Leistungssport ist riskant, gar kein Sport ebenfalls. Gut sind gemeinschaftliche Aktivitäten ohne grossen Leistungsdruck.

«Sport ist Mord», spotten die Anti-Sportler, die sich lässig über die Notwendigkeit von Leibesübungen hinwegsetzen. Ihnen gegenüber stehen die Leistungssportler, von denen es einige Wenige an die Weltspitze schaffen. Sie lassen sich vom Siegeswillen treiben. Sich selbst und ihren Anhängern wollen sie beweisen, dass sie erreichen, was sie sich vorgenommen haben.

Auf dieses Ziel richten sie ihre gesamte Lebensgestaltung aus. Das erfordert eiserne Disziplin und hartes Training. Auf diesem Weg verzichten sie über Jahre auf manche Vergnüglichkeit und auf andere berufsorientierte Aktivitäten. Zudem nehmen sie erhebliche Risiken auf sich.

Die meisten landen schlussendlich nicht auf Platz eins, sondern auf «eins mit null», nämlich Platz 10, ebenfalls eine Superleistung, nach der aber kein Hahn kräht. Ruhm, Ehre und Geld gibt’s nur für die ersten drei. Was mit allen anderen geschieht, interessiert kaum jemanden. Auf längere Sicht ist ein solcher Verlauf weder beruflich noch finanziell verlockend.

platz 3 und 4

Gnadenlos wird ausgeschieden. Schon Platz 4 interessiert niemanden mehr.

Dazu riskieren Spitzensportler, sich physisch zu übernehmen, sich schwer zu verletzen, bis hin zu Schädel-Hirn-Trauma, Querschnittlähmung oder Herzstillstand. Leistungssport ist wahrlich gefährlich! In der SRF-Sendung «Sternstunde Philosophie» vom 12. Januar 2020 äusserten sich Ines Geipel, ehemalige DDR-Spitzenleichtathletin, und Dominique Gisin, Ski-Abfahrtsweltmeisterin von 2014, zu Fragen rund um den Spitzensport. Geipel hat ihre Medaille zurückgegeben, weil sie sich in der DDR staatlich verordnet dopen lassen musste.

Im Rollstuhlsport geht’s wohl (noch) etwas gnädiger zu. Trotzdem geben die Verletzungen und Überbelastungen, namentlich des Schultergelenks, zu denken. Der Weg zum Triumph ist in jedem Fall steinig und steil.

Auf der anderen Seite des Spektakels sind die Zuschauer. Bei Bier und Bratwurst lassen sie sich unterhalten, sei’s im Polstersessel zu Hause oder im Stadion, zum Beispiel in Olympia bei den alten Griechen. Auch dort gafften viele, wie sich die splitternackten Wettkämpfer verausgabten, und verlustierten sich dabei. Gesund ist das ebenfalls nicht.

athleten in der antike

Bei den antiken Olympischen Spielen wurde nur der Sieger gefeiert, heutzutage immerhin auch der Zweite und Dritte. (Quelle: Marie-Lan Nguyen, Wikimedia CommonsCC BY 2.5)

Vor lauter rekordverdächtigen Wettkämpfen haben wir vergessen, dass sportliche Aktivitäten kontemplativ und künstlerisch sein können. Tanz, Ballett, Spielen, Geschicklichkeitsübungen, ja selbst Fensterputzen, Bohnern oder Kochen sind im Grunde angewandter Sport.

Nicht allen von uns Rollstuhlfahrern sind solche Aktivitäten möglich. Den Rollstuhl können wir jedoch als Turngerät benützen, im Alltag tun wir das sowieso. Jeder Meter, den wir abrollen, ist eine zumindest halbwegs sportliche Spazierfahrt. Wir vollbringen mit jedem Transfer, jedem Aufstützen, der Körperpflege, dem An- und Ausziehen sportliche Leistung. Wir können sogar versuchen, uns in diesen Verrichtungen zu verbessern, sie zu trainieren, um sie noch perfekter zu beherrschen.

rollstuhl turngerät

Sport in unserem Alltag: Unser Rollstuhl ist auch ein Turngerät.

Vielleicht etwas leichter und (fast) allen zugänglich sind meditative Techniken, wie wir sie aus Indien, China, Vietnam und anderen Ländern kennen. Bewegungen, meist Dehn- und Beugeübungen liegen ihnen zugrunde, ein eigentliches Körpertraining. Dazu gehört auch der Atem, die einzige vegetative Funktion, die Menschen selbst steuern können – in aller Regel auch wir, trotz Rückenmarksverletzung.

Wir selbst – und nicht nur das vegetative Nervensystem – geben dann bewusst den Atemrhythmus vor und beeinflussen so unser Wohlbefinden. Die banalsten Regeln, die wie wir alle seit Kindesbeinen kennen, sind «ruhig atmen», «mal durchatmen», «tief einatmen». Für gewöhnlich gilt: Lange einatmen spannt an, verspannt uns schon fast, lange ausatmen hingegen entspannt und entkrampft. Indirekt wirken wir damit auch auf Puls und Blutdruck ein. Wir verändern den Energiefluss und frischen uns auf. Wer mag, steigt dabei auch in kosmische Sphären auf, unbedingt nötig ist es nicht.

Vergessen haben wir auch, dass Sport die Menschen vereint, wenn wir den Wettbewerbsgedanken ausblenden. Deshalb glauben wir heute, dass wir die Geselligkeit nur im Wirtshaus oder beim Kaffeekränzchen pflegen können. Dabei könnten wir genauso gemeinsam sportlichen Betätigungen nachgehen, ohne uns dem Leistungsdruck auszusetzen.

frau beim rollstuhlrugby

Sport sollte die Menschen auch vereinen. Erst recht der Mannschaftssport.

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