waren die Auszubildenden eher der Meinung, dass Menschen mit Behinderung sich selbst als glücklich und gesund ansehen. Zudem führte die Erfahrung mit den wirksamen Techniken dazu, dass sie das Leben mit einer Behinderung positiver bewerteten.

Andere Wege, um das Bewusstsein für Behinderung zu stärken

In einem anderen Artikel schlägt die Behindertenaktivistin Zara Todd Alternativen vor, die besser funktionieren könnten als Behinderungssimulationen. Sie empfiehlt zum Beispiel Fallstudien von Menschen mit Behinderungen als besseren Weg, um mehr über deren Leben, Einschränkungen und Ungleichheiten zu erfahren. Sie erwähnt, dass gemeinnützige Organisationen wie das European Network on Independent Living echte Geschichten von Menschen mit Behinderungen aus einer menschenrechtsbasierten Perspektive erzählen.

Auf dessen YouTube-Kanal findet ihr Videos mit Erfahrungsberichten wie das folgende. Es wurde von Mitarbeitenden von Handi-Social erstellt, einer Behindertenorganisation in Frankreich. Menschen berichten, welchen Herausforderungen punkto Zugänglichkeit sie sich jeden Tag stellen müssen. Sie zeigen auch die Ungerechtigkeiten auf, mit denen sie konfrontiert werden, wenn sie für ihre Menschenrechte kämpfen.

Es gibt auch eindrückliche Videos wie die folgenden, die in den sozialen Medien Aufmerksamkeit erregen und weltweit zu Gedanken und Diskussionen über Behinderung anregen können:

Natürlich wäre der persönliche Kontakt mit Betroffenen, wann immer möglich, weiterhin der beste Weg, um etwas über Behinderungen zu erfahren. Falsche oder negative Annahmen über Menschen mit Behinderung gehen auf einen Mangel an Kommunikation und sozialer Interaktion zurück. Die Gesellschaft inklusiver zu gestalten, wäre effektiver und sinnvoller als jede Simulation – welche den Menschen nur vorübergehende und unrealistische Möglichkeiten bietet, etwas über Behinderungen zu lernen. Inklusion ist auch ein Menschenrecht, für das wir weiter kämpfen sollten, wie die Vereinten Nationen betonen:

«Inklusive Gesellschaften erkennen die Vielfalt ihrer Mitglieder an und richten ihre Entwicklungspolitik danach aus, und sie ermöglichen allen Menschen unabhängig von ihrem Status vollständige Inklusion und Teilhabe.»

Wie sind Eure Erfahrungen mit Behinderungssimulationen? Wie kann man Bewusstsein und Empathie gegenüber Menschen mit Behinderung am besten fördern?

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