Welche Übungen empfehlen Wissenschaftler für Menschen mit Querschnittlähmung?

Autorin der Zusammenfassung: Sarah Ellman (Schweizer Paraplegiker-Forschung)

Originalartikel: Tweedy SM, Beckman EM, Geraghty TJ, Theisen D, Perret C, Harvey LA, et al. Exercise and sports science Australia (ESSA) position statement on exercise and spinal cord injury. Journal of Science and Medicine in Sport. 2017;20(2):108–15.

Die Organisation Exercise and sports science Australia (ESSA) veröffentlichte evidenzbasierte Empfehlungen zur Entwicklung eines sicheren und effektiven Trainingsprogramms für Erwachsene mit chronischer Querschnittlähmung.

Mehr als 2 Millionen Menschen weltweit leben mit einer Querschnittlähmung (QSL). Am häufigsten betroffen sind Männer zwischen 18 und 32, Menschen über 65 und Industrieländer mit alternder Bevölkerung. Eine QSL beeinträchtigt die körperliche Funktionsfähigkeit (z. B. das Herz-Kreislauf- und Atemsystem), die Person an sich (z. B. beim Laufen und Heben) sowie in gesellschaftlicher Hinsicht (z. B. Arbeitssituation und Teilhabe an sportlichen Aktivitäten).

Leider zeigt die Evidenz, dass Menschen mit QSL sich sehr wenig bewegen. Dieser Bewegungsmangel erhöht ihr Risiko für vermeidbare Krankheiten. Regelmässiges Training verringert das Risiko und kann die funktionale Unabhängigkeit und Teilhabe an Aktivitäten des täglichen Lebens steigern. Aber wie viel Training ist tatsächlich wirksam?

Was war das Ziel der Studie?

Die ESSA veröffentlichte eine sogenannte Stellungnahme. Ihr Ziel war es, Gesundheitsexperten evidenzbasierte Empfehlungen zur Verfügung zu stellen, um sichere und effektive Trainingsprogramme für Erwachsene mit chronischer QSL (d. h. die Verletzung liegt mind. sechs Monate zurück) zu entwickeln.

Die Stellungnahme bezieht sich auf Übungen für Menschen, die einen Rollstuhl mit Handantrieb nutzen. Viele der zur Verfügung gestellten Informationen sind auch von Bedeutung für Querschnittgelähmte mit schwerwiegenderen Bewegungseinschränkungen (die einen Elektrorollstuhl benutzen) und weniger beeinträchtigte Querschnittgelähmte (die laufen können). Der Fokus liegt auf Übungen, bei denen willkürliche, aktive Muskeln eingesetzt werden und keine unterstützende Technologien (z. B. Laufbandtraining mit Körpergewichtsentlastung oder Elektrostimulation).

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Die Wissenschaftler führten eine sogenannte Literaturanalyse durch: Aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Artikeln sammelten sie Belege für Empfehlungen in Bezug auf Trainingsprogramme für Menschen mit QSL. Ihre Empfehlungen zu Kraftübungen stimmten mit denen der Weltgesundheitsorganisation für die Allgemeinbevölkerung und mit einer QSL-spezifischen Richtlinie überein. Die Empfehlungen zu Beweglichkeitsübungen basierten auf zwei QSL-spezifischen Veröffentlichungen und Studien zur Allgemeinbevölkerung.

Was haben die Forscher entdeckt?

Den Wissenschaftlern zufolge sollten die folgenden Punkte bei der Entwicklung eines Trainingsprogramms für Menschen mit QSL berücksichtigt werden:

  • Motorische, sensorische und autonome Auswirkungen von QSL:

Im Falle einer kompletten Lähmung ist die Funktionsfähigkeit in der Regel vorhersagbar und nimmt zu, je tiefer die Läsionshöhe liegt. Im Falle einer inkompletten Lähmung lässt sich die Funktionsfähigkeit jedoch nicht vorhersagen, selbst bei identischer Läsionshöhe. Die Funktionsfähigkeit einer Person mit QSL hängt nicht nur von der Läsionshöhe und Vollständigkeit der Lähmung ab, sondern auch von Alter, Bewegungspensum und Begleiterkrankungen wie Spastik, Kontrakturen und Schmerzen.

  • Körperliche Belastbarkeit von Menschen mit QSL:

Viele querschnittgelähmte Menschen können die unteren Extremitäten nicht bewegen und sind bei Übungen auf die oberen Extremitäten angewiesen, z. B. beim Anschieben des Rollstuhls oder Verwenden der Armkurbel. Leider wirkt sich Training mit den oberen Extremitäten bei weitem nicht so positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus wie mit den unteren. Zudem verfügen Tetraplegiker über weniger Muskelmasse und eine verminderte Atemfunktion, so dass sie deutlich weniger belastbar sind als Paraplegiker.

  • Positive Auswirkungen von Bewegung:

Zwei Vorteile von Training für Menschen mit QSL: Es stärkt das Herz-Kreislaufsystem wie auch die Muskelkraft. Darüber hinaus wirken sich regelmässige Aerobic-Übungen positiv aus auf: körperliche Funktionsfähigkeit und funktionale Unabhängigkeit; Aktivitäten des täglichen Lebens; Knochengesundheit; psychische Gesundheit; und das Risiko kardiometabolischer Erkrankungen.

Menschen mit QSL leiden vier Mal häufiger an Depressionen als die Allgemeinbevölkerung und ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität ist wesentlich geringer. Training kann Depressionen vorbeugen und die Lebensqualität von querschnittgelähmten Menschen steigern.

  • Übungsempfehlungen:

Das Krankheits- und Sterberisiko ist wahrscheinlich deutlich höher bei Querschnittgelähmten, die nur 40 Minuten mässiges Aerobic-Training pro Woche absolvieren (wie in anderen Richtlinien empfohlen), im Vergleich zu denen, die 150 Minuten pro Woche trainieren (wie in dieser Stellungnahme empfohlen – siehe Tabelle unten). Bei 150 Minuten Training liegt das Risiko viel näher an dem Niveau, das für die Allgemeinbevölkerung als akzeptabel gilt. Im Detail lauten die Empfehlungen wie folgt:

Aerobic-Übungen      

≥ 30 Minuten mässiges Aerobic-Training an ≥ 5 Tagen pro Woche

oder

≥ 20 Minuten intensives Aerobic-Training an ≥ 3 Tagen pro Woche

Muskelkraft

≥ 2 Tage pro Woche, inklusive Schulterblattstabilisatoren und hinterer Schultergürtel

Beweglichkeit

≥ 2 Tage pro Woche Beweglichkeitstraining, inklusive Schulterrotatoren  

Was bedeuten diese Ergebnisse?

Beim Erstellen von Trainingsrichtlinien für Menschen mit QSL sollten Ärzte auch Faktoren wie Ursache der QSL, Zeit seit der Verletzung, Muskellähmungen, Tenodese-Griff, autonome Dysreflexie, orthostatische Hypotonie, Wärmeregulierungsfunktion, sensorische Beeinträchtigungen und Spastik einbeziehen. Werden diese Faktoren bei der Erstuntersuchung berücksichtigt, lassen sich Sicherheit und Effektivität des Trainingsprogrammes steigern.

Die empfohlenen Übungen können für inaktive Menschen mit QSL sehr anspruchsvoll sein. Daher sollten Ärzte die Personen in folgende Kategorien einteilen: „Anfänger“, „fortgeschrittene Anfänger“ und „Fortgeschrittene“. Massgeschneiderte Programme helfen ihnen dabei, die Empfehlungen in der klinischen Praxis adäquat umzusetzen.

Wer hat die Studie durchgeführt?

Bei dem wissenschaftlichen Artikel handelt es sich um eine offizielle Stellungnahme der Organisation Exercise & Sports Science Australia mit Sitz in Ascot/Queensland. Die hauptsächlich beteiligten Forscher kamen von der Universität Queensland in Australien und der KU Leuven in Belgien. Einer der Forscher war am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil/Schweiz.

[Übersetzung des originalen englischen Beitrags]

Kommentare (1)

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Das ist ein interessanter Beitrag. Was für Übungen empfehlen denn die Autoren konkret, und zwar für einen Tetra, der in einem Handrollstuhl gut zurecht kommt. Das Spektrum ist ja beschränkt. Die Übungen, die ich mir mal selbst "verordnet" habe,...
Das ist ein interessanter Beitrag. Was für Übungen empfehlen denn die Autoren konkret, und zwar für einen Tetra, der in einem Handrollstuhl gut zurecht kommt. Das Spektrum ist ja beschränkt. Die Übungen, die ich mir mal selbst "verordnet" habe, sind mir längst verleidet. Neu Impulse würden mir sehr helfen.
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