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Alltag & Mobilität

Rollstuhl – historische Entwicklung, Rollstuhlarten und neueste Modelle

Was früher einer Schubkarre glich, ist heute ein hochtechnologisches Hilfsmittel. Wie hat sich der Rollstuhl entwickelt? Welche Rollstuhlarten und neuen Technologien gibt es?

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind schätzungsweise ein Prozent der Weltbevölkerung, also rund 80 Millionen Menschen, auf einen Rollstuhl angewiesen – Tendenz steigend.

Was war vor dem Rollstuhl?

Vor der Erfindung des Rollstuhls wurden Gelähmte oder Adlige auf Sänften getragen. Sie bestanden aus einer Art Kiste, in der sich ein Stuhl befand. Seitlich daran befestigt waren zwei Stangen, die den vier Helfern zum Heben und Tragen dienten.

Seit wann gibt es Rollstühle?

Die ersten historischen Nachweise von fahrbaren Möbelstücken stammen aus dem 6. bis 5. Jahrhundert von Christus: eine Inschrift auf einer chinesischen Steintafel und die Darstellung eines Kinderbetts mit Rollen auf einer griechischen Vase. Drei Jahrhunderte später gab es in China erste Zeugnisse von Sitzen mit Rollen, die (auch) zum Transport von Menschen mit Behinderung eingesetzt wurden. Auch in Rom wurden Artefakte aus der Antike gefunden.

Lange Zeit wurde zwischen Personen und schweren Objekten kein Unterschied gemacht, beide wurden mit Schubkarren transportiert. Erst ab dem Jahr 525 nach Christus tauchten in der chinesischen Kunst Darstellungen von Rollstühlen auf, die speziell für den Personentransport konzipiert waren.

In der Mitte der Schwarz-Weiss-Zeichnung sitzt ein Mann mit Bart in einem Sessel mit Rädern, der von einem Helfer geschoben wird. Links sind drei Kinder zu sehen, eines davon verbeugt sich vor dem Mann im Rollstuhl. Alle tragen chinesische Gewänder, die Szene spielt sich in der Natur ab.

Die Zeichnung aus dem chinesischen Buch «Xiao er lun» (Dialog mit einem Kind) zeigt Konfuzius (ca. 551–479 v. Chr.) in einer Art Handkarren. Ein solches Transportmittel aus dieser frühen Zeit ist nicht belegt, es dürfte dem Künstler aus der frühen Qing-Zeit (1680) vertraut gewesen sein. (Bild: unbekannter chinesischer Künstler, gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Kriege im Mittelalter als Antrieb für Rollstuhl-Innovationen

Die Feldzüge und Kämpfe in den Jahren 500 bis 1'500 forderten zahlreiche Schwerverletzte. Diese wurden mit einer Art Schubkarre aus den Kriegsgebieten geborgen. Damals waren Hilfsmittel jedoch nur wohlhabenden Gesellschaftsschichten vorbehalten. Zudem war technisches Wissen im Mittelalter kaum vorhanden – umso wichtiger war der kreative Erfindergeist.

Die Skizze zeigt eine Person in einem hohen Gerät mit Fahrerkabine, zwei grosse Räder hinten, zwei kleinere vorne. Der rot gekleidete Fahrer zieht an einem Seil, das über zwei flaschenzugartige Winden und ein grosses Zahnrad vor ihm das Gefährt in Bewegung setzt.

Um 1420 entwarf Giovanni Fontana aus Padua einen Rollstuhl mit Seilwinden: funktionell, aber schwierig zu manövrieren und viel zu schwer. (Bild: Giovanni Fontana, gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Der erste Rollstuhl für einen König im 16. Jahrhundert

1595 wurde der sogenannte «Invalidenstuhl» von einem flämischen Edelmann für den König von Spanien Philipp II. entwickelt, der an Gicht litt. Es handelte sich um eine Art mobiler Thron mit kleinen Rädern, gebaut aus Holz, Leder und Eisen. Zudem verfügte das rollstuhlähnliche Gefährt über verstellbare Fuss- und Armlehnen. Der schwer zu manövrierende Stuhl wurde von Wächtern geschoben.

Der weltweit erste selbstfahrbare Rollstuhl

1655 baute der damals 22-jährige Uhrmacher Stephan Farfler aus Nürnberg den ersten selbstfahrbaren Rollstuhl. Farfler, der Kinderlähmung hatte, erfand eine ausgeklügelte Mechanik, die mit heutigen Handbikes vergleichbar ist: ein dreirädriger Rollstuhl, dessen Handkurbel am Vorderrad ein System aus Zahnrädern in Bewegung setzte.

Die Schwarz-Weiss-Zeichnung zeigt ein dreirädriges Fahrzeug aus Holz. Ein Mann in schwarzer Kleidung mit weissem Kragen und schulterlangen Haaren sitzt auf der Rückbank und dreht an den Kurbeln, die an einem viereckigen Kasten oberhalb des Vorderrads angebracht sind.

Selbstfahrbarer Rollstuhl des gelähmten Uhrmachers Stephan Farfler aus dem Jahre 1655. (Bild: Autor/-in unbekannt, gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Rollstühle wie Minikutschen

Der sogenannte Bath Chair wurde zwischen 1750 und 1783 von den Briten James Heath und John Dawson erfunden bzw. weiterentwickelt. Die Erfinder tauften den Stuhl nach ihrer Heimat, dem englischen Kurort Bath. Während dem viktorianischen Zeitalter (1837–1901) verdrängte der Bath Chair die Sänfte als beliebtestes Fortbewegungsmittel in Grossbritannien und wurde bis Anfang des 20. Jahrhunderts verkauft.

Anfänglich war der Stuhl vierrädrig und wurde von einem Esel oder Pony gezogen. Später konnte eine Hilfsperson das Schieben des dreirädrigen Gefährts übernehmen. Einige Modelle verfügten auch über eine Steuerung. Im Londoner Science Museum ist der Pony Bath Chair für Queen Victoria ausgestellt, der von Ponys gezogen wurde.

Die Schwarz-Weiss-Zeichnung zeigt einen Bath Chair aus dem Jahr 1911. Das Fahrzeug mit zwei grossen Speichenrädern hinten und einem kleinen, lenkbaren Rad vorne verfügt über ein klappbares Verdeck. Die Sitzfläche ist weich gepolstert. Hinten steht ein Mann in Anzug und Hut, der das Gefährt schiebt.

Der Bath Chair war für Damen und Kranke gedacht, erfreute sich jedoch bei Männern und Frauen aller Altersgruppen grosser Beliebtheit. (Bild: anonymer/unbekannter Autor, gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Der Rollstuhl als Privileg der Reichen

Im 17. Jahrhundert war der Rollstuhl vermögenden Menschen der Oberschicht vorbehalten. Auch für die Bauweise eines Rollstuhls war der soziale Status zentral: Die Lehne eines Stuhls oder Sessels entsprach der gesellschaftlichen Position der Sitzenden. Der Rollstuhl fürs gemeine Volk durfte somit keine hohe Lehne haben, sodass ein wesentlicher orthopädischer Effekt wegfiel.

Eine Art Strandliege aus hellem Holzgeflecht ist hinten auf zwei grossen schwarzen Speichenrädern befestigt. Die Fussstütze ist geschwungen und reicht bis über das kleinere Speichenrad vorne. An der Rückenlehne ragen zwei Griffe zum Schieben heraus.

Bei diesem Schieberollstuhl, erbaut um 1870, wurde auf die Armlehnen verzichtet. Für Komfort sorgt die integrierte Sitzfederung. (Bild: Original aus der Sammlung «historische Rollstühle» der Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Der elegante Rollstuhl aus braunem Massivholz und hellem Geflecht ist mit dunkelbraunem Leder an Kopfteil und Armlehnen versehen. Die Füsse können auf einem ausladenden Vorbau abgestellt werden. Die Speichenräder bestehen aus massivem Holz und Gummi. Ein Schiebegriff umfasst hinten die hohe Lehne, darunter ist ein kleines Speichenrad.

Um 1890 wurde der Schieberollstuhl neu konzipiert: Das kleine Rad befindet sich hinten, die Fussauflage ist verstellbar und das Kopfteil abnehmbar. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Die amerikanische Casinostadt Atlantic City sorgte 1887 für Aufsehen: Damit auch gehbehinderte Touristinnen und Touristen am Flanieren an der Uferpromenade teilnehmen konnten, bot die Stadt dekorierte Mietrollstühle inklusive Diener zum Schieben an. Dieses Angebot wurde jedoch auch von gut betuchten (und gehfaulen) Touristen genutzt.

Die Rollstuhlversion besteht aus einem Holzgestell mit langen, geschwungenen Bügeln vorne, die zum Ziehen genutzt werden. Die Armlehnen sind mit geschwungenen Formen verziert. Der Sitz besteht aus einem Stoff mit rot-grünem Blumenmuster. Unterhalb des Sitzes sind zwei grosse Metall-Speichenräder, hinten zwei Miniräder zur Stütze.

Diese filigrane und leichte Roll-Rikscha wurde ebenfalls um 1890 erbaut. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Der beige, geflochtene Sessel mit dominanten Armstützen hat eine flache Fussstütze, die zum Abschluss bogenförmig über das kleinere Vorderrad ragt. Unterhalb des Sessels sind Sitzfederung und die grossen Speichenräder mit ebenfalls beiger Felge, hinten ragen zwei braune Holzgriffe zum Schieben heraus.

Dieser elegante Schieberollstuhl stammt etwa aus dem Jahr 1900 und besteht aus einem Stahlrahmen mit Speichenrädern und einem darauf montierten Weidengeflecht – Sitzfederung und Armauflage inklusive. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Rollstuhlentwicklung im 19. Jahrhundert: leichter und komfortabler

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) kamen vermehrt Rollstühle zum Einsatz, meist hölzerne mit Rückenlehnen aus Schilfrohr. 1869 wurde in den USA der erste Rollstuhl mit kleinen Rollen vorne und einem Rad im hinteren Bereich patentiert.

Zwischen 1867 und 1875 wurden die Räder mit Gummi versehen, ähnlich wie die Räder mit Metallfelgen von Fahrrädern. Ein Meilenstein war die Erfindung der Greifreifen im Jahr 1881. Sie ermöglichten den Selbstantrieb für Nutzerinnen und Nutzer und lösten das Problem von schlammverschmutzten Händen.

Um 1900 wurden erstmalig Rollstühle mit Drahtspeichenrädern, verstellbaren Rückenlehnen und beweglichen Arm- und Fussstützen ausgestattet. Zudem kamen leichte Modelle auf den Markt, deren Korbgeflechte auf einen Metallrahmen montiert wurden.

Der braune Holzstuhl besitzt eine kreisrunde, halbhohe Rückenlehne, die wie die Sitzfläche mit braunem Leder gepolstert ist. Als Fussablage wurde ein Holzbrett mit niedrigem Rand an den vorderen Stuhlbeinen befestigt. Damit der Stuhl fahrbar wird, sind zwei grosse, dunkle Speichenräder und ein kleineres Speichenrad hinten montiert.

Wie’s der Name sagt: Der Zimmerrollstuhl war für den Gebrauch im Innenbereich. Für das abgebildete Modell wurde um 1910 ein Stuhl zu einem Rollstuhl umgebaut. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Von handbetriebenen Rollstühlen …

Menschen, die die Räder ihres Rollstuhls aufgrund ihrer Einschränkung nicht selbst drehen konnten, waren auf die Hilfe einer schiebenden Person angewiesen. Ein Problem, das gelöst werden wollte.

Viele französische Soldaten kehrten nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) mit Gehbehinderungen nach Hause zurück. 1917 starteten Joseph Monet und Adrian Goyon die Produktion ihrer Velocimane-Modelle. Die Nachfrage nach ihren «Versehrtenfahrzeugen mit Handbetrieb» war riesig.

Dieser Rollstuhl erinnert an ein dreirädriges Fahrrad: Am vorderen Speichenrad ist eine Gabel mit Lenker und Handkurbel befestigt. Das Fahrgestell aus Metall verfügt über eine hölzerne Bodenplatte als Fussablage. Oberhalb ist ein dunkler, geflochtener Sitz mit niedrigen Armstützen und einer halbhohen, abgerundeten Rückenlehne. Oberhalb der beiden grösseren Speichenräder hinten befindet sich eine praktische, offene Transportkiste aus dunklem Holz.

Der französische Hersteller Monet et Goyon erbaute um 1920 den Selbstfahrer mit Handkurbel. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Ob sich die Mitarbeiter der Technischen Universität Wien für ihre Entwicklung K.U.R.T. von diesem Selbstfahrer mit Handkurbel inspirieren liessen?

Hebelangetriebene Rollstühle, sogenannte Handbetriebs-Selbstfahrer, wurden häufig mit Differenzial- und Schaltgetriebe ausgerüstet. Diese Fahrzeuge waren vor allem bei Kriegsveteranen begehrt, da sie damit nicht nur grosse Entfernungen, sondern auch kleinere Hindernisse überwinden konnten.

Die Rückenlehne des länglichen Sessels ist leicht nach hinten geneigt und besitzt Armlehnen. Die Beinauflage ist eine Art Kiste mit drei Rändern, direkt am Sessel befestigt. Sessel und Beinauflage sind aus braunem Holz mit schwarzer Umrandung. Das Fahrgestell aus schwarzem Metall wirkt dominant und technisch: zwei grosse Speichenräder vorne, ein kleineres hinten, alle mit Schutzblech. Seitlich befinden sich zwei Hebel mit Holzgriffen, die für den Antrieb sorgen.

Dieser Hebelselbstfahrer mit Baujahr um 1930 verfügt über eine verstellbare Beinauflage und eine Rückenlehne. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

… über erste Prototypen von selbstfahrenden Rollstühlen …

1915 prüften Hersteller die Möglichkeit von selbstfahrenden bzw. motorisierten Rollstühlen – mit mässigem Erfolg.

Die technische Zeichnung des Erfinders zeigt verschiedene Ansichten des Motors sowie den elektrischen Rollstuhl in Seitenansicht. Alle Teile sind mit Buchstaben oder Nummern versehen.

Die Konstruktion des Erfinders Elieson Chaimsonovitz Prosper ist 1915 eines der ersten Patente für einen elektrischen Rollstuhl. (Bild: https://www.epo.org)

Der Schweizer Elektrofahrzeughersteller A. Tribelhorn & Cie. AG erhoffte sich nach dem Ersten Weltkrieg einen Trend für elektrische Rollstühle. Trotz intensiver Werbemassnahmen in den grossen europäischen Metropolen blieben die Aufträge für sein neuentwickeltes Tribelhorn-Elektrodreirad unter den Erwartungen; die Fahrzeuge waren zu teuer.

Das Schwarz-Weiss-Foto zeigt einen Herrn, der auf einer Art geflochtenem Sessel auf einem Dreirad sitzt. Der Mann in schwarzem Anzug und Baskenmütze steuert das elektrisch betriebene Gefährt mit einem langen Hebel, der das kleinere Vorderrad bewegt. Der Motor befindet sich unter dem Sitz zwischen den beiden Hinterrädern.

Frühe Anwendung eines Tribelhorn-Elektrodreirads als «Behindertenfahrzeug», ungefähr um 1920. (Bild: Nachlass Tribelhorn, Elektrofahrzeug Ag, Neue Elektrofahrzeug Ag, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Zwischen 1920 und 1949 produzierte die französische Firma Monet et Goyon das motorisierte Dreirad Automouche, die Weiterentwicklung ihres Selbstfahrers mit Handkurbel. Das Fahrzeug war auch als Tandem erhältlich, wobei der Soziussitz für den Passagier bis 1925 nach hinten ausgerichtet war. Ende der zwanziger Jahre wurden die Korbsitze durch Ledersitze ausgetauscht.

Das schwarze Moped besitzt hinten zwei, vorne ein Speichenrad. Auf dem hinteren Teil über dem Motor sind zwei helle Korbstühle montiert, der Beifahrersitz nach hinten, der Fahrersitz nach vorne. Das Gefährt steht auf einem Kiesplatz, rechts ist ein Brunnen, links eine Wiese zu sehen.

Das «Automouche» von Monet et Goyon aus dem Jahr 1923 mit einem Hubraum von 250 ccm und dem typischen Korbstuhl. (Bild: Hannes Denzel, http://benzinradl.at)

… bis zum ersten falt- und tragbaren Rollstuhl aus Stahl …

1932 bauten die beiden Maschinenbauingenieure Harold C. Jennings und sein querschnittgelähmter Freund Herbert Everest den ersten Faltrollstuhl. Dieser 25 Kilo leichte Klappstuhl in X-Form bestand aus rohrförmigem Stahl und liess die schweren Holzgefährte sprichwörtlich alt aussehen. Das X-Design wird bis heute verwendet.

Der faltbare Rollstuhl mit zwei klappbaren Fussstützen besteht aus glänzendem Metall. Die Sitzfläche, die Arm- und Beinpolster sowie die Griffe an der Rückenlehne sind rot. Vorne sind zwei grosse Speichenräder mit schwarzen Gummireifen und Greifringen aus Metall, hinten zwei kleine Räder.

Der Faltrollstuhl der Firma Everest & Jennings revolutionierte den Rollstuhlmarkt. Das abgebildete Modell wurde um 1980 in den USA und in Deutschland verkauft. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

… und zum ersten marktfähigen Elektrorollstuhl

Obwohl die Idee eines Elektrorollstuhls als unrealistisch galt, beauftragte die kanadische Regierung 1950 den Ingenieur George Klein, eine praxistaugliche Lösung zu entwickeln. Ziel war es, die Mobilität von Menschen mit Tetraplegie zu gewährleisten, insbesondere für Veteranen des Zweiten Weltkriegs (1939-1945).

Der erste elektrisch betriebene Rollstuhl war ein Durchbruch und die Nachfrage enorm, sodass die Firma Everest & Jennings dieses Dreirad ab 1956 in Serie produzierte. Auch Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill gehörten zu ihren prominenten Kunden.

Apropos: Das Unternehmen als erster Massenhersteller von Rollstühlen dominierte den Markt lange Zeit. Das US-Justizministerium warf der Firma eine zu hohe Preisfestsetzung vor und legte 1977 Kartellklage gegen sie ein.

Zu Beginn wurden die Elektrorollstühle «elektrische Stühle» genannt, bis Marketingfachleuten klar wurde, dass ihr Produkt als Hinrichtungsmaschine wahrgenommen wurde.

Früher wurden Elektrorollstühle mit Riemen angetrieben, die die Kraft vom Motor auf die Räder übertrugen. Heute verfügen die Modelle über einen zuverlässigeren Direktantrieb: Der Motor dreht Zahnräder, die die Kraft über ein Zahnradgetriebe auf die Räder übertragen.

Der Motor wurde zunächst meist an einen Standardrollstuhl befestigt. Später wurden Motor und Batterien unter dem Sitz des Rollis integriert. Erst die Trennung der Fahrkomponente von der Sitzkomponente eröffnete neue ergonomische Möglichkeiten. Nun standen Gewichtsreduktion, Leistungs- und Komfortsteigerung im Fokus. Die zunehmende Entwicklung der Rennrollstühle verlieh auch den Alltagsrollstühlen Rückenwind.

Der Rollstuhl hat eine Holzplatte als Sitzfläche und eine Rückenlehne aus kariertem Stoff. Darum befindet sich eine hellblaue Metallkonstruktion, die auf der abgerundeten Rückseite über Rücklichter verfügt. Zwei grosse Speichenräder mit dicken Gummireifen und Chromstahl-Schutzblechen werden ergänzt von einem kleinen Rad hinten. Die zwei braunen Fussstützen sind hochklappbar. An den Seiten des Rollstuhls befinden sich zwei Hebel mit weissem, rundem Handgriff und ein Rückspiegel.

Dieser sehr wendige Elektrorollstuhl mit Hinterantrieb wurde um 1960 in der Schweiz gebaut. (Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung)

Der erste Aufstehrollstuhl der Welt

1975 entwickelte die LEVO AG (damals Valutec) den ersten Stehrollstuhl. Nur ein Jahr später wurde die Weltneuheit im Schweizerischen Dottikon (AG) in Serie gefertigt und eroberte den internationalen Markt.

Welche Rollstuhlarten werden heute unterschieden?

Auch wenn das umgebaute Auto mit 78 % die Rangliste der wichtigsten Mobilitätshilfen für Menschen mit Querschnittlähmung in der Schweiz anführt, ist der Rollstuhl für Betroffene elementar. Dieses grundlegende orthopädische Hilfsmittel muss den individuellen Anforderungen gerecht werden. Neben der Selbständigkeit und Mobilität in Alltag, Beruf, Sport und Freizeit ist das «gesunde Sitzen» zentral: bessere Haltung und weniger Druckstellen.

wichtigste mobilitätshilfen für querschnittgelähmte schweiz

«Insgesamt wurde die Rollstuhlherstellung vielseitiger und individueller. Früher haben viele basteln müssen, um ihren Rollstuhl anzupassen. Heute kann man sein Hilfsmittel auf Mass bestellen.»

Peter Reichmuth, Leiter Verkauf Rehatechnik, Orthotec

Das Logo der Orthotec AG in Nottwil, Schweiz. Es besteht links aus dem Kreuz-P-Logo der Schweizer Paraplegiker-Gruppe in Türkisgrün und rechts dem schwarzen Schriftzug «Orthotec».

Orthotec fördert schweizweit die Bewegungsfreiheit von Menschen mit Querschnittlähmung und ähnlichen Einschränkungen. Seit 1994 bietet das Unternehmen der Schweizer Paraplegiker-Gruppe Hilfsmittel und Dienstleistungen in fünf Kompetenzbereichen:

  • Rehatechnik (Rollstühle und Zuggeräte)
  • Fahrzeugumbau
  • Orthopädietechnik
  • Kontinenz- und Alltagshilfen
  • Rollstuhlsport

Der offizielle Ausrüster von Swiss Paralympics beschäftigt rund 100 Mitarbeitende. Weitere Informationen unter www.orthotec.ch.

Grundsätzlich unterscheiden sich die unterschiedlichen Rollstühle in Antriebsart, Steuerungsmechanismen und Technologie. Hier eine gute Übersicht über die wichtigsten Komponenten und Funktionen eines manuellen und eines Elektrorollstuhls.

teile und funktionen von manuellem und elektro rollstuhl

(Illustration: Doreen Borsutzki, Magazin «Paraplegie» 4/2023)

Manuelle Rollstühle

Ob Greifreifenrollstühle oder Schieberollstühle: Die zusammenklappbaren oder starren Modelle lassen sich – selbständig oder mit Unterstützung eines Rollstuhllifts – gut im Auto verstauen. Zu den gängigen manuellen Rollstuhltypen zählen:

Aktivrollstühle sind das Ergebnis intensiver Forschung: Sie vereinen Innovationen aus den Bereichen Form, Technologie, Ergonomie und Gewicht. Die Entwicklung von Leichtmetallrollstühlen durch den Schweizer Rainer Küschall Mitte der 1980er-Jahre revolutionierte den Markt: Die ersten Modelle seiner Firma Küschall wogen rund 14 Kilogramm.

Heute entwickeln und produzieren unterschiedliche Anbieter leichte Rollstühle aus Alu oder Titan für den Alltag und die Freizeit. Sie ermöglichen mehrstündiges Sitzen im Alltag, selbständige Fortbewegung und leichtes Verladen ins Fahrzeug.

«Vor 40 Jahren wog mein Rollstuhl aus Stahl 40 Kilogramm. Dank dem neuen Alurahmen schmolz das Gewicht auf 7 bis 12 Kilogramm – eine sprichwörtliche Erleichterung im Alltag!»

Peter Reichmuth, Leiter Verkauf Rehatechnik, Orthotec

Rollstühle mit Hebelantrieb sind in der Schweiz selten zu sehen. Anstatt über die Greifreifen werden die Räder über das hebelbasierte Antriebssystem bewegt. Hersteller werben mit gesundheitlichen Vorteilen, beispielsweise Schonung der Schulter- und Handgelenke, bessere Haltung und Atmung sowie leichteres Vorankommen in steilem oder unwegsamem Gelände.

Die Entwicklung der Aktivrollstühle geht weiter. Zum Erhalt eines aktiven Lebensstils spielen auch Sitzkissen, Rückenstütze und die weiteren Zubehörteile eine Rolle.

Für mehr Flexibilität können manuelle Rollstühle mit einer Vielzahl an elektrischen Hilfsantrieben kombiniert werden.

«Ein grosser Fortschritt für uns Rollstuhlfahrende sind die Zuggeräte, die flexibel vorgespannt werden können. Sie erweitern den Aktionsradius und die Mobilität ungemein und schonen die strapazierten Schultergelenke – nicht zuletzt, weil sie die Zahl der Transfers reduzieren.»

Peter Reichmuth, Leiter Verkauf Rehatechnik, Orthotec

Pflege-Rollstühle

Der Pflegerollstuhl (auch Multifunktionsrollstuhl genannt) ist in der Regel nicht zum Selbstfahren konzipiert. Er erleichtert vielmehr die Pflege, u. a. für die korrekte Lagerung von Patientinnen und Patienten, oder deren Verschiebung von A nach B. Ausgeklügelte Multifunktionsmodelle wie der BREEZY Cirrus G5 bieten variable Positionierungs- und Sitzmöglichkeiten.

Elektro-Rollstühle

Bei diesen Modellen sorgt ein integrierter Elektromotor für mehr Selbständigkeit und Mobilität von stark eingeschränkten bzw. hoch gelähmten Menschen – im Innenbereich oder draussen auf unebenem Gelände.

Der Antrieb und das elektrische Verstellen von Sitz, Fuss- und Kopfstützen werden per Joystick, Kinn oder Mund gesteuert. Neu auf dem Markt sind Elektrorollstühle mit Kopfsteuerung: Dabei werden Kopfbewegungen mit einer Brille oder einem Headset in Steuersignale umgewandelt.

Das aktuelle Modell F5 Corpus VS von Permobil bietet eine Lift- und Stehfunktion, um die Blasen- und Darmfunktion zu stimulieren:

Auch Elektromobile mit einem Lenker (Scooter) gehören in diese Kategorie. Manche Nutzende von Elektrorollstühlen sind auf eine Umfeldsteuerung oder auf weitere integrierte Kommunikationstools angewiesen.

Sport-Rollstühle

Während Alltagsrollstühle auf die Vielfalt der Funktionen und einen geringen Platzbedarf optimiert sind, steht bei den unterschiedlich grossen Sportrollstühlen die Wendigkeit und Stabilität im Zentrum. Zudem punkten sie mit geringem Gewicht, da Teile wie Bremsen und Stossgriffe wegfallen und leichte Materialen wie Aluminium, Titan oder Carbon genutzt werden.

Je nach Sportart sind unterschiedliche Dimensionen und Formen erhältlich, jeweils passgenau für die Sportlerinnen und Sportler hergestellt:

Futuristische Rollstühle des 21. Jahrhunderts

Rollstuhlanbieter bringen in atemberaubenden Tempo Rollstuhl-Innovationen auf den Markt:

Lassen sich Rollstühle bald über Gedanken steuern?

Der amerikanische Neurowissenschaftler und BrainGate-Gründer John Philip Donoghue erfand die mehrfach preisgekrönte Technologie Brain-Computer-Interface (BCI), deutsch Gehirn-Computer-Schnittstelle. Durch sie können Betroffene mit sehr eingeschränkter Mobilität nur durch ihre Gedanken Befehle an einen Computer senden. Nach jahrelangen Tests wurde der Tetraplegiker Matthew Nagle 2004 erstmals an den Computer angeschlossen.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Technologie der Gedankensteuerung weltweit weiterentwickelt und die Forschung hat eindrückliche Erfolge erzielt. In Studien wurden Tetraplegikern fingergrosse Schnittstellen mit hunderten Elektroden in die Grosshirnrinde implantiert, sodass sie einen Roboterarm gedanklich bewegen konnten. Auch die Gedankensteuerung eines Rollstuhls wäre so möglich.

Auch Elon Musks Firma Neuralink sorgte mit ihrer klinischen Studie für Furore: Demnach sollen Implantate mit 1024 fadenförmigen Elektroden Tetraplegikern ermöglichen, sich mit der digitalen Welt zu verbinden.

Trotz dieser spektakulären Entwicklung steckt die BCI-Technologie in Kinderschuhen und wird im Alltag kaum eingesetzt. Gründe könnten die Angst vor einer Infektion während dem neurochirurgischen Eingriff und die noch mangelhafte Signalqualität sein.

Zudem sind die rechtlichen und ethischen Grundlagen noch nicht geklärt. Nachdem Chile 2021 als erstes Land der Welt seine Verfassung um Rechte zum Schutz der mentalen Privatsphäre erweiterte, organisierte die UNESCO im Juli 2023 die erste Konferenz für Neuro-Ethik und Menschenrechte im Kontext von Neurotechnologien.

Wie sieht die Zukunft des Rollstuhls aus?

Die Weiterentwicklung von Rollstühlen ist noch lange nicht abgeschlossen. Forschende arbeiten an leichteren Materialien, intelligenten Steuerungen, ausgeklügelten Funktionen und der Integration von Robotik und künstlicher Intelligenz. Beispielhaft ist das SCI-Mobility-Labor der Berner Fachhochschule: Die Forschenden arbeiten an der Verbesserung der Fortbewegungsmöglichkeiten für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, indem sie bereits erhältliche Produkte testen und neue Fahrzeuge entwickeln.

Einige (gut gemeinte) Erfindungen sorgen auch für kontroverse Diskussionen, wie unser Blog «Rollstuhl-Innovation oder Rollstuhl-Witz» zeigt. Vielleicht bleibt man dann doch beim alten Rollstuhl oder findet ein passendes Occasionsmodell …?

«Ein Rollstuhl ist wie ein Fahrrad oder ein Auto. Es ist ein Instrument, das es mir ermöglicht, zu tun, was ich tun möchte.»

Christopher Reeve, US-amerikanischer Schauspieler und Aktivist für Querschnittgelähmte

Der Rollstuhl steht sinnbildlich für unseren Erfindergeist und unser Streben nach Inklusion. Der rasante Fortschritt in der Rollstuhlentwicklung schenkt Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Möglichkeit, an sozialen Aktivitäten teilzuhaben, einer Arbeit nachzugehen und zu verreisen; also aktiv und selbstbestimmt zu leben. Wir sind gespannt, wie sich der Rollstuhl weiterentwickelt …

Welche Bedeutung hat der Rollstuhl für dich? Und wie sollte die Evolution des Rollstuhls deiner Meinung nach weitergehen?

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